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Mond dient nur zur Zwischenlandung

Nach Jahrzehnten der Zurückhaltung erlebt die Mondforschung derzeit eine Renaissance. Während die NASA in der Krise steckt, zieht es Länder wie Indien oder China in das All.

Leicht hat es der Mond derzeit wirklich nicht. Erst am 9. Oktober dieses Jahres wurde er wieder Opfer zweier gezielter Beschüsse der NASA. Für die amerikanische Weltraumagentur verlief der Tag dennoch nur fast nach Plan. Zwar schlug wie vorgesehen die Atlas-Raketenstufe Centaur mit einer Geschwindigkeit von 9000 Kilometer pro Sekunde auf der Mondoberfläche ein. Ebenso kalkuliert folgte ihr die Sonde LCROSS (Lunar Crater Observation and Sensing Satellite) vier Minuten später und analysierte bis zuletzt das von ersterer hochgewirbelte Gesteinsmaterial. Allerdings war der Einschlag schwächer als erwartetet. Dass statt des avisierten farbenprächtigen Spektakels galaktischer Dimension nur schwarzgraue Bilder auf Millionen von Monitoren live via Internet erschienen, war deshalb ein wenig enttäuschend. Der allgemeinen lunaren Euphorie tut das dennoch keinen Abbruch. Denn der Mond ist wieder angesagt. Gleich mehrere Nationen streben aus unterschiedlichen Gründen dem Erdtrabanten zu. Noch weiß man viel zu wenig über unseren Nachbarn. Die dunkle, der Erde abgewandte Seite etwa ist noch fast völlig unbekannt. Gründliche Erkundungen sollen in den nächsten Jahren neue Einsichten in die Erdentwicklung geben, künftige Marsmissionen vereinfachen und nicht zuletzt die Lösung irdischer Energieprobleme liefern.

Es geht wieder rund auf dem Mond. Neben den zwei NASA-Objekten ließen in diesem Jahr auch die Chinesen ihre Raumsonde Changé-1 und die Japaner ihre Sonde Kaguya sowie den Relaissatelliten Okina gezielt auf den Erdtrabanten stürzen. Fünf Impacts – das sind soviel wie in den 18 Jahren davor zusammen. Das frisch erwachte Interesse am Mond erinnert an die Aufbruchstimmung der 60er Jahre. Allerdings ohne weltanschauliches Säbelrasseln, dafür mit wesentlich mehr Mitspielern. Neben China und Japan ist auch das Schwellenland Indien mit von der Partie. Ihr Orbiter Chandrayaan-1 umkreist den Mond derzeit alle zwei Stunden einmal. An Bord befinden sich zahlreiche Messgeräte, die unter anderem nach Wasserreservoirs suchen. Spätestens 2011 soll der Nachfolger Chandrayaan-2 ins All starten. Diese Sonde wird einen Erkundungsrover auf der Mondoberfläche absetzen.

Kooperation der Nationen statt Konkurrenz

„Gerade für die aufstrebenden Weltraumnationen bietet der Mond eine relativ einfache Möglichkeit, schnell Erfolge zu erzielen“, sagt Norbert Kömle vom Grazer Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Daran können auch europäische Forschungsinstitute wie das IWF partizipieren. So entwickelte Kömle für die chinesische Weltraumagentur ein Instrument zum Messen der Wärmeleitfähigkeit des Mondbodens. Das simple Funktionsprinzip: ein beheizbarer Nagel wird in die Oberfläche gebohrt. Je stärker sich der Sensor erhitzt, desto schlechter leitet das lunare Erdreich die Wärme ab.

Internationale Kooperationen sind ein Wesensmerkmal des neuen Wettlaufs zum Mond. Die Messgeräte der indischen Sonde Chandrayaan-1 etwa stammen aus einem halben Dutzend Ländern. Vor 40 Jahren völlig undenkbar: an Bord der Sonde LRO (Lunar Reconnaissance Orbiter) befindet sich ein Neutronendetektor des russischen Instituts für Weltraumforschung. Gemeinsame Projekte haben auch die russische und die chinesische Weltraumagentur angekündigt. Die internationale Verbrüderung ist freilich Ausdruck einer nüchternen Tatsache: Alleingänge sind in der Weltraumforschung zu kostspielig. Das muss vor allem die NASA schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Vergangenen Donnerstag veröffentlichte die Augustine-Kommission ihren 155-seitigen Bericht an das Weiße Haus über die Zukunft der amerikanischen Raumfahrt. Die Message von Chairman Norman Augustine war deutlich: das Raketenprogramm Ares ist zu teuer und wird viel zu spät einsatzfähig sein. „Ultimatives Ziel“ der Raumfahrt ist zwar nach wie vor, die menschliche Zivilisation ins Sonnensystem auszudehnen. Als Testumgebung für bemannte Missionen zu fernen Planeten eignen sich Asteroiden aber besser als der Mond. Als Schlüsseldestination betrachtet Augustine den Erdtrabanten jedenfalls nicht. Die Kommission kritisiert darüber hinaus, dass es der NASA an einer klaren Strategie zur Entwicklung realistischer Technologieziele fehle. Viele gute Köpfe, aber keine klare Strategie.

