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Faszinierende Spekulation

Spekulation, wenn auch faszinierende Spekulation, und vielleicht, und es wäre nicht zum erstenmal, Spekulation mit weitreichenden Konsequenzen sind die Erörterungen über intelligentes außerirdisches Leben. Bereits vor sieben Jahren hat ein japanischer Astronom ausgerechnet, wie — seiner Meinung — die Chancen dafür stehen. Er ging dabei von der heute ziemlich allgemein anerkannten „Turbulenztheorie“ Weizsäckers aus, welche die Entstehung der Planeten als Zusammenballung interstellarer Materie, feinster Staubmassen und Gase, erklärt. Demnach wären Sonnen ohne Planeten eine große Ausnahme. Allerdings kommt für das, was wir unter Leben verstehen, nur ein kleiner Prozentsatz der Planeten in Frage. Alle, die ihre Muttersonnen in zu geringem oder zu großem Abstand umkreisen, fallen aus. Ebenso die Planeten allzu „junger“ Sterne, denn schätzungsweise vier Milliarden Jahre mußten vergehen, ehe unsere Erde höheres Leben hervorbringen konnte. Auch Planeten, die veränderliche .Sterne oder Doppelsterne umkreisen, kämen als Lebensträger nicht in Frage.

Die Zahl der geeigneten wäre noch immer gewaltig groß. Millionen von Populationen könnten in ihrer Entwicklung den Stand unseres irdischen Lebens noch nicht erreicht, Millionen könnten uns längst überholt haben und würden sich möglicherweise wehren, den Menschen als ein in ihrem Sinne denkendes Wesen anzuerkennen. Mit allem, was dazwischenliegt, könnte man versuchen, Kontakte aufzunehmen — vorausgesetzt, die Entfernung ist nicht zu groß. Was allerdings bedeutet, daß nur die allernächsten Nachbarn im Weltall in Frage kämen. Und auch zu diesem Zweck müßten die notwendigen technischen Hilfsmittel erst entwickelt werden.

Phantasien? Utopien? Nicht wert, darüber zu reden? Sir Bernard Lovell, Leiter der gigantischen Anlagen von Jodrejl Banks, wo einige der mächtigsten für astrophysikalische Zwecke bestimmte Funkantennen stehen, schrieb eine Arbeit, in der er dafür eintritt, schon jetzt auf etwaige Signale aus dem All zu achten.

Auf dem harten Boden der Tatsachen bemüht man sich vorläufig um eher prosaische Dinge. Die amerikanische Weltraumbehörde hat die Gefahr erkannt, eines Tages möglicherweise tatsächlich außerirdische Mikroorganismen unter dem Mikroskop zu haben, die in Wirklichkeit von der Erde stammen. Man kennt heute die außerordentliche Lebensfähigkeit vieler Keime — zahlreiche Arten vermögen auch Weltraumbedingungen zu trotzen. Es besteht also die Möglichkeit, daß früher gelandete Raumsonden, daß zum Beispiel die auf dem Mond abgesetzten Fernsehgeräte Keime einschleppen, die dann später bei der Suche nach außerirdischem Leben gefunden und freudestrahlend als „Mond-Keime“ identifiziert werden.

Es besteht die viel schlimmere Möglichkeit, daß irdische Bakterien auf einem belebten Himmelskörper, etwa auf dem Mars, sich vermehren und entsetzliche Verheerungen unter den bodenständigen Lebensformen anrichten, die ihnen ja keinerlei Widerstandsfähigkeit entgegenbrächten. Die Vernichtung ganzer Eskimostämme durch simple Schnupfenbakterien wäre möglicherweise ein Kinderspiel dagegen.

Aus diesem Grund wird jeder Gegenstand, der auf einem anderen Himmelskörper landen soll oder möglicherweise dort zerschellen könnte, sterilisiert.

Doch bei der Sterilisierung dürfen die Geräte nicht beschädigt werden.

„Sterilisierte“ Fernsehsonden und ähnliche Geräte enthielten daher bei einer stichprobenartigen Überprüfung Unmengen von Keimen.

Demnach wäre der Mensch heute drauf und dran, die ihm benachbarten Gestirne zu „kontaminieren“. Es ist ganz einfach kaum zu vermeiden. Es wird noch weniger zu vermeiden sein, wenn die ersten Astronauten einst einen anderen Planeten betreten, denn wo Menschen sind, dort sind Bakterien, sind Viren, ist Leben in seiner ganzen Vielfalt.

Ein Beweis mehr für seine Fähigkeit, sich zu verbreiten.

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