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Raumforschung oder „Weltraum

Ein Vorwurf trifft auch die astronomische Fachwelt selbst. Die Vertreter der Raketentechnik halten engsten Kontakt mit den Nachrichtenagenturen und sorgen dafür, daß selbst die kleinsten ihrer Versammlungen in der Tagespresse erwähnt werden. Die astronomische Fachwelt ist viel zurückhaltender. hätte es allerdings auch schwer, sich durchzusetzen, weil sie immer wieder nur Sensationsmeldungen als falsch anprangern müßte.

Es mag an dieser Stelle gestattet sein, einige der gröbsten Fehlansichten auf dem Gebiet der Raumforschung zu berichten. Ich sage Raumforschung und spreche nicht vom „Weltraum“. Vergegenwärtigen wir uns doch einmal die wirklichen Verhältnisse. In der nebenstehenden Figur 1 ist mit dem innersten Kreis von 6,7 Zentimeter Radius ein Schnitt durch die Erde angedeutet, entsprechend dem wahren Wert von 6740 Kilometer. Wir wissen heute, daß die äußersten Gaswolken, die dem Einfluß der Erde unterliegen, sich bis zu 70.000 Kilometer erstrecken, in unserer Zeichnung als 70 Zentimeter. Dann ist die Bahn, die der tapfere russische Luftwaffenoffizier Gagarin zurücklegte, der Kreis in fünf Millimeter Abstand von der Erdoberfläche. Der Mond käme in eine Entfernung von knapp vier Meter, die Sonne von 1,5 Kilometer und der nächste aller Fixsterne „nur" 400.000 Kilometer. Wie überheblich ist es da, von Weltraumfahrt bei Gagarin zu sprechen I Es war ein technisch hervorragend gelungener Versuch in den äußeren Schichten der Lufthülle, wobei Gagarin selbst natürlich keinerlei wissenschaftliche Leistung erbracht hat. Ungenannt blieben die eigentlichen Geisteshelden, die Astronomen, Ingenieure, Techniker und Arbeiter, die diesen Flug vorbereitet haben. Gagarin selbst ist seitdem ein Objekt politischer Propaganda. Natürlich wird man die eingerissenen schlechten Vokabeln „Weltraumfahrt, Kosmonaut, Astronaut“ nicht wieder abschaffen können.

Vor etwa zwei Jahren starteten die Amerikaner einen zusammengefalteten Plastikballon, der sich dann in etwa 1300 Kilometer Höhe während seiner Bahn um die Erde zu einer Kugel von 30 Meter Durchmesser entfaltete. Die Oberfläche war gut reflektierend für sichtbare Strahlung und Funkwellen. Es handelte sich um das Objekt „Echo“, der auch heute noch zuweilen eine eindrucksvolle Bahn als sehr heller Stern am Abendhimmel zieht, von West nach Ost, mit einer Sichtbarkeit von 10 bis 20 Minuten. Zweck der Echo-Ballons war die militärische Nachrichtenübermittlung durch Reflektion von Signalen, die von einer Stelle ausgehen und in einigen tausend Kilometer Entfernung aufgenommen werden (siehe Figur 1, Kreis EE’). Für den einzelnen Ort ist dies allerdings nur für wenige Minuten täglich möglich, der „Echo“ muß in der Mitte zwischen Sende- und Empfangsstation sein, und von beiden aus gesehen über dem Horizont stehen.

Es war daher naheliegend, daß die amerikanischen Militärtechniker das Verfahren vervollkommnen wollten. Dazu sollte der Start einer Rakete dienen, die nach Erreichung von mehr als 3000 Kilometer Höhe ein dicht gebündeltes Paket feinster Kupfernadeln ausstößt (in Figur 1 die Bahn K’K’). Diese dreieinhalb Millionen Nadeln sollten die Erde in einem Gürtel umkreisen, der sich vom Nordpol über den Äquator zum Südpol und zurück erstreckt. Die Nachrichtenübermittlung wäre damit gewiß erheblich verbessert worden. Man schätzte die Lebensdauer eines derartigen Gürtels auf etwa zwei Jahre, dann sollte er sich in den Hochschichten der Erdatmosphäre verteilt haben. Geplant war, in passenden Abständen weitere derartige Nadelpakete in die Höhe zu bringen. Um dieses „West-Ford-Projekt“ gab es in den USA eine lebhafte Diskussion, da man sich der Gefahr für die astronomische Forschung durch die vagabundierenden Kupfernadeln sofort bewußt war. Im Juni dieses Jahres hat dann auch die „American Astronomical Society“ gegen dieses Vorhaben protestiert, was dann, wie oben geschildert, von der IAU und dem International Council übernommen wurde. Trotz der Resolutionen haben Ende Oktober die amerikanischen Militärtechniker eine entsprechende Rakete gestartet. (Sie haben damit gewissermaßen, allerdings nur im Maßstab von 1:1,000.000, die gleiche Sünde begangen wie Herr Chruschtschow, als er trotz des Protestes der UNO eine Superbombe detonieren ließ.) Als Astronom kann man sich nur freuen, daß dieser Kupfernadelversuch mißlungen ist.