Entscheidung liegt beim Weißen Haus

Dieses Dilemma der Sternenagentur findet seinen Ausdruck in dem schon klassischen Bonmot, wonach die Amerikaner seinerzeit eine Million Dollar in die Entwicklung eines Kugelschreibers investiert haben, der auch in der Schwerelosigkeit funktioniert. Die Russen haben einfach einen Bleistift mitgenommen. Wie es mit den amerikanischen Mondaktivitäten weitergehen wird, hat nun Barak Obama zu entscheiden. Das ambitionierte Constellation-Programm der NASA dürfte sich aber wohl verzögern. Es sieht die Rückkehr des Menschen zum Mond bis zum Jahr 2019 vor. Bis 2024 soll dann eine permanent besetzte Mondstation gebaut werden.

Hoffnung auf Helium-3

Jede Weltraumagentur, die etwas auf sich hält, erklärt bemannte Mondmissionen zu ihrem Ziel. Vollmundigen Ankündigungen folgen allerdings meist kleinlaute Rückzieher und terminliche Verschiebungen nach hinten. Auch die weltweite Wirtschaftskrise trägt ihr Scherflein Bremswirkung bei. „Weltraumforschung ist eine sehr komplexe Disziplin“, sagt Urs Mall vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. „Das meiste Geld kostet gar nicht die Hardware, sondern die Löhne der Entwickler.“ Für viele Visionen der Wissenschaft ist es aber unvermeidbar, Menschen auf den Mond zu schicken. Eine Idee sieht etwa vor, ein Weltraumteleskop auf der erdabgewandten Mondseite zu installieren. Dort wäre es einerseits weitgehend unbeeinträchtigt von irdischer Radiostrahlung. Andererseits könnte es auch langwellige Signale aus dem All empfangen, die auf der Erde von der Atmosphäre herausgefiltert werden. Auch der Start einer Marsmission vom Mond aus bietet sich an. Aufgrund seiner geringen Schwerkraft bräuchte man wesentlich weniger Treibstoff, um die Anziehungskraft zu überwinden, als von der Erde aus. Und natürlich gibt es das handfeste Interesse an den lunaren Bodenschätzen. Schließlich ist nach derzeitigem Wissensstand die Geologie des Mondes der Erde sehr ähnlich. Urs Mall hält derlei Ansinnen allerdings für unsinnig. „Es wäre völlig unwirtschaftlich, das Material auf die Erde zu transportieren“, meint er. Realistischer beurteilt Mall hingegen die Idee, Helium-3 abzubauen. Das seltene Isotop dürfte auf dem Mond reichlich vorhanden sein und könnte eines Tages als Brennstoff in umweltfreundlichen Fusionskraftwerken eingesetzt werden.

Extraterrestrische Vorhaben finden sich auch in den Pipelines von Privatunternehmen. Richard Branson etwa, Chef des Virgin-Imperiums und Vorzeige-Entrepreneur, will mit seiner Firma Virgin Galactic erster Anbieter des Weltraumtourismus werden. Vorerst sind kurze Trips in den erdnahen Orbit geplant, später Reisen zum Mond. Ähnliche Visionen hegt der Milliardär Elon Musk. Auch über die Unterkünfte der künftigen Mondtouristen hat Branson bereits nachgedacht. Er plant ein Weltraumhotel, das im Mondorbit schweben soll. Bereits vor zehn Jahren ließ die Hotelkette Hilton mit der Ankündigung aufhorchen, eine Nobelabsteige direkt auf der Mondoberfläche bauen zu wollen. Unter einer 325 Meter hohen Kuppel sollen 5000 Zimmer Platz finden. Als Eröffnungstermin wurde großzügig das Jahr 2050 anvisiert. Zwar sind solche Meldungen wohl eher dem Geist übermütiger Marketingstrategen zuzuschreiben. Doch sie zeugen von der neuen Aufmerksamkeit, die dem Mond entgegengebracht wird. Und eines Tages werden wohl auch wieder menschliche Füße ihre Abdrücke im samtigen Mondstaub hinterlassen.

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