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Großes schwarzes Sommerloch

In Genf geht der größte Teilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb. Die Physiker freut es. Ein wissenschaftlicher Außenseiter rechnet mit dem Schlimmsten. Wie soll da der Rest der Menschheit reagieren?

Der Countdown zum größten Experiment der Menschheit läuft: Rund zehn Jahre hat es gedauert, den 27 Kilometer langen Teilchenbeschleunigerring namens Large Hadron Collider (kurz: LHC) in Genf zu bauen. Mit einer koordinatorischen Meisterleistung haben rund zweitausend Physiker und Ingenieure für die Fertigstellung des Mammutprojekts gesorgt. Der LHC ist bereits auf seine Arbeitstemperatur von minus 271 Grad C heruntergekühlt. Diesen Monat wird der große Beschleunigerring mit einem kleineren Vorbeschleunigerring gekoppelt werden; die zwei Ringe müssen nanosekundengenau zusammenarbeiten. Am 10. September soll dann - falls nichts Unvorhergesehenes passiert - ein erster Teilchenstrahl mit relativ niedriger Energie in Umlauf gebracht werden. Schließlich werden die Teilchen auf beinahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und frontal aufeinandergejagt. Die Folge: Die Teilchen zersplittern in ihre subatomaren Bestandteile. Aus diesen Kollisionen wollen die Forscher revolutionäre Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und den Beginn des Universums gewinnen (siehe Infobox).

Die Erde wird verschluckt?

Möglich ist auch, dass dabei schwarze Mini-Löcher entstehen. Zumindest einige Varianten der String-Theorie schließen das nicht aus. Anfangs waren die Forscher von dieser Idee fasziniert. Astrophysiker und TU Wien-Professor Heinz Oberhummer dazu: "Niemand hätte gedacht, dass sich schwarze Löcher auch im Labor herstellen lassen. Und es wäre ein erster Beweis für die String-Theorie, für die es bislang keinen einzigen experimentellen Nachweis gibt."

Doch dann fragte die Bild-Zeitung: "Versenken Forscher die Erde in einem schwarzen Loch?" und antwortete implizit mit: Ja, gut möglich. Als Kronzeuge für den drohenden Weltuntergang diente dem deutschen Boulevard-Blatt Otto E. Rössler, Professor an der Universität Tübingen. Er meinte ebenda: "Wenn das Loch nicht stabil bleibt, wird es sich nach meinen Berechnungen ausdehnen, in 50 Monaten unseren Planeten verschlucken!"

Die Teilchenphysiker reagierten prompt. Hermann Nicolai, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik, unterzog Rösslers Fachaufsatz einer vernichtenden Kritik (die sich auf der CERN-Webseite nachlesen lässt): "Dieser Text würde keinen Begutachtungsprozess in einem seriösen Fachblatt überstehen." Anfang August doppelte das Komitee für Elementarteilchenphysik, die Fachvertretung der deutschen Teilchenforscher, mit einer Stellungnahme nach: "Die Erde wird nicht durch schwarze Löcher verschlungen" und: "Rössler interpretiert die Allgemeine Relativitätstheorie falsch".

Die (deutschen) Qualitätsmedien haben die Statements der Scientific Community brav an die breite Öffentlichkeit weitergegeben und sich gegen Rössler, den "illustren Wissenschafter aus Tübingen" (Süddeutsche Zeitung) und "Querkopf" (FAZ) gestellt. Natürlich kann eine niveauvolle Zeitung nicht in Weltuntergangs-Hysterie verfallen. Und wer als Journalist darvor warnt, dass die Welt durch so etwas Abstruses wie ein schwarzes Loch gefressen wird, macht sich selbst lächerlich.

