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URKNALL GERETTET?

Vor wenigen Wochen ging die Nachricht von der Entdeckung eines 15 Milliarden Lichtjahre entfernten Himmelsobjektes durch die Medien. Es liefere, hört man, die lang ersehnten neuen Indizien zur Erhärtung des kosmologischen Standard-Modells.

Als Standard-Modell gilt die Theorie, wonach das Universum in einem Urknall entstand und sich seit diesem Ereignis ausdehnt. Niemand hat einen Ersatz für dieses Modell anzubieten, trotzdem wurde es in den letzten Jahren von immer mehr Kosmologen in Frage gestellt. Der Grund dafür: Niemand kann erklären, wann, wie und warum die ursprünglich in einem praktisch ausdehnungslosen Punkt und einem Zustand von unvorstellbarer Dichte versammelte kosmische Materie ihre - angenommene - Homogenität verlor und bei fortgesetzter Ausdehnung in Gebilde zerfiel, aus denen später Galaxien, Galaxienhaufen, Superhaufen und noch größere Strukturen entstanden.

Einsteins Mißgriff

Einige Mathematiker meinten, den Zipfel der Antwort gefaßt zu haben -unter dem Vorbehalt der Verifizierung durch die Entdeckung eines Objektes mit Eigenschaften, wie sie das nun entdeckte aufzuweisen scheint. Wenn weitere Beobachtungen halten, was die ersten versprechen, entstand es einige hunderttausend Jahre nach dem Urknall, als sich das Weltall zu strukturieren begann.

In diesem Fall wäre eine der Fragen beantwortet, welche die Kosmologie besonders beschäftigen. Die andere ist die nach dem „Gewicht des Alls", also seiner Dichte. Unterschreitet diese einen Grenzwert, wird sich nach der Urknall-Theorie das All in alle Ewigkeit ausdehnen, während seine Materie langsam zerfällt. Im entgegengesetzten Fall wird in vielen Milliarden Jahren eine Zusammenziehung einsetzen und schließlich alle Materie in Hitze vergehen - eventuell in einem neuen Urknall. Nach der Materie, die auf den Grenzwert fehlt, wird hektisch gesucht.

Sollte „das Objekt" die Hoffnungen der Kosmologen enttäuschen, ist trotzdem keine Rückkehr zur Steady-State-Theorie, zur Vorstellung eines unendlich großen Kosmos ohne Anfang und Ende, angesagt. Als Albert Einstein die Relativitätstheorie formulierte, war sie noch fest genug verankert, um ihn zum „größten Mißgriff seiner Laufbahn", wie er später sagte, zu veranlassen.

Glaubte er seinen Formeln, konnte sich der Kosmos ausdehnen oder zusammenziehen oder von einem Zustand in den anderen übergehen, aber nie in einer gegebenen Größe verharren. Genau dies galt aber noch 1922 als so unumstößlich, daß Einstein eine den Kosmos zusammenhaltende Kraft, die „kosmologische Konstante", erfand.

Die Unmöglichkeit eines unendlich großen, ewig existierenden Alls wurde übrigens schon von Johannes Kepler erkannt: In einem unendlichen Kosmos könnte der Himmel nicht dunkel sein. Vielmehr wäre die Zahl der Sterne unendlich groß und das Licht jedes Sterns hätte Zeit gehabt, jeden Punkt dieses Kosmos zu erreichen. Folglich gäbe es kein Fleckchen Himmel ohne Stern. Die Erde wäre nicht nur längst verbrannt, sondern hätte nicht einmal entstehen können. Mit anderen Worten, ein solcher Kosmos ist unmöglich.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem Argument hat die Ad-absurdum-Führung der Steady-State-Theorie durch die Kernphysik: Bei jeder Bindung von Teilchen, also bei der Entstehung jedes Atoms oder Moleküls wird ein Energieüberschuß abgestrahlt, der in einem stationären Universum auf ein anderes System treffen und dieses zerstören würde. Entstehung von Teilchen und Zerstörung von Teilchen würden einander aufheben, daher ist ein stationäres All unmöglich. In einem sich ausdehnenden, immer mehr verdünnenden All kann der Raum diese Strahlung absorbieren.

Wenn das neu entdeckte Objekt nicht hält, was es verspricht, muß die Kosmologie zur Tagesordnung des Fragens nach der Entstehung der Galaxien und Galaxienhaufen zurückkehren. Aber mit einer unbeantworteten Frage zu leben ist allemal produktiver als die Verteidigung einer überzeugend widerlegten Vorstellung. Vorstellung von Wirklichkeit, nicht Wirklichkeit selbst, bleibt das eine wie das andere Modell.

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