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Zögernd auf dem Weg ins neue Jahrzehnt

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Jahreswechsel - eine Gelegenheit, Rückblick auf eine längere Periode zu halten. Für viele - und auch für viele Zeitungen -fiel heuer diese Besinnung besonders ausführlich aus, stehen wir doch an der Schwelle der achtziger Jahre, eines neuen Jahrzehnts.

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Jahreswechsel - eine Gelegenheit, Rückblick auf eine längere Periode zu halten. Für viele - und auch für viele Zeitungen -fiel heuer diese Besinnung besonders ausführlich aus, stehen wir doch an der Schwelle der achtziger Jahre, eines neuen Jahrzehnts.

Ich habe mit großem Interesse gelesen, welche Rückblicke und Ausblicke in den verschiedenen Blättern angestellt worden sind. Sie sind mir zunächst deswegen bemerkenswert erschienen, weil sie im Grundtenor ziemlich einheitlich sind: Zu Beginn der achtziger Jahre herrscht keine Aufbruchsstimmung. Diesbezüglich hat sich die Lage im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren grundlegend geändert.

Sicher in vielen Kommentaren werden die Erfolge der siebziger Jahre registriert: in den Industrieländern gelang es, einerseits den Frieden aufrechtzuerhalten und -trotz aller Schwierigkeiten - sogar eine weitere Steigerung des materiellen Wohlstands zu erreichen. Aber niemand wird so recht froh bei der Aufzählung dieser - eigentlich großartigen - Leistungen.

Woher rührt aber dieses vordergründig schwer verständliche Unbehagen? Hätten wir nicht nach 35 Jahren ununterbrochenen Friedens in Europa und bei einem nie dagewesenen Wohlstand allen Grund zu feiern? Woher also diese eher bedrückte Stimmung, die man aus all diesen Kommentaren herausspürt?

Es wird zwar kaum klar ausgedrückt, schimmert aber in fast allen Überlegungen durch: Unsere Unsicherheit bezüglich des weiteren Wegs in die achtziger Jahre rührt letztlich von der Einsicht her, daß unsere Gesellschaft in vielen Bereichen nur mehr schwer oder gar nicht mehr zu. steuern 'ist.

Wir registrieren Entwicklungen, die uns zum Teil vollkommen überraschen und deren wir nur schwer, wenn überhaupt, Herr werden. Dafür lassen sich Beispiele aus den verschiedensten Bereichen anführen.

Die Wirtschaft: Zu Beginn der siebziger Jahre war man überzeugt, das wirtschaftliche Geschehen in seinen Grundzügen zu durchschauen. Der deutsche Bundeskanzler Helmuth Schmidt sagt etwa noch 1972: „Eine richtige Weltwirtschaftskrise kommt weder am Horizont herauf, noch läßt sie sich hinter dem Horizont vermuten. Im übrigen haben alle Regierungen der Welt kapiert, daß und wie man Rezessionen bekämpfen muß."

Nun, gerade im Bereich der Wirtschaft müssen wir feststellen, daß die meisten Regierungen weder mit der Arbeitslosigkeit noch mit der Inflation oder den Zahlungsbilanzproblemen fertig werden. Endlich ist heute allen Beobachtern klar, daß das Energieproblem, die dominante Größe bei der Gestaltung der zukünftigen Wirtschaftspolitik sein wird.

Bis zum Jahr 1979 mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, wird nun die Abhängigkeit der Industrieländer von den OPEC-Ländern überdeutlich. Hier Lösungen zu finden, ist eines der zentralen Gebote für die achtziger Jahre, sonst bleibt die Wirtschaft in ihrer Entwicklung unsteuerbar.

Ernüchtert sind auch viele von den Leistungen von Wissenschaft und Technik. Ganz offensichtlich waren zunächst die Fehlleistungen der Zukunftsforschung. Es gelang ebenso wenig die vorhergesagten .biochemischen Maschinen' zur Nahrungsmittelerzeugung herzustellen wie den Alterungsprozeß des Menschen zu reduzieren. Im Gegenteil, die Lebenserwartung der Europäer stagniert eher.

