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Der Klimaschutz-Politik zum Gedenken

Dass die Wirtschaft erneuerbare Energien für sich entdeckt hat, ist nach dem Gipfel von Durban die letzte Hoffnung für den Klimaschutz. Die Politik hat sich abgemeldet. Das wird sich rächen.

Man sollte sich - zumal in einem Medium mit längerer Lebensdauer - nicht als Prophet versuchen. Sagen wir also, der Klimaschutz ist noch nicht ganz tot. Sagen wir ihn lieber "politisch tot“, das trifft die Sache besser. Die meisten Offiziellen haben das eigentlich schon lange vor der Klimakonferenz in Durban getan. Nicht mit Worten - mit Taten: In Cancún schrumpfte die Teilnehmerzahl gegenüber den vorhergehenden Treffen auf ein Zehntel - von 45.000 auf 5000 - "das ist ja ein Klassentreffen statt einem Weltgipfel“, wie ein Teilnehmer scherzte. In Durban wurde es schließlich zur "Gruppentherapie“, wie Stefan Schleicher, Grazer Ökonom und Mitglied des UN-Klimapanels, es formulierte.

Seit nun Kanada am Montag von Bord ging, ist das Kyoto-Protokoll und der Handel mit Treibhausgas-Zertifikaten eine mehr als löchrige Vereinbarung geworden. Das vor allem, weil der Schritt Kanadas keine negativen Konsequenzen für die kanadische Regierung haben dürfte. Strafen gibt es nicht und aus der UNO wird man die Kanadier wohl nicht ausschließen. Vermutlich werden andere Länder Kanadas Beispiel folgen, je nach nationaler Budgetnot.

Bleibt also nur ein Nachruf auf eine Zeit, in der die Angst vor den Folgen der Klimaerwärmung als real empunden wurde - und wie die Welt sie wieder verdrängt hat: Von 1998 bis 2009 war Klimaschutz ein unbestrittener Star am Medienhimmel. Klima-Spezials wurden gedruckt, Klimaschutzpreise im Dutzend wurden geboren, Experten und NGOs samt ihren Publikationen wurden durchs globale Dorf getrieben, Politgipfel begackerten Gesetze - und erstarben am Ende in Worthülsen von der Verantwortung für die Welt und der Zukunft der Kinder. Für Konsumenten der Industriestaaten wurden alte Produkte neu erfunden - "CO2-neutral“ und "klimafreundlich“, vom Steak bis zum Toilettenspray - ein Verkaufshit.

Die Zeit der Klimaretter

Von Al Gore bis zum Ökobauern hefteten sich viele in dieser Zeit den Titel "Klimaretter“ ans Revers. Das war nicht gut, weil in Wahrheit niemand rettete, sondern alle bloß ihre Bücher, Kartoffeln oder Politik verkaufen wollten - je nachdem. Blieben noch die 27 im Vergleich gerdezu heroischen EU-Staaten, die das Kyotoprotokoll ernst zu nehmen versuchten. Anders die USA: Die Obama-Administration unterlag trotz bester Absichten der Propagandamaschine republikanischer Hardliner. Richtig klar wurde das beim Gipfel von Kopenhagen 2009, der statt verpflichtender Normen verwaschene Freiwilligkeit als Klimaziele empfahl.

Aber damals war Politik gar nicht mehr wichtig, da ein ganz anderer Wettkampf, der sich über Jahre hinweg abgezeichnet hatte, seinem Höhepunkt zustrebte. Während die brave EU ein ehrgeiziges Klimaziel nach dem anderen verabschiedete, bewegte sich der globale Zug längst in eine andere Richtung. Der Wettlauf um die ökonomische Vorherrschaft in nachhaltiger Energie und Technologie. China und die USA gewinnen dieses Rennen.

Fazit: In Deutschland sind viele Solarzellen- und Windrad-Hersteller in echten Nöten. Indessen ist China zum Marktführer in der Windradproduktion aufgestiegen. Das jüngste sichbarste Zeichen dafür: Der chinesische Solarunternehmer Huang Ming erhielt Ende November den Alternativen Nobelpreis. Wie heißt es so treffend in der Begründung der Jury: Ming zeige "mit seinem herausragenden Erfolg, wie dynamische Schwellenländer dazu beitragen können, die globale Krise des von Menschen verursachten Klimawandels zu überwinden“. Die Wirtschaft allein bleibt also die Antwort auf den Klimawandel? Das wird zu wenig sein, schon aus dem einfachen Grund, weil die Wirtschaft das Wachstum sucht, das Klima aber Beschränkung braucht.

Was bleibt Europa? Derzeit bestenfalls eine gute Nachrede. Im politischen Prozess sind die EU, die Schweiz und Norwegen noch die einzigen, die derzeit zu ihren Verpflichtungen stehen. Schweden könnte allen als Vorbild dienen, wie man Gesetze und wirtschaftliches Handeln verknüpft. Es dürfte sein Ziel, energieautark zu werden, 2020 tatsächlich erreichen. Darüber hinaus gibt es sehr viele EU-Staaten, denen bald Strafzahlungen drohen - und das in einer Zeit rigider Sparpolitik. Konsequenzen: siehe Kanada.

Am trübsten sind aber die Aussichten für das Weltklima. Denn weder die Marktführer USA und China, noch die anderen Schwellenländer lassen erkennen, dass sie innerhalb von fünf bis 15 Jahren eine Trendumkehr also einen sinkenden CO2-Ausstoß erreichen können oder wollen. Im Gegenteil: Das Plus in der Grünen Technologie verbrennt im zusätzlichen Bedarf.

Der Klimaforscher Mojib Latif muss demgemäß weiter mit einer zusätzlichen Erwärmung der Athmosphäre von bis zu sechs Grad bis zum Ende des Jahrhunderts ausgehen und der meteorologischen Begleitmusik dazu: Wirbelstürmen über Europa, Temperaturen über 45 Grad, Teile der Niederlande unter dem Meeresspiegel. Zeit zur möglichen Trendumkehr: Höchstens bis 2020.

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