Digital In Arbeit

Die verbotene Stadt in der Steppe

Vor 50 Jahren entstand in der kasachischen Steppe eine Legende: Der Weltraumbahnhof Baikonur.

Die kasachische Steppe ist eine unwirtliche Gegend: Im Winter sinken die Temperaturen bei Schneestürmen bis auf minus 30 Grad. Im Sommer hingegen wüten Sandstürme und es wird unerträglich heiß. Und dennoch wurde an diesem Ort Geschichte geschrieben: Das Kosmodrom Baikonur, dessen Grundsteine vor 50 Jahren gelegt wurden, ist aus der Geschichte der Raumfahrt nicht wegzudenken: 1957: Sputnik 1, der erste künstliche Satellit im Weltraum, und die Hündin Laika, das erste Lebewesen im Weltall. 1960: die zwei Hunde Stelka und Belka - die mit Sputnik 5 auf die Reise geschickt worden waren, die ersten Lebewesen, die lebend aus dem All zurückkehrten. 1961: der russische Kosmonaut Juri Gagarin, der erste Mensch, und 1963 Walentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum. 1970: Lunochod 1, das erste ferngesteuerte Mondfahrzeug und 1971: Saljut 1, die erste Raumstation. 1986: Mir, die erste ständig bemannte Raumstation - Sie alle starteten von Baikonur. "Überall war die Geschichte an diesem Ort zu spüren.", erinnert sich Franz Viehböck, der erste und bislang einzige Österreicher im All, an seinen Aufenthalt in Baikonur 1991. "Wir sind von derselben Startrampe gestartet wie Juri Gagarin, das war ein sehr beeindruckender Moment."

Geschichtsträchtiger Ort

Beeindruckt haben den "Austronauten" auch die unglaublichen Dimensionen des Areals: "Man muss sich einmal vorstellen, dass auf einem Gebiet mitten in der Steppe, das beinahe so groß ist wie das Bundesland Salzburg, einfach eine Stadt mit der entsprechenden Infrastruktur gebaut worden ist." Dort, wo früher das Bergarbeiterstädtchen Tjuratam lag, erstreckt sich heute mit 6717 Quadratkilometern der Weltraumbahnhof: Seine Ausdehnung beträgt von Nord nach Süd 75 und von Ost nach West 90 Kilometer. Mitte der achtziger Jahre sollen knapp 100.000 Menschen in der "verbotenen" Stadt Leninsk, die 1995 in Baikonur umbenannt wurde, gelebt haben: Techniker, Ingenieure, Wissenschafter und deren Familien.

Strenge Geheimhaltung

Vor 50 Jahren begannen die ersten Vorbereitungen für die Errichtung des von der Sowjetunion benötigten Testgeländes für ihre Interkontinentalraketen. Bereits im Jänner 1955 traf die erste militärische Konstruktions-Mannschaft in Tjuratam ein. Ende Juli 1955 waren dann bereits mehr als 3000 - manchen Quellen zu Folge sogar 5000 - militärische Bauarbeiter dabei, diverse Einrichtungen rund um Tjuratam zu errichten. Das Projekt unterlag strengster Geheimhaltung. Briefe an Soldaten und Offiziere wurden an Moscow 400 oder Leningrad 300 adressiert. Sogar die hochrangigen Bauleiter wurden nicht offiziell darüber informiert, woran sie bauten. Selbst später noch musste das Personal, das bei ausländischen Besuchen in Sichtweite geraten könnte, Zivilkleidung tragen, um den militärischen Charakter des Geländes zu vertuschen. Auch der Name des Weltraumbahnhofs "Baikonur" sollte zunächst als Tarnung dienen und die Westmächte irreführen: Der ursprüngliche Ort Baikonur befand sich rund 300 Kilometer nordöstlich des tatsächlichen Standorts des Kosmodroms. Gerade diese Geheimhaltung, aber auch "die Lügen, die Halbwahrheiten, das Vertuschen von Niederlagen sowie das Aufbauschen von Erfolgen, wie es eben damals in der Sowjetunion üblich war, haben zu dem Mythos rund um Baikonur beigetragen", meint Erwin Rössler von der Österreichischen Astronomie- und Raumfahrtvereinigung.

Der erste große Erfolg ließ mit Sputnik 1 nicht lange auf sich warten und seine Auswirkung auf die restliche Welt war so enorm, dass man sie mit "Sputnikschock" bezeichnet: Die Sowjetunion bewies mit diesem ersten Erdsatelliten, dass sie technologisch den usa mindestens ebenbürtig und außerdem im Besitz von starken Interkontinentalraketen war, um die usa mit Atombomben bedrohen zu können. Der Überlegenheitsanspruch des Westens war somit in Frage gestellt. Eine Folge des Sputnikschocks war sicher auch, dass die usa umfangreiche Förderprogramme schufen, angefangen bei der Frühpädagogik, um das Potenzial von bislang von Bildung und gesellschaftlichen Aufstieg vernachlässigten Bevölkerungsgruppen besser zu nutzen.