Aber sind die Qualitätsmedien mit ihrer klaren Parteinahme der außerordentlichen Wichtigkeit der Sache gerecht geworden? War es nicht ein wenig zu leicht und lässig, Rösslers Meinung als jene eines "Chemie-Professors" abzuqualifizieren? Tatsächlich ist Rössler eher so etwas wie ein wissenschaftlicher Grenzgänger, ein Pionier der Chaosforschung, der unter anderem Gastprofessuren in Mathematik und Physik hatte. Trotz der negativen Bewertung seitens der etablierten Wissenschaft hält Rössler weiterhin an seiner These fest. Im Furche-Gespräch etwa sagt er: "Die generelle Meinung ist, dass die schwarzen Mini-Löcher aufgrund der Hawking-Strahlung verpuffen werden. Ich glaube einen Beweis zu haben, dass das nicht stimmt." Und fügt hinzu: "Es gibt andere berühmte Leute, die die Existenz der Hawking-Strahlung als nicht sicher hingestellt haben. Wie etwa William Unruh - wenn auch nicht so deutlich. Und dann Adam Helfer. Das Lager der Orthodoxie kennt also durchaus abweichende Meinungen." Von Anfang an wollte Rössler seine Ideen mit den CERN-Forschern in Genf diskutieren. Ein Fachgespräch sei ihm zwar versprochen, dann aber wieder abgesagt worden.

Auch Hermann Nicolai, der zwei kritische Artikel zu Rösslers Arbeit verfasst hat, will nicht mit dem Außenseiter reden. Im Interview verteidigt Nicolai seine ablehnende Haltung: "Ich kriege jede Woche Post von Leuten, die meinen, dass sie Einstein widerlegt hätten. Und ich habe keine Zeit dafür. Wir haben uns mit Herrn Rösslers Paper befasst und die Meinung war einhellig: Wir teilen seine Schlussfolgerungen nicht." Wo genau Rösslers Fehler liegt, vermag Nicolai einem Laien allerdings nicht zu erklären. Dazu ist die Mathematik der Allgemeinen Relativitätstheorie scheinbar zu esoterisch.

Doch allgemein verständlich zu machen, warum die künstlichen schwarzen Löcher keine Gefahr darstellen, das wäre - so Oberhummer - überhaupt das Wichtigste. Dem PR-Department des CERN sei dies nicht gelungen. "Die sagen: Seit Jahrmilliarden treffen kosmische Strahlen auf die Erde und dabei können auch Mini-Löcher entstehen. Der LHC würde also lediglich natürliche Phänomene nachahmen. Doch das Argument hat einen Haken: Wenn ein solches Loch aus dem Weltraum kommt, dann hat es ein ziemlich große Geschwindigkeit."

Schlüssiger Beweis?

Am CERN hingegen treffen die Teilchen frontal aufeinander. Diese Mini-Löcher hätten (falls sie tatsächlich entstünden) eine viel geringere Geschwindigkeit. Oberhummer dazu: "Es wäre denkbar, dass diese stabilen Mini-Löcher von der Erde eingefangen, im Innern der Erde ein immer größeres schwarzes Loch bilden und so die Erde auffressen würden." Dass dies doch nicht passieren wird, sei erst kürzlich in einer Publikation gezeigt worden, die sich mit der Wirkung der kosmischen Strahlung auf Neutronensterne und weiße Zwerge beschäftigt. "Von diesen unheimlich dichten Himmelskörpern - ein Kubikzentimeter eines weißen Zwergs hat die Masse von elf Cheops-Pyramiden - würden die schwarzen Mini-Löcher viel leichter einfangen. Da man aber weiß, dass sie schon seit Jahrmilliarden existieren, kann man sicher schließen, dass der Erde nichts geschehen wird."

Wem diese Erklärung (eines Nicht-CERN-Physikers) allzu fantastisch klingt, bleibt nur die Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit der Beteiligten zu prüfen. Die einen mögen dann den harschen Umgang der Scientific Community mit dem Außenseiter Rössler gutheißen: Denn je länger sich die Scientific Community mit den Thesen eines Rösslers beschäftigt, desto mehr bekommt der Laie das Gefühl, dass dieses Experiment ein echtes Risiko darstellt (selbst wenn die Wissenschafter die Thesen danach verwerfen). Für die anderen mag das Mauern der Mainstream-Wissenschaft irritierend wirken. Die Wissenschaft lebt doch vom kritischen Ideenaustausch. Ein Experiment, das mehr als drei Milliarden Euro gekostet hat und so viele tolle Erkenntnisse verspricht, zu verschieben, benötigt freilich Mut. Sehr viel Mut.

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