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Heißer Globus - kühle Rechner

Die Palette der Themen könnte breiter kaum sein: Die Herausforderungen der Genetik stehen in Alpbach ebenso auf der Agenda wie jene der Geophysik oder der Forschungsförderung. Zwei der meistdiskutierten Themen ist dieses Furche-Dossier gewidmet: dem Klimawandel - angesichts des derzeit tagenden UN-Weltgipfels von besonderer Brisanz - und dem Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Ethik. Coca-Cola-Manager Steve Leroy vertritt die optimistische Sicht: Ethisches Verhalten, meint er im Furche-Interview, zahlt sich aus.

Die Berechnungen des Klimabündnisses Johannesburg Climate Legacy entbehren nicht der Pikanterie: Zwischen 290.000 und 350.000 Tonnen Kohlendioxid produzieren die rund 40.000 Teilnehmer am UN-Gipfel für nachhaltige Entwicklung auf ihrer langen Reise nach Südafrika - ungefähr so viel wie eine Stadt mit 30.000 Einwohnern im ganzen Jahr. Eine solche moralische Last wollte die deutsche Delegation nicht im Gepäck mitführen: Als Art ökologische Wiedergutmachung sollten die Emissionen, die die 180 Teilnehmer durch Flug, Transport und den Konsum vor Ort verursachten, kompensiert und in Südafrika in Energiesparmaßnahmen umgesetzt werden.

Nachzügler Österreich

Überhaupt kann sich Deutschland in Johannesburg als Musterschüler präsentieren - zumindest, was die 1997 in Kyoto getroffene Vereinbarung betrifft, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2010 weltweit um fünf Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren: Mit einem Minus von knapp 20 Prozent rangiert man gleich hinter Luxemburg, das seinen Kohlendioxid-Ausstoß sogar halbieren konnte. Weit abgeschlagen dagegen Österreich: Statt dem angepeilten Minus von 13 Prozent muss man nun sogar einen Zuwachs des Schadstoffaustoßes von zehn Prozent eingestehen.

Hier tröstet wenig, dass Österreich auf einem internationalen Ranking der Wirtschaftskammer hinsichtlich der "Nachhaltigkeit" den erfreulichen vierten Platz belegt: Bei Klimaschutz, Hochwasser- und Grundwasserschutz bleibt man Nachzügler. Der heimischen Delegation unter der Leitung von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner und Umweltminister Wilhelm Molterer stehen deshalb in Johannesburg durchaus Schuldgefühle zu. Umso mehr sind Kreativität und Engagement gefragt, um das ferne Kyoto-Ziel zu erreichen.

Denn die Zeit drängt, warnen die Experten des von der UNO berufenen Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in ihrem letzten Bericht: So stieg die Temperatur auf der Erdoberfläche schon im vergangenen Jahrhundert um 0,6 Grad Celsius. Schuld daran ist vor allem die Verbrennung fossiler Energieträger. Immer, wenn Menschen mit Brennstoffen wie Holz, Kohle, Erdöl oder Erdgas auf der Erde ein Feuer entfachen, setzen sie Kohlenstoff frei. Als Kohlendioxid reichert sich das (ungiftige) Gas in der Atmosphäre an und versperrt der von der Erdoberfläche emittierten Infrarotstrahlung den Weg ins All. Die Erde wird zum Treibhaus. Oder ist es Zufall, dass die zehn wärmsten Jahre seit Menschengedenken sämtlich nach 1989 zu verzeichnen sind?

Der Fieberschub des blauen Planeten steigert sich indes weiter: Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte die Erwärmung um 1,4 bis 5,8 Grad anwachsen, warnen die Forscher des IPCC. Und da warme Luft mehr Wassermoleküle halten kann, wird immer öfter mit ungewöhnlich hohen Regenmengen zu rechnen sein. Die Ursachen des Klimawandels samt Wetterkapriolen und Naturkatastrophen seien demnach überwiegend hausgemacht, schlussfolgern die Experten.

Der nachlässige Umgang mit dem Lebensraum Erde kommt uns teuer zu stehen: "Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 1992 ist bei einer Temperaturerhöhung um 2,5 Grad Celsius im Bereich Landwirtschaft mit volkswirtschaftlichen Schäden von 17,5 Milliarden Dollar zu rechnen", erklärte Kurt Weinberger, Vorstandssprecher der Österreichischen Hagelversicherung, im Rahmen der letztwöchigen Alpbacher Technologiegespräche. Allein im heurigen Jahr seien in Österreich 100.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche durch Hagel, Frost, Überschwemmungen und Trockenheit schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, klagte er in einem Arbeitskreis zum Thema "Risiko Klimaänderung": "Wir hatten schon 2001 eine Milliarde Schilling Schaden und 2002 wird wieder ein Jahr der Rekorde." Spätestens angesichts der Flutkatastrophe in Mitteleuropa sei Handeln gefragt, so Weinberger. "Wer jetzt nicht die Auswirkungen des Klimawandels sieht, der will nicht sehen."