Einige Worte noch zu anderen, und zwar gelungenen Versuchen. Zum Teil schon vor dem ersten Sputnik hatten amerikanische Raketen erkennen lassen, daß in relativ geringer Höhe über der Erde sich ein starkes Strahlungsfeld befinden muß. Die Ergebnisse der russischen und amerikanischen Raketen haben dies 1958 zur Gewißheit gemacht; in Figur 2 ist, grob schematisch, dieser van-Allen-Strahlungs- gürtel dargestellt. Der innere Kreis stellt die Erde dar. Sie ist umgeben von zwei ringförmigen Zonen, dem inneren und äußeren Strahlungsgürtel. Feste Körper, die sich in ihm aufhalten, erfahren durch Elektronen, Ionen usw. eine starke Ionisation, oder, anders, es entsteht eine derart mächtige Röntgenstrahlung, daß sie bei einem Aufenthalt von nur wenigen Minuten für den Menschen tödlich wäre. Weit jenseits der Mondbahn, im eigentlichen interplanetarischen Raum, gibt es, verursacht durch Sonneneruptionen, unregelmäßige, völlig unberechenbare, noch stärkere Strahlungsbereiche. Es wäre den Russen technisch leicht möglich gewesen, die Bahn der Kabine Gagarins statt auf 500 Kilometer auf 1000 oder 2000 Kilometer zu bringen. Selbstverständlich wollten sie ihren Piloten dieser Gefahr nicht aussetzen. Dies gilt auch für den geplanten amerikanischen Versuch. Bei einem hier eingelangten Bericht der amerikanischen Raumfahrtbehörde, der NASA, wird auch klar ausgesprochen, daß vorläufig nicht an eine Überwindung dieses Strah-

lungsgürtels durch den Menschen zu denken ist. Damit entfallen aber alle die törichten Projekte von Menschenfahrten nach einer Außenstation, die um die Erde kreist, zum Mond usw.

Bekanntlich haben die Russen erfolgreich drei Raketen in Richtung Mond gestartet. Als die Sowjets ihren ersten Lunik starteten, war ihre Steuerungstechnik erst so weit entwickelt, daß sie nur hoffen konnten, ihr kosmisches Laboratorium würde auf einige 30.000 Kilometer am Mond vorbeigehen. Wenn Her kürzeste Abstand nur 6000 Kilometer betrug, so war das ein großer Erfolg. Natürlich hatte das Gerät keine Einrichtungen, etwa den Mond auf seiner Rückseite zu photographieren. Es kam bei dem Versuch auf die Erforschung der Physik des Raumes zwischen Erde und Mond an (Strahlungsfelder, Zahl der Elektronen, der verschiedenen Atomarten, der Mikrometeoriten und so weiter), vor allem aber galt er dem Problem: Hat der Mond ein Magnetfeld oder nicht? Alles Dinge, die gewiß reine Forschung sind, keine militärische Bedeutung haben und kaum zu Sensationsmeldungen Anlaß geben können.

Die ausgezeichnet gelöste Aufgabe des zweiten Lunik, der mitten auf der Mondscheibe aufschlug, war dann vor allem ein Zeugnis der hochentwickelten Steuerungstechnik und ein Beweis dafür, daß Rußland in der Lage ist, auch eine Rakete mit einer Atombombe auf wenige Kilometer genau auf jedem beliebigen Punkt der Erde zum Absturz zu bringen. Der dritte Lunik, der dann Teile der Rückseite des Mondes photographiert hat, war vor allem ein Beweis, welche erstaunlichen Kommandos man einer Rakete während ihres Fluges noch geben kann, wobei man natürlich auch an Kampfraketen denken muß. Das Photographieren von einigen 500 Objekten auf der Rückseite des Mondes hat gewiß unsere Kenntnisse über ihn erweitert, aber doch im grundsätzlichen das Bild nicht geändert. Nur Phantasten konnten glauben, daß die Rückseite des Mondes andere Verhältnisse hat als die vordere Hälfte.

