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Feuilleton

Der verschobene Weltuntergang

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Szenarien des Weltunterganges sind Begleiter menschlichen Denkens. Sie haben recht, denn das Ende wird kommen. Aber noch nicht so bald.

Das Jahr fängt ja gut an. Kaum hatte man sich von den Strapazen des Jahreswechsels erholt, machten auch schon unheilvolle Meldungen die Runde. Von Abertausenden Vögeln, die in den USA aus mysteriösen Gründen vom Himmel gefallen waren. Mysteriös? Tierisches Massensterben ist durchaus nichts Ungewöhnliches, versichern Biologen. Ein plötzlicher Kälteeinbruch, Orientierungsverlust infolge lauter Silvesterraketen oder ungünstig gelegene Hochspannungsleitungen - eine Liste rationaler Erklärungen ist schnell bei der Hand. Der Exitus der Tiere kann aber auch als Vorbote des kommenden Weltuntergangs interpretiert werden. Denn das Ende ist ja bekanntlich nah. Und das schon seit es Menschen gibt.

Apokalyptisches Gedankengut gehörte zu allen Zeiten zum Überzeugungsgut unserer Spezies. Selbst honorige Geister waren nicht frei davon. So meinte Isaac Newton, dass die Welt im Jahr 2060 untergehen werde. Dieses Datum soll er aus den biblischen Büchern Daniel und der Offenbarung erschlossen haben. Traditionell sind Vorhersagen über das Ende der Welt eine Kernkompetenz vor allem jener Religionen, die einen Anfang der Welt oder den Kreislauf jeglichen Geschehens kennen. Dabei ist grundsätzlich zwischen zyklischen und linearen Zeitmodellen zu unterscheiden.

Erstere waren vor allem in der antiken und der asiatischen Welt vorherrschend. Demnach wiederholt sich der Lauf der Geschichte in mehr oder weniger regelmäßigen Zyklen. Jedes Zeitalter hat ein unwiderrufliches Ende, um dem nächsten Platz zu machen. Das klingt nicht unsympathisch. Für Friedrich Nietzsche hingegen verkörperte dieser Gedanke jedoch den reinen Nihilismus, in dem es so etwas wie einen Sinn des Daseins nicht geben kann. Mit dem Christentum tauchte erstmals das lineare Zeitmodell auf. Es kennt ein endgültiges Ende der Geschichte in Form des jüngsten Gerichts.

Damit wurde es gleichzeitig zur Anerkennung versprechenden Aufgabe, das genaue Datum der Apokalypse herauszufinden. Detaillierten Ausführungen, wie es genau zu Ende gehen wird, sind Tür und Tor geöffnet. So kommen etwa Sintflutsagen in fast allen Kulturkreisen vor. Für den Völkerkundler Heinrich Dosedla stellen sie das "Urbild aller kollektiven Traumata“ dar. Das Ansteigen des Meeresspiegels als Folge des Klimawandels ist eine zeitgemäße Variante davon. Im Unterschied zu den historischen Vorbildern leider eine sehr glaubwürdige.

Große Toleranz bei Fehlprognose

Wie jedes Jahr bieten selbsternannte Wahrsager auch für 2011 wieder jede Menge Unangenehmes an. Die "Ontario Consultants on Religious Tolerance“ haben einiges davon auf ihrer Website zusammengetragen. Richtig ernst wird es aber wohl erst 2012, wenn ein Abschnitt des berüchtigten Maya-Kalenders zu Ende geht. Anhänger apokalyptischer Theorien sind erstaunlich tolerant gegenüber Fehlprognosen. Das wies der Sozialpsychologe Leon Festinger bereits in den 1950er Jahren anhand einer amerikanischen Sekte nach.

Die Gruppe wartete zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die große Flut, die ihr von Außerirdischen vorausgesagt worden war. Als diese nicht eintraf, werteten sie das als Erfolg ihrer Gebete. In der Folge verstärkte sich ihre Überzeugung zu missionarischem Eifer. Festingers Forschung ist in dem berühmten Buch "When prophecy fails“ nachzulesen.

Mit mehrköpfigen Ungeheuern und giftspeienden Unwesen gewinnt man heute keine Anhänger mehr. Viele der modernen Apokalypseszenarien bedienen sich deshalb der Versatzstücke aus seriösen wissenschaftlichen Theorien wie Geophysik oder Astronomie.

