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Energieschub

Wenn nicht drastische Verbesserungen im Zugang zu Energie geschaffen werden, bleiben viele Ziele der Armutsbekämpfung unerreichbar. Energie-Entscheidungen im Norden wiederum beeinflussen die Energie-Wahlmöglichkeiten im Süden entscheidend.

Energie kann mit gutem Grund als Motor nachhaltiger Entwicklung bezeichnet werden. Nicht nur wirtschaftliche Entwicklung hängt von der ausreichenden Versorgung mit verlässlichen und erschwinglichen Energiediensten ab. Auch rudimentäre soziale Entwicklung - Bildung, medizinische Versorgung, Teilnahme am politischen und kulturellen Leben - bedingen Energiedienste wie Beleuchtung, Kühlung zur Konservierung von Impfseren, Elektrizität zum Betrieb medizinischer Geräte, von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien ganz zu schweigen, die natürlich auch nicht ohne Stromquellen auskommen können.

Gleichzeitig stellen die derzeitigen Energiesysteme, die vorwiegend auf fossilen Brennstoffen aufbauen, global die größte Bedrohung für das Weltklima dar. Diesen Aspekt der gegenwärtigen Energie-Situation greift die berühmte Milleniums-Deklaration des Jahres 2000 auf, die sich als das wichtigste Grundsatzdokument der internationalen Zusammenarbeit etabliert hat. Darin wird gefordert, dass jede Anstrengung unternommen werden muss, damit das Kyoto-Protokoll im Jahr 2002 in Kraft tritt und die erforderlichen Emissions-Reduktionen erzielt werden.

Die Spannung im Energiebereich wird in den nächsten Jahrzehnten noch bedeutend ansteigen, weil davon ausgegangen werden muss, dass der absolute und Pro-Kopf-Verbrauch von Energieträgern in den Entwicklungsländern insgesamt drastisch ansteigen wird. Wenn es nicht gelingt, diese ansteigende Nachfrage auf umwelt- und sozialverträglichere Weise zu befriedigen, wird es unmöglich sein, das Ziel der Stabilisierung des Weltklimas zu erreichen, auch wenn die Industriestaaten ihre Reduktionsverpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll peinlich genau einhalten würden. Dass wir derzeit weit davon entfernt sind, zeigt die Aufstellung des State of the World-Berichts des Worldwatch Institutes auf einen Blick (siehe Tabelle).

Im Schlussdokument des Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung ("Plan of Implementation"), das in Johannesburg angenommen werden soll, wird Energie unter zwei Kapiteln behandelt: unter "Eradication of Poverty" und unter "Changing unsustainable patterns of consumption and production".

Freistehende Energiequellen

* Im ersten Kapitel "Ausmerzung der Armut" wird festgehalten, dass die Ziele der Milleniums-Deklaration im Bereich der Armutsbekämpfung, aber auch viele Ziele im Sozialbereich, nicht verwirklicht werden können, wenn nicht auch drastische Verbesserungen im Zugang zu Energie für die zwei Milliarden Menschen gelingen, die derzeit darauf angewiesen sind, für die Zubereitung ihrer Mahlzeiten stundenlang Brennholz zu sammeln bzw. Tierdung und landwirtschaftliche Überreste zu verwenden. Diese drastischen Verbesserungen werden vor allem durch frei-stehende erneuerbare Energiequellen und Mini-Netze erreichbar sein. Dabei ist der soziale Unterschied zwischen Ausdehnung des Elektrizitätsnetzes und freistehenden erneuerbaren Energiequellen interessant: die erste Möglichkeit ist, wenn es sich bei den unversorgten Gebieten um entlegene und sehr arme Regionen handelt, nicht wirtschaftlich und würde zudem die Abhängigkeit der entlegenen Regionen von der zentralen Energieversorgungsquelle erhöhen.

Freistehende erneuerbare Energieträger können so gestaltet werden, dass sie einen unmittelbaren Impuls für die Wirtschaft der Region geben. Sie können Jobs direkt im Energieversorgungsbereich schaffen, etwa indem lokale Kapazität zur Erzeugung oder zum Zusammenbau von Komponenten von erneuerbaren Energieanlagen aufgebaut wird.

Über Johannesburg hinaus

* Im zweiten Kapitel "Veränderung unnachhaltiger Konsum- und Produktionsweisen" versucht die EU durchzusetzen, dass alle Länder einen Prozentsatz für den Anteil von erneuerbaren Energieträgern festlegen, den sie innerhalb eines bestimmten Zeitraumes erreichen wollen. Die EU hat sich selbst bekanntlich bereits ein derartiges Ziel gestellt, die Lateinamerikanische Vorbereitungskonferenz hat ein Ziel von zehn Prozent beschlossen und eine ganze Reihe von Entwicklungsländern, wie etwa Indonesien, haben ähnliche nationale Zielsetzungen festgelegt. Noch aber ist die - ohnehin weiche - Formulierung in eckigen Klammern, weil weder die anderen OECD-Länder (insbesondere die USA) noch die Entwicklungsländer dem Prinzip von "Zielen und Zeiträumen" zustimmen wollen.

Da abzusehen ist, dass die "verhandelten" Ergebnisse von Johannesburg im Energiebereich nicht sehr weitreichend sein werden, haben sich eine ganze Reihe von "Typus-II"-Initiativen gebildet. (Im Johannesburg-Jargon sind "Typus-II"-Initiativen "freiwillige" Aktivitäten einzelner Partner im Entwicklungsprozess, die an die verhandelten Ergebnisse anschließen, eine rasche Umsetzung zumindest in Teilbereichen anstreben, und gewissen Kriterien der Transparenz und Überprüfbarkeit entsprechen):

* UNEP möchte bestehende Energie-Institute im Süden und Norden vernetzen;

Energie für Inselstaaten

* Die Global Village Energy Partnership von Weltbank/ESMAP und Winrock International versucht ein Zehn-Jahres-Programm zur beschleunigten Energieversorgung von ländlichen Räumen auf die Beine zu stellen;

* UNIDO betont in ihrem Energie-Programm den Aspekt der Schaffung von Einkommen und Arbeitsplätzen und will besonders auch die Energieversorgung kleiner Inselstaaten verbessern;

- Die vor drei Jahren von Österreichs Außenministerin Benita Ferrero-Waldner gegründete Initiative des Global Forum on Sustainable Energy (siehe www.gfse.at) stellt eine neutrale Plattform für Konsultationen aller betroffenen Akteuren zur Verfügung und soll von der EU genützt werden, um die EU-eigene Initiative im Energiebereich zu konkretisieren;

- Und die Organisation der Energiekonzerne der G-7-Länder (E 7) wird mit den Vereinten Nationen eine Partnerschaft abschließen, die die Durchführung spezifischer Projekte erleichtern soll.

Autokauf mit Auswirkungen

Energie-Entscheidungen im Norden beeinflussen die Energie-Wahlmöglichkeiten des Südens entscheidend. Eines der großen Hindernisse für die verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energieträgern in Entwicklungsländern ist, dass sie teurer sind als fossile Brennstoffe. Die von den G-8 eingesetzte Task-force war denn auch der Meinung, dass der Markt für erneuerbare Energietechnologien im Norden bedeutend wachsen müsse, damit diese Energietechnologien auch im Süden erschwinglich werden.

Die Entscheidung des österreichischen Endverbrauchers, für die verstärkte Einspeisung von Grünem Strom einzutreten bzw. Elektro-Geräte mit bestmöglicher Energie-Effizienz zu verwenden, alle möglichen Maßnahmen zur Verringerung von Energieverlusten im Wohnbaubereich zu treffen und Autos zu kaufen, die mit wenig Benzin hohe Leistungen erbringen, hat somit - über die Transmissionswirkung globaler Märkte - mittelbare, aber deutliche Auswirkungen auf die Entwicklung einer positiveren Energiesituation in der Dritten Welt. (Trauriges Detail am Rande ist, dass immer mehr Personen in den USA die ohnehin sehr laxen amerikanischen Benzin-Effizienz-Standards für Autos umgehen, indem sie - auch im großstädtischen Bereich, wo der Bedarf für "geländegängige Fahrzeuge" zumindest fragwürdig ist - "Sports Utility Vehicles" wie Jeeps und Range Rovers kaufen. Diese sind originellerweise als "kleine Lastwagen" eingestuft, und damit von den Benzin-Effizienz-Standards ausgenommen. Erfreulich ist hingegen, dass die kalifornische Legislative Anfang Juli ein Gesetz verabschiedet hat, das zum ersten Mal Autoerzeuger zwingt, CO2-Emissionen zu begrenzen.)

Arge Verzerrung des Marktes

Besonders deutlich wird der Zusammenhang zwischen Norden und Süden, wenn wir die Verzerrung des Marktes durch Subventionen und Energie-Preise betrachten, die nicht den wahren Kosten entsprechen. Einer der Gründe, warum fossile Brennstoffe billiger als erneuerbare Energieträger sind, ist, dass fossile Brennstoffe in allen Regionen der Welt massiv subventioniert werden. Einer Berechnung der Weltbank aus dem Jahr 1992 zufolge, subventionierten die Signatarstaaten der Klima-Konvention pro Jahr fossile Brennstoffe mit 200 Milliarden US-Dollar. Die Subventionen für fossile Brennstoffe in Entwicklungsländern im gleichen Zeitraum werden auf 65 Milliarden Dollar geschätzt (das heißt mehr als alle Entwicklungshilfe zusammen). Um auch nur annähernd zu Kostenwahrheit, und damit einer größeren Chance zu kommen, dass erneuerbare Energieträger auf den Märkten bestehen können, müssten diese "perversen" Subventionen beendet werden, was natürlich zu einer Verteuerung der fossilen Energieträger führen würde.

Wie politisch heikel dieser Bereich ist und wie wenig langfristig viele hier denken, wird deutlich, wann immer fahrzeugbezogene Abgaben oder Straßenmauten erhöht werden sollen, der Benzinpreis steigt oder über Systeme der Energiebesteuerung nachgedacht wird, die die volle Umweltbelastung einzelner Energieformen ausgleichen würden.

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