Zu den Phantastereien um die Raumfahrt gehört auch die Meinung, man sollte demnächst andere Planeten erobern, um dort von der übervölkerten Erde aus Kolonien zu errichten. Dafür wissen wir aber heute viel zu genau über die Physik dieser Körper Bescheid, als daß an derartiges auch nur im entferntesten zu denken wäre. Die Temperatur der nackten, schwarzen Mondoberfläche — der Mond hat keinerlei Atmosphäre — schwankt, je nach der Sonneneinstrahlung, zwischen plus und minus 120 Grad Celsius. Die Radioastronomie hat eindeutig erwiesen, daß die Oberflächen-

temperatur der Venus etwa plus 300 Grad Celsius beträgt, jegliches organische Leben also ausgeschlossen ist. So wurde ein Lieblingsziel der Raumfahrtphantasten zerschlagen oder, wie ein entsprechender Sammelbericht aus den USA sagt: Es sind so die Kosten einer sinnlosen Rakete erspart worden, die teurer wäre als alle radioastronomischen Anlagen der Erde zusammen.

… wirklich dem Wohle der Menschheit…

Und damit kommen wir zur moralischen Seite der Raketenforschung, die schon in der eingangs angeführten Resolution der IAU anklang. Handelt es sich bei der Warnung vor dem Kupferwolkenexperiment mehr um eine Art von Naturschutzbestrebung, so sollte man sich doch allgemein fragen: Ist es moralisch vertretbar, diese vielen Milliarden Rubel, Dollar und so weiter in die Raketentechnik zu stecken? Es hat einmal jemand gesagt: Mit dem Geld für zwei Bombenflugzeuge (und die sind noch billiger als die Raketen) könnte man die Lepra auf der ganzen Erde fast zum Verschwinden bringen. In allen Ländern ist jetzt von Entwicklungshilfe die Rede. Könnten die Gelder für die Raketen nicht auch dazu eingesetzt werden? Alle Welt lebt in der Angst vor einem Atombombenkrieg. Da müßte man auch die Transportmittel für die Bomben, das heißt die Kampfraketen, ebenso in Acht und Bann tun! Doch die Politiker und die Militärs werden sagen: Wir haben die Raketen nötig wegen des Prestiges unserer Nationen und zur Abwehr mutmaßlicher Gegner. Allerdings haben vor allem die vielen (relativ zu den russischen) kleinen Raketen der Amerikaner schon sehr viel für die Geophysik und Meteorologie geleistet.

Ob einmal von den Raketentechnikern die Wünsche der Astronomen erfüllt werden? Sie sind zwar recht bald realisierbar, würden aber nur wenig Anlaß zu Sensationsmeldungen geben. In erster Linie ist da an Satelliten zu denken, die in 10.000 bis 50.000 Kilometer Entfernung die Erde umkreisen und deren eingebaute Geräte uns über Strahlungen aus den Tiefen des Universums im Bereich der ultravioletten, der Röntgenstrahlung und der kosmischen (von dem Österreicher Hess entdeckten), durchdringenden Strahlung Nachricht geben würden. Da gäbe es vor allem ungeahnte Erkenntnisse zur Entstehungsund Entwicklungsgeschichte des Universums, Beiträge zur Himmelsmechanik und vieles mehr. Ein einzelner Aufstieg einer (übrigens sehr billigen) amerikanischen Rakete, die noch vor dem ersten Sputnik für nur fünf Minuten eine Höhe von 200 Kilometer erreichte, brachte uns dieser Art schon sehr viel. Das gleiche gilt vom Aufstieg eines großen Ballons bis zu nur 30 Kilometer Höhe, den amerikanische Forscher ausführten, und die auf unseren Kongressen in Moskau und San Francisco dringend empfohlen wurden.

In seinem Eifer als Seelsorger hat einmal Pius XII. die Bestrebungen der Raumforscher gutgeheißen in der ausdrücklichen Voraussetzung, daß sie wirklich dem Wohle der Menschheit dienen. Über die Gagarin-Rakete hat schon im August und jetzt erneut Chruschtschow selbst geprahlt, daß sie ebensogut als Atombombe an jeden Punkt der Erde gebracht werden könne.

Was hat bei einer Reihung von ethischen Werten den Vorrang? Die Berücksichtigung etwa der Enzyklika „Mater et Magistrą“ oder das Prestige der Nationen?

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