Siegfried Franck vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sieht nicht nur klar und deutlich die globale Erwärmung vor Augen - sondern auch ihre Tragweite im Laufe der Erdgeschichte: "Wenn die Erwärmung in diesem Jahrhundert so weitergeht, haben wir bald eine Erhöhung um zwei Grad - und das war zuletzt vor rund 120.000 Jahren der Fall", mahnt der Geophysiker im Gespräch mit der Furche. Auch er hält die Wahrscheinlichkeit, dass diese Erwärmung anthropogen, also vom Menschen verursacht sei, für "sehr groß". Dies könne freilich dazu führen, dass man mit starken nichtlinearen Reaktionen im Klimasystem rechnen müsse - paradoxerweise auch mit einer plötzlichen Kälteperiode in Mitteleuropa. Auslöser eines solchen Phänomens wäre das Verschwinden des Golfstroms, erklärt Franck: "Der Golfstrom bringt warmes Oberflächenwasser durch eine so genannte thermohaline Konvektion von der Karibik in den Nordatlantik. Das ist möglich, weil warmes Wasser oben bleibt und schwereres Wasser mit hohem Salzgehalt nach unten drängt. Wenn durch eine mittlere globale Erwärmung die Nordpolkappe abschmilzt, gelangt Süßwasser in das Meer und der Salzgehalt wird verringert. Das Abtauchen erfolgt deshalb schon viel weiter südlich, und so würde der Golfstrom weiter südlich enden". Fazit: In Europa herrschte das für die Nordhalbkugel in 50 bis 60 Grad nördlicher Breite typische Klima - um einige Grad kälter, vergleichbar dem kanadischen Labrador.

Show der Unehrlichkeit

Das dürfte George W. Bush nur wenig irritieren: Einmal mehr zeigt der US-Präsident den Anliegen der Weltgemeinschaft die kalte Schulter und bleibt dem UN-Gipfel in Johannesburg fern. Kein Wunder, hat er doch mit seiner Aufkündigung des Kyoto-Abkommens ohnehin ein deutliches Zeichen gesetzt. Auch andere große CO2-Produzenten wie Australien, Kanada oder Russland verweigern dem Papier ihre Unterschrift.

Die Gangart Bushs stieß vor allem bei den Europäern auf harsche Kritik. Eine Reaktion, die der Ökonom Bruno Fritsch von der ETH Zürich nicht unbedingt teilt: "Bush ist wenigstens ehrlich. Die anderen tun nur so, als ob", kritisierte er im Alpbacher Expertenkreis.

Überhaupt empfindet er das Kyoto-Protokoll als eine "große Show der Unehrlichkeit". Selbst wenn die Zielsetzungen des Abkommens umgesetzt würden, hätte man Probleme, seine Auswirkungen netto zu messen, stellte Fritsch fest. "Die einen sagen in der Folge, die Messdaten seien noch zu ungenau, sodass voreilige Umweltentscheidungen nicht verantwortet werden können, die anderen sagen, unverzügliches Handeln sei erforderlich, sonst geht die Welt im wahrsten Sinne des Wortes unter."

Diese Situation, so Fritsch, sei für die Umweltpolitik typisch und lasse im politischen Bereich neue Schwierigkeiten entstehen. Umweltpolitik finde heute zwischen wissenschaftlich begründeter Unsicherheit und psychologisch erklärbarer Verängstigung der Bevölkerung statt. Gerade die Proteste am Rande internationaler Konferenzen seien Zeichen dafür, dass die Kommunikation zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit nicht ausreichend sei.

Um (unbegründete) Ängste ausräumen und rechtzeitig auf Klimaveränderungen reagieren zu können, bedarf es jedoch noch besserer Daten. ENVISAT, Europas größter Umweltsatellit, gewährleistet seit 1. März dieses Jahres einen noch schärferen Blick auf die Erde - und zudem die Unabhängigkeit der Europäer von den USA. "Diese Eigenständigkeit ist vor allem für die Einhaltung des Kyoto-Protokolls wesentlich", unterstrich Volker Liebig vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt bei den Technologie-Gesprächen. "Außerdem übermitteln uns die Amerikaner seit dem 11. September manche Daten nicht mehr." Begründung: nationale Sicherheit.

Gerade nach den Anschlägen auf das World Trade Center machte man übrigens eine überraschende Entdeckung: Nachdem drei Tage lang kein Flugzeug über den USA im Einsatz war, kühlte die Erdoberfläche merkbar ab. "Die Kondensstreifen haben den stärksten Einfluss", erläuterte Liebig. Dennoch liege der Einfluss des Luftverkehrs auf den Klimawandel - selbst bei stark steigender Tendenz - bei unter fünf Prozent.

Eine beruhigende Nachricht, so scheint es. Tatsächlich wird der technologische Fortschritt in den Entwicklungsländern zu einer Mobilitäts- und Emissions-Explosion führen. Schon in wenigen Jahren werden diese Länder hinsichtlich ihres Schadstoff-Ausstoßes den Industrienationen in nichts mehr nachstehen, wissen die Forscher.

Klimapolitik ist und bleibt deshalb eine globale Herausforderung, lautet ihre Konklusio. "Die reichen westlichen Länder müssen daher den Entwicklungsländern die notwendigen Technologien und finanziellen Mittel zur Verfügung stellen." Nur die konsequente Anwendung neuer Technologien könne einen Beitrag zur effektiven Klimapolitik liefern.

Johannesburg wird zeigen, ob es bei frommen Wünschen bleibt.

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