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Was brachte uns die Mondlandung?

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„Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“ Dieser historische Ausspruch von Neil A. Amstrong fiel am 20. Juli 1969, als der amerikanische Astronaut als erster Mensch seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes setzte. Zehn Jahre später zeigt sich, daß Armstrong recht gehabt hat: Die erste Mondlandung brachte hervorragende wissenschaftliche Ergebnisse, sie hat aber zweifellos auch das Denken der Menschen wesentlich beeinflußt.

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„Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“ Dieser historische Ausspruch von Neil A. Amstrong fiel am 20. Juli 1969, als der amerikanische Astronaut als erster Mensch seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes setzte. Zehn Jahre später zeigt sich, daß Armstrong recht gehabt hat: Die erste Mondlandung brachte hervorragende wissenschaftliche Ergebnisse, sie hat aber zweifellos auch das Denken der Menschen wesentlich beeinflußt.

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA veröffentlicht alljährlich eine Liste jener Produkte technologischer Entwicklung, die am Rande der Raumfahrtforschung entstanden sind. Die Aufstellung für 1978 zeigt Dinge, die man mit dem Mond nicht in Verbindung bringen würde: Nickel-Zink-Batterien für Elektroautos, empfindliche Feuermelder, die zwischen Rauch und Staub unterscheiden, elektrisch beheizte und durchsichtige Überdachung für Neugeborene, eine beheizte Skibrille nach dem Vorbild der Astronautenhelme, ein Blitzlicht mit fünfjähriger Lebensdauer, ein Ultraschallgerät zur Testung der Trächtigkeit von Schweinen.

Die Liste dieser „Abfallprodukte“ (im Fachjargon „Spinoff' genannt)-ließe sich beüebig erweitern. Auf einigen Sektoren aber haben die Vorarbeiten für die erste Mondlandung ganz entscheidende Entwicklungen gebracht, die heute in aller Welt spürbar sind. In der Computertechnik, wo die vielzitierten Mikroprozessoren entwickelt wurden, in der Medizin, wo man vollkommen neue Gebiete für die Forschung erschloß und auf dem Gebiet von Mineralogie und Petrographie, wo man durch die Untersuchung des Mondgesteins mit bisher nicht vorhandenen Materiahen konfrontiert wurde. Ebenso in der Nachrichtentechnik, wo erst mit Hilfe von Satelliten transkontinentale Fernsehübertragungen möglich geworden sind, in der Meteorologie und in der Geodäsie, wo Satelliten zur Erdbebenvorwarnung eingesetzt werden sollen.

Österreichs Wissenschaftlicher Nachrichtendienst „ibf' befragte in diesem Zusammenhang namhafte Wissenschaftler, welche Bedeutung sie heute der Landung auf dem Mond beimessen:

„Durch die Raumfahrt hat sich ein ganz neues Verhältnis zwischen Ingenieuren und Ärzten, zwischen Technikern und Biologen gebildet“, meint Prof. Herbert J. Pichler, Vorstand des Österreichischen Instituts für Flugmedizin und Weltraumbiologie in Wien. Der Mediziner erwähnt nur einige der Entwicklungen aus der interdisziplinären Forschung für das Unternehmen Mondlandung, etwa Arbeiten über Schwerelosigkeit oder die Entwicklung neuer Medikamente (etwa künstlichen Speichel für Frischoperierte, die kein Wasser trinken dürfen). Pichler ist optimistisch: „Die Mondlandung hat zur Ausbildung eines Weltgewissens geführt, die Bewohner der verschiedenen Kontinente sind einander näher gerückt - die Erde ist für einen Krieg zu klein geworden.“

Univ.-Prof. Alois Brusatti, Rektor der Wirtschaftsuniversität in Wien, verweist auf wirtschaftliche Aspekte der Raumfahrt: „Mit der Mondlandung wurde 1969 erstmals eine umwälzende Entwickung sichtbar, die das Leben grundlegend verändert hat und weitgehenden Einfluß auf die Zukunft haben wird. Im Wirtschaftsleben haben sich elektronische Hilfsmittel durchgesetzt, von denen unsere Betriebe immer mehr abhängig werden müssen, wollen sie konkurrenzfähig bleiben. Diese kleinen technologischen Wunder - die Mikroprozessoren - haben somit einen Prozeß eingeleitet, den ich als ,dritte industrielle Revolution' bezeichnen möchte.“

Wolfgang Lothaller von der österreichischen Gesellschaft für Sonnenenergie und Weltraumfragen (ASSA) betrachtet die Vorarbeiten für die Mondlandung als ungeheure Herausforderung an die Technik. Gleichzeitig seien sie ein friedlicher Wettstreit zwischen den forschenden Großmächten gewesen, ein Ventü für Spannungen. „Die Erkenntnisse, die man durch die Mondlandung gewonnen hat, sind ungeheuer vielfältig. Heute, zehn,Jahre danach, kann man sie in ihrem vollen Ausmaß noch immer nicht abschätzen.“ Auch Österreich hat, meint Lothaler, vom Weltraumprogramm profitiert, doch seien vermehrte Anstrengungen nötig, um all die „Abfallprodukte“ für unser Land nutzbar zu machen.

Besonderes Interesse bei den Wissenschaftlern haben natürlich jene Bodenproben hervorgerufen, die man direkt vom Erdtrabanten bekommen hat. In Österreich hat man am Naturhistorischen Museum in

Wien schon bald nach der Mondlandung mit Forschungsarbeiten am Mondgestein begonnen: Alfred Kracher von der Mineralogisch-Petro-graphischen Abteilung, der gemeinsam mit Univ.-Doz. Gero Kurat mit den Untersuchungen befaßt ist: „Vor der Landung haben viele Wissenschaftler gedacht, daß es sich nicht lohnt, den Mond zu untersuchen. Dabei hat dieser Forschungszweig gezeigt, daß der geologische Aufbau unseres ständigen Begleiters relativ kompliziert ist. Man hat nicht nur Erkenntnisse über den Mond selbst gewonnen, sondern auch über das gesamte Plamiasystem.“ Univ.-Doz Wolfgang Kiesl vom Institut für Analytische Chemie der Universität Wien unterstreicht das: „Man hat neue Mineralien gefunden, die es auf der Erde nicht gibt, und kann daraus Rückschlüsse über die Entstehung des Alls ableiten.“

Wie gründlich das gemacht wird, betont Univ.-Prof. Heinrich Meixner vom Institut für Mineralogie und Petrographie der Universität Salzburg: „Kein Gestein der Erde ist so gut untersucht wie das Mondgestein.“

Während die technische Entwicklung von den Naturwissenschaftlern alles in allem durchaus positiv gesehen wird, hört man nicht nur von Geisteswissenschaftern auch kritische Untertöne heraus; so meint Nobelpreisträger Univ.-Prof. Konrad Lorenz: „Mir war immer leid um das viele Geld, das für die Raumfahrt zu militärischen Zwecken hinausgeworfen wird. Bei der Raumfahrt, die nur wissenschaftlich genutzt wird, sehe ich aber einen erzieherischen Sinn. Ich denke dabei an die schönen Bilder, die vom All aus von unserer Erde gemacht werden. Hält man dagegen die trostlosen Bilder von Mond und Mars, dann wird eines deutlich: Da schwebt das Raumschiff in einer endlosen Wüste und inmitten der Wüste gibt es eine einzige Oase, die Erde. Und die Menschen in ihrer kollektiven Dummheit sind daran, diese herrliche Erde zu zerstören.“

Wenig rosig betrachtet der Zukunftsforscher Prof. Robert Jungk die kommenden Entwicklungen: „Unser Blick wurde nicht wie ursprünglich erwartet weiter in den Weltraum, sondern zur Erde zurück gelenkt, mit ihrer Begrenztheit und ihren Nöten. Solange sich die Krisen und Konflikte auf unserem .blauen Planeten' Erde verschärfen, wird auch der Vorstoß in den Kosmos noch vorwiegend von militärischen Zielsetzungen abhängen. Weder Erde noch Himmel dürfen aber Schlachtfelder werden.“

„Es war zweifellos eine riesige Enttäuschung, wie wenig die Öffentlichkeit beeindruckt war und wie schnell sie vergessen hat“, betont Univ.-Prof. Joseph Meurers, Vorstand des Instituts für Astronomie der Universität Wien und Naturphilosoph. Er wertet dies als „Dekadenzphänomen der Gesellschaft“, die keine Leistung wolle.

Das „schnelle Vergessen“ registriert auch Univ.-Prof. Kurt Freisit-zer, Vorstand des Instituts für Soziologie der Universität Graz: „Das kommt wahrscheinlich daher, daß der Schritt in der technischen Entwicklung wohl sehr spektakulär war, aber dann keine sichtbaren praktischen Auswirkungen zeigte.“

Univ.-Prof. Erich Mittenecker, Vorstand des Instituts für Psychologie der Grazer Universität, ist der gleichen Meinung: „Die Mondlandung hat sehr viel weniger verändert, als man sich ursprünglich erhofft hatte. Es wurde eigentlich nur das realisiert, was die meisten Menschen in utopischen Romanen und in ihren Träumen schon vorauserlebt haben.“

Skeptisch äußert sich Weihbischof Florian Kuntner, Wiener Neustadt: „Sicher, das ganze war eine Herausforderung an die Menschheit und an die Forschung, aber es gibt so viele

Probleme auf dieser Welt zu lösen; vielleicht hätte man sich eher damit beschäftigen sollen als mit der Raumfahrt.“

Am katholisch-theologischen Weltbild habe die Mondlandung prinzipell nichts geändert. Denn die Kirche sei naturgemäß an einer Wirklichkeit' orientiert! die jenseits Von Raum Und Zeit steht, an Gott. Zweifellos seien aber durch die Raumforschung auch für die Christen Fragen aufgetaucht, die es gut zu beantworten. „Im großen und ganzen stehen die Christen diesen Dingen gefaßt und aufgeklärt gegenüber. Als ein sowjetischer Raumfahrer nach seiner Rückkehr auf die Erde erklärte, er sei so hoch oben gewesen und habe keinen Gott gesehen, erntete er im Westen mir ein mitleidiges Lächeln.“

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