Dazu zählt etwa der "vergessene“ Planet X, der die Sonne in gewaltigem Abstand umrunden soll. Eines Tages, so meinen manche, wird er mit der Erde kollidieren. Dass dieser Planet entweder schon längst entdeckt worden wäre, oder aber einer himmelsmechanisch unmöglichen Bahn folgen müsste, spielt dabei keine Rolle. Hartnäckig hält sich auch der Verdacht, am Kernforschungsinstitut CERN bei Genf könnte ein Schwarzes Loch entstehen und die Erde verschlingen. Der dortige Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) lässt jede Sekunde Hunderte Millionen Protonen kollidieren. Dass schwarze Minilöcher entstehen ist tatsächlich möglich. Aus Sicht der Forschung wäre das wünschenswert. Sofern nicht alle Physiker kollektiv irren, würden diese aber im Bruchteil einer Sekunde wieder zufallen. In der Atmosphäre passiert das ständig.

Noch reicht die Kraft der Sonne

Man sollte jedoch nicht allzu voreilig über die Propheten des Weltunterganges spotten. Denn grundsätzlich haben sie ja recht. Zumindest auf der Erde sind die Tage der Menschheit tatsächlich gezählt. Spätestens dann, wenn der Wasserstoffvorrat der Sonne verbraucht ist. Dann kommen die Reaktionen in ihrem Inneren zum erliegen, die Sonne mutiert zu einem sogenannten Weißen Zwerg. Zuvor bläht sie sich aber noch einmal ordentlich auf und verbrennt alles, was ihr nahe genug ist. Dazu gehört auch die Erde. Dieser Prozess wird in etwa fünf bis sechs Milliarden Jahren abgeschlossen sein.

Deutlich vorher, in rund einer Milliarde Jahren, werden zuerst die Pflanzen sterben, danach die Ozeane verdampfen. Womöglich wird auch die Erdachse instabil, aber für das humane Überleben macht das dann keinen Unterschied mehr. Auch die Chancen für den alles vernichtenden Einschlag eines Asteroiden oder Kometen sind abschätzbar. Ist der Einschlag energiereich, würde der aufgewirbelte Staub sich in der Atmosphäre ausbreiten und schnell den Erdball umziehen. Sonnenstrahlen könnten nicht mehr durchdringen, es wäre auf der Erde für mehrere Jahre kalt und dunkel. Das geschah beispielsweise vor 65 Millionen Jahren. Damals stürzte ein etwa zehn Kilometer großer Meteorit mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Sekunde auf die Halbinsel Yucatan. Die Folge war ein weltweites Massensterben. Das kann wieder passieren. Statistisch gesehen jedoch nur alle 100 Millionen Jahre.

Solche zeitlichen Dimensionen sind eher von akademischem Interesse denn potenzielle Auslöser einer Massenpanik. Andererseits hat das Jahr gerade erst begonnen.

Szenarien des Weltunterganges sind Begleiter menschlichen Denkens. Sie haben recht, denn das Ende wird kommen. Aber noch nicht so bald.

Das Jahr fängt ja gut an. Kaum hatte man sich von den Strapazen des Jahreswechsels erholt, machten auch schon unheilvolle Meldungen die Runde. Von Abertausenden Vögeln, die in den USA aus mysteriösen Gründen vom Himmel gefallen waren. Mysteriös? Tierisches Massensterben ist durchaus nichts Ungewöhnliches, versichern Biologen. Ein plötzlicher Kälteeinbruch, Orientierungsverlust infolge lauter Silvesterraketen oder ungünstig gelegene Hochspannungsleitungen - eine Liste rationaler Erklärungen ist schnell bei der Hand. Der Exitus der Tiere kann aber auch als Vorbote des kommenden Weltuntergangs interpretiert werden. Denn das Ende ist ja bekanntlich nah. Und das schon seit es Menschen gibt.

Apokalyptisches Gedankengut gehörte zu allen Zeiten zum Überzeugungsgut unserer Spezies. Selbst honorige Geister waren nicht frei davon. So meinte Isaac Newton, dass die Welt im Jahr 2060 untergehen werde. Dieses Datum soll er aus den biblischen Büchern Daniel und der Offenbarung erschlossen haben. Traditionell sind Vorhersagen über das Ende der Welt eine Kernkompetenz vor allem jener Religionen, die einen Anfang der Welt oder den Kreislauf jeglichen Geschehens kennen. Dabei ist grundsätzlich zwischen zyklischen und linearen Zeitmodellen zu unterscheiden.

Erstere waren vor allem in der antiken und der asiatischen Welt vorherrschend. Demnach wiederholt sich der Lauf der Geschichte in mehr oder weniger regelmäßigen Zyklen. Jedes Zeitalter hat ein unwiderrufliches Ende, um dem nächsten Platz zu machen. Das klingt nicht unsympathisch. Für Friedrich Nietzsche hingegen verkörperte dieser Gedanke jedoch den reinen Nihilismus, in dem es so etwas wie einen Sinn des Daseins nicht geben kann. Mit dem Christentum tauchte erstmals das lineare Zeitmodell auf. Es kennt ein endgültiges Ende der Geschichte in Form des jüngsten Gerichts.