Aber auch in anderer Hinsicht erlitt das Image der Forschung eine empfindliche Einbuße überall dort, wo es um Gutachten zuvstrittigen Großprojekten ging: Zwentendorf machte deutlich, wie diametral gegensätzlich die Behauptungen sein können, die sich wissenschaftlich untermauern

lassen. Man fragt sich unwillkürlich, wohin die Wissenschaft in Zukunft gehen wird, welchen Stellenwert ihre Aussagen haben werden, wenn die Kriterien zu ihrer Beurteilung immer mehr ins Wanken geraten?

Besonders auffallend ist aber die Besorgnis, die allgemein über die Unsteuerbarkeit der politischen Entwicklung geäußert wird. Zwar stellt der SPD-Vorsitzende Willy Brandt in einem Rückblick fest, daß der Friede nie sicherer war. Er steht aber mit dieser Lagebeurteilung allein auf weiter Flur.

Nur allzu deutlich wird die Unvor-hersehbarkeit von entscheidenden Ereignissen am Beispiel der Entwicklung im Iran: internationale Spielregeln und Abmachungen verlieren besonders offenkundig ihre Bedeutung, der UN-Generalsekretär wird lächerlich gemacht, der Westen ist offensichtlich machtlos ... Und das in einem Land, das bis vor kurzem Hauptabnehmer von westlichem Rüstungsmaterial, einer der zukunftsträchtigsten Handelspartner

war. Österreich wollte dort seine abgebrannten Uranbrennstäbe für die Ewigkeit lagern...

Immer fraglicher wird auch, ob die Ost-West-Beziehungen wirklich auf Grundlagen ruhen, die von beiden Seiten im wesentlichen anerkannt werden. Die Mehrzahl der Kommentatoren zeigt gerade diesbezüglich die größte Besorgnis, trotz Heißem Draht und SALT II.

Gar mancher stellt die Frage, ob die einseitige' Ausrichtung der westlichen Verteidigung auf die atomare Abschreckung sich nicht derzeit ala Fehlschlag erweist. Die Ereignisse in Afghanistan, im Iran und in Angola lassen diese Fragen nicht ganz unberechtigt erscheinen.

Die Welt scheint eher zögernd auf die achtziger Jahre zuzustolpern als sie mit Elan anzugehen. Vieles scheint unsicher geworden, politische Pfeiler scheinen angeknackst zu sein, die Zahl 1984 und die damit verbundenen Assoziationen haben nicht ihre magische Kraft eingebüßt.

Der bisherige Gang der Welt hat die Orwell'sche Prognose von der total verwalteten Welt nicht in Frage gestellt. Man kann sich noch immer vorstellen, daß unter dem Zwang durchaus möglicher Ereignisse, die Horrorvision Orwells realisiert werden könnte.

Schon heute erkennen wir Züge einer solchen Gesellschaft. So bewilligt das Wiener Gesundheitsamt eine Abtreibungsklinik, wird die Berliner Mauer als Friedenswall gefeiert und die blutigen Interventionen in Angola, Äthiopien und Afghanistan als Friedenspolitik, werden Dissidenten in der Sowjetunion in Nervenkliniken gesteckt. Ist es da noch weit bis zu Orwells Folterungen im Liebesministerium?

Besorgt frage ich mich natürlich, ob man sich der Betrachtung all dieser Aspekte aussetzen soll. Oder ist es nicht sinnvoller solche „anonym und kollektiv begangenen Fehler keiner Gewissenserforschung" zu unterziehen, wie Pater Paulus Gordan von der Erzabtei St. Peter in der Wochenzeitung „Präsent" vorschlägt?

Meine Antwort darauf wäre, daß gerade wir Christen aufgerufen sind, die Zeichen der Zeit zu sehen und zu deuten. Und heute werden wir eben immer stärker darauf gestoßen, daß wir nicht in einer heilen, sondern in einer zu heilenden Welt leben. Vieles - manche sagen alles - ist fragwürdig geworden. Die Welt wartet auf neue Antworten in den achtziger Jahren.

Aus welcher Richtung sie kommen werden? Darauf läßt sich keine zuverlässige Antwort geben. Aus welcher Richtung sie aber kommen könnten, darauf deutet seine Bemerkung im Leitartikel der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit" hin. Hier wird von einer Wiederkehr des Heiligen gesprochen, ohne Unterwerfung unter religiöse Dogmen.

Das scheint mir der Schlüssel zu sein: Wenn schon die Welt in die achtziger Jahre stolpert, sollten wir Christen nicht mit noch mehr Elan, einen Aufbruch in dieses Jahrzehnt wagen?

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