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Klimawandel: Mythen und Fakten

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Der menschengemachte Klimawandel ist real. Die Auswirkungen spüren wir schon längst und wir werden sie in der Zukunft noch viel stärker spüren. Das berühmte "Zwei-Grad-Ziel", also die Begrenzung der globalen Erwärmung bis Ende des 21. Jahrhunderts auf höchstens zwei Grad über der Temperatur von 1850, ist nach neuen Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Meteorologie kaum mehr zu erreichen. Am wahrscheinlichsten ist eine Erwärmung um 3,2 Grad Celsius -und selbst um das zu erreichen, werden wir uns gehörig anstrengen müssen. Trotzdem finden sich überall die Leugner des menschengemachten Klimawandels. Von hochrangigen Politikern über fachfremde Wissenschaftler und aufmerksamkeitsheischende Promis bis hin zu Verschwörungstheoretikern im Internet -sie alle ignorieren die Erkenntnisse der Klimaforschung und verbreiten eine Vielzahl von Falschaussagen: Der Mensch sei ja gar nicht in der Lage, das Klima zu verändern; das Klima würde sich ganz von selbst ändern, weil es das ja auch in der Vergangenheit schon getan habe; die Sonnenaktivität sei die alleinige Ursache des Klimawandels; die schmelzenden Gletscher hätten keine negativen Auswirkungen; die Klimaforscher wären sich selbst nicht einig -und so weiter. Man könnte sich in endlosen Diskussionen und Streitereien über alle möglichen Details verlieren. Oder man tritt einen Schritt zurück und betrachtet das große Ganze. Zum Beispiel die sogenannte "Strahlungsbilanz" der Erde:

Dabei geht es um die Menge an Energie, die unsere Erde von der Sonne erreicht und die Menge an Energie, die die Erde wieder abgibt. Wie sich Objekte durch die Absorption von Strahlung erwärmen, wie sie diese Wärme wieder abgeben und wie sich daraus die Temperatur dieser Objekte bestimmt, ist vielfach bestätigte und lang bekannte Grundlagenphysik. Wir wissen -und messen -sehr gut, wie viel Sonnenenergie unseren Planeten erreicht, was davon reflektiert wird, was absorbiert und was zur Erwärmung beiträgt. Nun messen wir seit einigen Jahrzehnten, dass die Erde immer wärmer wird. Die Energie dafür muss von irgendwo herkommen. Die Sonne kann es nicht sein, denn da hat sich nichts geändert. Was sich dagegen geändert hat, ist die Menge an Treibhausgasen in unserer Atmosphäre. Und nur wenn wir das berücksichtigen, geht die Bilanz auf.Wir Menschen haben den Anteil der Treibhausgase in der Atmosphäre erhöht. Das führt zu einer Erwärmung des Planeten. Wer das leugnet, ignoriert nicht nur unzählige, ganz konkrete Messungen, sondern vor allem die Grundlagen der kompletten Physik. Dass bestimmte Moleküle als Treibhausgas wirken können, liegt an den fundamentalen Eigenschaften der Atome und der Art und Weise, wie sie Strahlung absorbieren und wieder abgeben können. Diese Eigenschaften sind schon seit Jahrzehnten gut erforscht und verstanden. Ein Großteil unserer modernen Technik beruht auf diesem quantenmechanischen Verständnis der Atome.

Dass Kohlendioxid als Treibhausgas wirkt, ist zweifelsfrei nachgewiesen. Dass mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre zu einer Erwärmung des Planeten führt, ist eine logische Folge. Die Messungen zeigen, dass durch menschliches Handeln in den letzten 150 Jahren die Menge an Kohlendioxid in der Atmosphäre um 45 Prozent erhöht wurde. Daraus resultiert genau das, was wir auch tatsächlich beobachten: eine globale Erwärmung mit all ihren klimatischen Folgen. Klimaforschung ist keine isolierte Geheimdisziplin; sie ist eingebettet in den Rest der Naturwissenschaft. Sie funktioniert nach den gleichen Gesetzen und mit den gleichen Methoden wie Physik, Astronomie, Biologie, Chemie und so weiter. Oder anders gesagt: Es gibt nur eine Wissenschaft, und die Erforschung des Klimas ist ein Teil davon. Wer die Resultate der Klimawissenschaft ignoriert, ignoriert gleichzeitig die Erkenntnisse der gesamten Naturwissenschaft. Wer den menschengemachten Klimawandel leugnet, verwirft gleichzeitig auch die wissenschaftliche Revolution, die uns in den letzten Jahrhunderten die Welt so erfolgreich verstehen hat lassen. Wer den menschengemachten Klimawandel leugnet, verwirft die Errungenschaften der Aufklärung und das rationale Fundament, auf dem unsere moderne Zivilisation gebaut ist. Wer den menschengemachten Klimawandel leugnet, propagiert also letztlich Irrationalität und Wissenschaftsfeindlichkeit. Und angesichts all der Probleme, die die Zukunft für uns bereithält, ist das eine denkbar schlechte Ausgangsposition.

Der Autor ist Astronom, Wissenschaftsautor und -blogger sowie Mitglied der Wissenschaftskabarett-Truppe "Science Busters"