"Wirtschaft wartet nicht auf Washington"

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Die Hurrikans in den USA haben die Debatte angefacht, inwieweit der Klimawandel für solche Extremwetterereignisse verantwortlich ist. Harvard-Ökonom Gernot Wagner über die Lehren aus den Sturmschäden und das Doppelgesicht der Krise - als Risiko und Potenzial.

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Die Hurrikans in den USA haben die Debatte angefacht, inwieweit der Klimawandel für solche Extremwetterereignisse verantwortlich ist. Harvard-Ökonom Gernot Wagner über die Lehren aus den Sturmschäden und das Doppelgesicht der Krise - als Risiko und Potenzial.

Die Hurrikans "Harvey" und "Irma" haben in Texas und Florida verheerende Schäden angerichtet. Scott Pruitt, Chef der US-Umweltbehörde (EPA) im Kabinett von Donald Trump, meinte, es sei unangemessen und "unsensibel" gegenüber den Betroffenen, jetzt über die Ursachen der Stürme zu diskutieren. Andere US-Politiker hingegen fordern gerade "Wann wenn nicht jetzt?" Auch Papst Franziskus hat sich angesichts der Sturmschäden zu Wort gemeldet und verantwortliches Handeln in Bezug auf den Klimaschutz eingemahnt. Die FURCHE hat hierzu den aus Österreich stammenden, an der Harvard Universität tätigen Ökonomen Gernot Wagner in den USA zum Telefoninterview erreicht.

Die Furche: Viele Wissenschafter gehen davon aus, dass "Harvey" und "Irma" aufgrund der Erderwärmung verschlimmert wurden. Teilen Sie diese Ansicht?

Gernot Wagner: Ja. Man kann das vergleichen mit dem gedopten Lance Armstrong und seinen sieben Tour-de-France-Gewinnen. Radeln hat er schon noch müssen, aber natürlich hat das Doping zum Sieg verholfen. Analog dazu werden die Hurrikans durch die Erderwärmung tatsächlich intensiver, bedingt durch die zusätzliche Energie in der Atmosphäre und die höheren Meerestemperaturen, die wir derzeit vor der Küste Floridas und im Golf von Mexiko beobachten. Auch wenn ein Taifun die Philippinen trifft, handelt es sich um dasselbe Phänomen: Wenn die Temperatur des Meeres im Schnitt um 0,5 bis zwei Grad wärmer ist, wächst die Kraft der Stürme. Das heißt freilich nicht, dass es sie ohne Klimawandel nicht auch schon gegeben hätte.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die aufgeheizte politmediale Diskussion in den USA?

Wagner: EPA-Chef Scott Pruitt behauptet tatsächlich, dass der Klimawandel nichts mit den aktuellen Sturmschäden zu tun hat oder zumindest dass das Thema nicht in den Aufgabenbereich der US-Umweltbehörde (EPA) fallen sollte. Diese Position ist schlichtweg dumm. Auch ein Radiosprecher hat gemeint, dass der Klimawandel ein "Schwindel" wäre, aber er selbst hat sich rechtzeitig in den Flieger gesetzt und Florida vor dem Hurrikan verlassen. Eigentlich ein paradoxes Verhalten: Denn die gleiche Wissenschaft, die uns über den Klimawandel und seine Auswirkungen informiert, bringt die Modelle hervor, um die Hurrikans überhaupt vorherzusagen. Die Politiker, die am meisten betroffen waren wie etwa der Bürgermeister von Houston oder von Miami, wissen hingegen sehr wohl, was der Klimawandel für ihre Einwohner bedeutet, und nehmen auch die entsprechende Forschung sehr ernst.

Die Furche: US-Präsident Donald Trump will sein Land aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Pariser Klimaabkommen führen. Doch es gibt aktuelle Studien, die voraussagen, dass Trumps Klimapolitik den USA noch teuer zu stehen kommen wird. Wie groß sind die finanziellen Sturmschäden und wie sehen Sie die wirtschaftliche Dimension des Klimawandels generell?

Wagner: Sturmschäden bedingt durch die Hurrikans "Harvey" und "Irma" werden in den USA mittlerweile auf über hundert Milliarden Dollar geschätzt. Der Tourismus in Florida etwa hat jetzt einen Einbruch, andererseits aber steigt das BIP infolge der Wiederherstellungsmaßnahmen. Insgesamt sind die Schäden durch den Klimawandel freilich um einiges größer als die Kosten des Klimaschutzes: Es wäre billiger, rechtzeitig zu handeln. Das chinesische Symbol für "Krise" kennzeichnet die Situation ganz gut, denn es besteht aus zwei Seiten -Risiko und Potenzial. Die Kosten des Klimawandels sind umgekehrt Investitionsmöglichkeiten. Und da tut sich in den US-Bundesstaaten schon einiges, auch die Unternehmen warten nicht auf die US-Bundesregierung. Technologiekonzerne wie Apple, Microsoft und Google oder Ölriesen wie Exxon reagieren bereits auf politische Signale, wonach zunehmend eine Besteuerung des CO2-Ausstoßes zu erwarten ist. Kalifornien hat heute schon Klimaschutz-Auflagen, die um einiges besser sind als in der EU.

Die amerikanische Wirtschaft wartet nicht auf Washington, sondern stellt sich jetzt schon um.

Die Furche: Sie haben die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in der FURCHE (Nr. 46/2016) nicht nur als Rückschritt, sondern auch als Ansporn für den globalen Klimaschutz gedeutet. Sehen Sie das heute auch noch so?

Wagner: Es gibt ein Pendel, das von einer Richtung in die andere schwingt. Lenkt man den Blick vom Weißen Haus auf den Kongress und die Ebene der US-Bundesstaaten, dann hat die Wahl von Trump genau das Gegenteil bewirkt, was der US-Präsident eigentlich erreichen möchte. Das heißt, es gibt Bestrebungen, die kleinen und oft auch signifikanten Rückschritte durch Trump zu kompensieren. Trumps Wahl war hier so etwas wie ein Weckruf, um mehr zu tun als bisher. Die Frage ist jedoch, wie schnell das erreicht werden kann.

Die Furche: Sie haben in Ihrem Buch "Klimaschock" (2016) auch die technologischen Maßnahmen zum Klimaschutz beleuchtet: Viele Experten sehen im "Climate Engineering" einen letzten Ausweg ...

Wagner: Das Wichtigste beim Klimaschutz ist ganz klar die Emissionsreduktion. Man muss versuchen, über Steuern oder sonstige Strategien den CO2-Ausstoß unattraktiv zu machen. Forschung zum "Climate Engineering" ist so jung, dass wir noch nicht wissen, welche Rolle technologische Maßnahmen -zum Beispiel Aerosole (Anm.: kleine Partikel in der Erdatmosphäre) als Schutzschirm gegen die Sonneneinstrahlung -in einer rationalen Klimapolitik spielen könnten. Forschung in diesem Bereich zielt nicht darauf ab, eine Alternative zur Emissionsreduktion zu finden. Eine Analogie wäre der Gebrauch eines Schmerzmittels: Natürlich sollten wir täglich unsere Rückenübungen machen und versuchen, dem Bandscheibenvorfall vorzubeugen. Aber die zentrale Frage ist, wie weit der globale Bandscheibenvorfall schon fortgeschritten ist und ob hier zusätzlich ein Schmerzmittel vonnöten sein wird.

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