Damit wurde es gleichzeitig zur Anerkennung versprechenden Aufgabe, das genaue Datum der Apokalypse herauszufinden. Detaillierten Ausführungen, wie es genau zu Ende gehen wird, sind Tür und Tor geöffnet. So kommen etwa Sintflutsagen in fast allen Kulturkreisen vor. Für den Völkerkundler Heinrich Dosedla stellen sie das "Urbild aller kollektiven Traumata“ dar. Das Ansteigen des Meeresspiegels als Folge des Klimawandels ist eine zeitgemäße Variante davon. Im Unterschied zu den historischen Vorbildern leider eine sehr glaubwürdige.

Große Toleranz bei Fehlprognose

Wie jedes Jahr bieten selbsternannte Wahrsager auch für 2011 wieder jede Menge Unangenehmes an. Die "Ontario Consultants on Religious Tolerance“ haben einiges davon auf ihrer Website zusammengetragen. Richtig ernst wird es aber wohl erst 2012, wenn ein Abschnitt des berüchtigten Maya-Kalenders zu Ende geht. Anhänger apokalyptischer Theorien sind erstaunlich tolerant gegenüber Fehlprognosen. Das wies der Sozialpsychologe Leon Festinger bereits in den 1950er Jahren anhand einer amerikanischen Sekte nach.

Die Gruppe wartete zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die große Flut, die ihr von Außerirdischen vorausgesagt worden war. Als diese nicht eintraf, werteten sie das als Erfolg ihrer Gebete. In der Folge verstärkte sich ihre Überzeugung zu missionarischem Eifer. Festingers Forschung ist in dem berühmten Buch "When prophecy fails“ nachzulesen.

Mit mehrköpfigen Ungeheuern und giftspeienden Unwesen gewinnt man heute keine Anhänger mehr. Viele der modernen Apokalypseszenarien bedienen sich deshalb der Versatzstücke aus seriösen wissenschaftlichen Theorien wie Geophysik oder Astronomie.

Dazu zählt etwa der "vergessene“ Planet X, der die Sonne in gewaltigem Abstand umrunden soll. Eines Tages, so meinen manche, wird er mit der Erde kollidieren. Dass dieser Planet entweder schon längst entdeckt worden wäre, oder aber einer himmelsmechanisch unmöglichen Bahn folgen müsste, spielt dabei keine Rolle. Hartnäckig hält sich auch der Verdacht, am Kernforschungsinstitut CERN bei Genf könnte ein Schwarzes Loch entstehen und die Erde verschlingen. Der dortige Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) lässt jede Sekunde Hunderte Millionen Protonen kollidieren. Dass schwarze Minilöcher entstehen ist tatsächlich möglich. Aus Sicht der Forschung wäre das wünschenswert. Sofern nicht alle Physiker kollektiv irren, würden diese aber im Bruchteil einer Sekunde wieder zufallen. In der Atmosphäre passiert das ständig.

Noch reicht die Kraft der Sonne

Man sollte jedoch nicht allzu voreilig über die Propheten des Weltunterganges spotten. Denn grundsätzlich haben sie ja recht. Zumindest auf der Erde sind die Tage der Menschheit tatsächlich gezählt. Spätestens dann, wenn der Wasserstoffvorrat der Sonne verbraucht ist. Dann kommen die Reaktionen in ihrem Inneren zum erliegen, die Sonne mutiert zu einem sogenannten Weißen Zwerg. Zuvor bläht sie sich aber noch einmal ordentlich auf und verbrennt alles, was ihr nahe genug ist. Dazu gehört auch die Erde. Dieser Prozess wird in etwa fünf bis sechs Milliarden Jahren abgeschlossen sein.

Deutlich vorher, in rund einer Milliarde Jahren, werden zuerst die Pflanzen sterben, danach die Ozeane verdampfen. Womöglich wird auch die Erdachse instabil, aber für das humane Überleben macht das dann keinen Unterschied mehr. Auch die Chancen für den alles vernichtenden Einschlag eines Asteroiden oder Kometen sind abschätzbar. Ist der Einschlag energiereich, würde der aufgewirbelte Staub sich in der Atmosphäre ausbreiten und schnell den Erdball umziehen. Sonnenstrahlen könnten nicht mehr durchdringen, es wäre auf der Erde für mehrere Jahre kalt und dunkel. Das geschah beispielsweise vor 65 Millionen Jahren. Damals stürzte ein etwa zehn Kilometer großer Meteorit mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Sekunde auf die Halbinsel Yucatan. Die Folge war ein weltweites Massensterben. Das kann wieder passieren. Statistisch gesehen jedoch nur alle 100 Millionen Jahre.

Solche zeitlichen Dimensionen sind eher von akademischem Interesse denn potenzielle Auslöser einer Massenpanik. Andererseits hat das Jahr gerade erst begonnen.