Der Sputnikschock lässt erkennen, dass im beginnenden Kalten Krieg der Raumfahrt vor allem eine massenpsychologische und propagandistische Wirkung zukam. Der wissenschaftliche Aspekt, meint Rössler, sei in den Anfängen der Raumfahrt kaum von Bedeutung gewesen: "Der Hauptzweck war militärischer Natur: Den Gegner mit Raketen zu beschießen." Dass dermaßen viele Ressourcen in die Raumfahrt flossen, erklärt sich Rössler mit deren politischer Symbolwirkung. Der prestigeträchtige Status der Weltraumfahrt machte sie zu einem der wichtigsten Instrumente, die Überlegenheit der im Wettbewerb stehenden politischen Systeme des Kapitalismus und des Kommunismus unter Beweis zu stellen. "Hätte der Kalte Krieg zehn bis 20 Jahre länger gedauert, wären wir wahrscheinlich heute bemannt am Mars."

Der Wettlauf ums Universum begann schon lange bevor tatsächlich Satelliten ins Weltall geschossen werden konnten, nämlich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs: Deutschlands Raketenkonstrukteure galten als begehrte "Kriegsbeute", wie es der deutsche Historiker und Wissenschaftsjournalist Günter Siefarth, der auch die legendären Apollo-Sonderstudios der ard moderierte, in seiner "Geschichte der Raumfahrt" formuliert. Im Interesse des Militärs drückte man sowohl in Washington als auch in Moskau beide Augen zu, wie dies am Beispiel des Rakentenpioniers Wernher von Braun deutlich wird: Von 1937 bis 1945 war Wernher von Braun, der ab 1940 Mitglied der ss war, technischer Direktor der "Heeresversuchsanstalt Peenemünde" und leitete die Entwicklung der so genannten v2, einer Rakete mit Flüssigtreibstoff, bei der Tausende Zwangsarbeiter des Konzentrationslager Dora-Mittelbau ums Leben kamen. Von Braun gelangte trotz alledem bereits im September 1945 mit einer Gruppe von Mitarbeitern in die usa.

Ein anderer deutscher Ingenieur, Helmut Gröttrup, schlug das Angebot der Amerikaner aus, ebenfalls in die usa zu gehen, und arbeitete zunächst als Leiter des Instituts Rabe, wo deutsche Raketenexperten unter sowjetischer Aufsicht v2Raketen bauen sollten. Aufgrund zunehmender Aktivitäten der westlichen Geheimdienste wurde die Raketenproduktion samt unverzichtbaren Experten und deren Angehörigen Ende Oktober 1946 überraschend in die Sowjetunion abtransportiert.

Opfer des Wettlaufs

Der Wettlauf um die Vorherrschaft im All fand unter einem enormen Zeitdruck statt und forderte dementsprechend seine Opfer. Unfälle wurden von russischer Seite wie Staatsgeheimnisse gehütet: Der wohl schwerste Unfall der Raumfahrtgeschichte, das so genannte Nedelin-Desaster aus dem Jahr 1960, bei dem widersprüchlichen Angaben zu Folge zwischen 92 und 165 Menschen ums Leben kamen, wurde erst 1989 öffentlich bekannt gegeben.

Der Zerfall der Sowjetunion und die Unabhängigkeit Kasachstans 1991 stürzten Baikonur in eine schwere Krise, denn Russlands wichtigster und größter Raketenstartplatz befand sich nunmehr auf kasachischem Staatsgebiet. Trotz der Zusammenarbeit beider Länder wurden Gehälter und Renten nicht mehr ausgezahlt, die Energie- und Wasserversorgung brachen des Öfteren zusammen, Anwohner plünderten die Einrichtung. 1994 pachtete Russland schließlich für rund 115 Millionen Dollar jährlich das Gelände und seitdem steht die Stadt auch unter russischer Verwaltung. Auf dem Gelände gelten seitdem sowohl russisches als auch kasachisches Recht.

Kommerzielle Raumfahrt

Seit der Columbia-Katastrophe 2003 kam Baikonur die Rolle als einziges Tor zur Internationalen Raumstation iss zu, mittlerweile steht allerdings wieder der Start eines Space Shuttles von Cape Canaveral aus unmittelbar bevor. Unbestritten eine Länge voraus liegen die Russen allerdings nach wie vor im Bereich der Raumstationen: Ein Wissen, das sie sich während des Kalten Krieges, nachdem sie den Wettlauf zum Mond verloren hatten, angeeignet haben.

Die Zukunft der Raumfahrt ist kommerziell, so Rössler, denn die Bereitschaft zu staatlichen Investitionen habe nach dem Ende des Kalten Krieges deutlich nachgelassen. Diese Zukunft hat Baikonur bereits eingeholt: Kommerzielle Satellitenstarts für andere Länder und der Weltraumtourismus tragen dazu bei, die Löcher in der Kasse des Kosmodroms zu stopfen.

buchtipp:

Geschichte der Raumfahrt

Von Günter Siefarth

Verlag C.H. Beck, München, 2001

128 Seiten, brosch., e 7,50

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau