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Feuilleton

Im Westen nichts Neues

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Ausgetretene Pfade - jedenfalls in der Energiepolitik: Atomkraft und Kohle, Erdöl und Erdgas werden in den nächsten 20 Jahren in den USA forciert.

Einen verheißungsvollen Titel trägt der Bericht jener Gruppe, die Präsident George W. Bush beauftragt hatte, die Weichen für die US-Energiepolitik in den nächsten 20 Jahren zu stellen: "Verlässliche, erschwingliche und umweltfreundliche Energie für Amerikas Zukunft" ("Reliable, Affordable, and Environmentally Sound Energy for America's Future"). Dass Umweltfreundlichkeit betont wird, gehört nach Jahrzehnten der Umweltdebatten zum westlichen Marketing-Standard in der Energiewirtschaft. Kritiker des im Vorjahr vorgestellten US-Energiekonzeptes heben allerdings hervor, dass dieses in Sachen Umweltfreundlichkeit einiges zu wünschen übrig lässt.

Da stehen eher Verlässlichkeit und Erschwinglichkeit im Vordergrund der vorgesehenen Maßnahmen - verständlich auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit den Energieproblemen in Kalifornien. In diesem US-Bundesstaat wurden spätestens im Jahr 2000 Engpässe in der Stromversorgung offenkundig, im August etwa während einer Hitzeperiode, die den Elektrizitätsverbrauch für Raumkühlung massiv ansteigen ließ. Da rächte sich, dass die Elektrizitätsversorger im Gefolge der Liberalisierung des Strommarktes ihre Reservekapazitäten abgebaut hatten. Ein Energienotstand musste ausgerufen, Milliarden Dollar bereitgestellt werden, um den Zusammenbruch der größten Stromversorger abzuwenden. Haushalte und Betriebe mussten einen Anstieg der Strompreise um 200 bis 300 Prozent verkraften, manche Unernehmen ihre Kapazität drosseln, Beschäftigte entlassen, um die steigenden Energiekosten tragen zu können. Noch im Mai 2001 mussten sich 400.000 Haushalte einem Stromausfall abfinden, als vier Kraftwerke wegen Reparaturen abgeschaltet werden mussten.

Vor diesem Hintergrund ist die Betonung von Verlässlichkeit und Erschwinglichkeit im Bush-Konzept für die zukünftige US-Energieversorgung zu sehen. "Tatsächlich ist die kalifornische Krise, eine des Angebots", hält die Projektgruppe daher auch fest.

Eine große Rolle bei der Formulierung der Zielvorstellungen hat wohl auch die wachsende Lücke gespielt, die sich zwischen der US-Energienachfrage und dem Angebot an heimischen Energieträgern in den USA aufgetan hat. Denn denn dieses stagniert (Anstieg bei Kohle, Erdgas, Atomstrom und Erneuerbarer Energie, aber Rückgang bei Erdöl, siehe Graphik), während sich bei der Energienachfrage laut Prognose ein Wachstum von 32 Prozent bis 2020 abzeichnet.

Daher die Schlussfolgerung: Die USA müssen alles unternehmen, um ihre Inlandsproduktion zu steigern. Kapitel fünf des Berichts "Energy for a New Century" weist die Richtung: "Erhöhung des heimischen Energieangebots" lautet die Devise.

Verschiedene Stoßrichtung werden ins Auge gefasst:

* verbesserte Verfahren zur Nutzung der bestehenden Lagerstätten,

* Aufschließung der Gas- und Öllager auf öffentlichem Grund (31 Prozent der US-Fläche) und vor den US-Küsten, insbesondere in arktischen Gebieten und Gewässern (die dadurch erzeugte Umweltbelastung durch moderne Technik könne auf ein erträgliches Minum reduziert werden, siehe Bush-Rede),

* Im Gefolge davon Bau von 60.000 Kilometern neuer Gasleitungen,

* Bau von 1.300 bis 1.900 neuen Kraftwerken,

* Dank der Enwicklung umweltverträglicherer und effizienterer Technologien Forcierung von Kohle als Energieträger und verstärkter Bau von Kernkraftwerken an bestehenden AKW-Standorten und Erleichterung der Bewilligungsverfahren für AKWs,

* Bau von 400.000 Kilometern neuer Stromleitungen.

Zusammenfassend: Ein Programm, das für die nächsten beiden Jahrzehnte vor allem auf verstärkten Einsatz konventioneller Energieträger setzt, um einen weltweit ohnedies schon einmalig hohen Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung weiter - nämlich um ein Drittel - zu steigern.

Zwar gibt es auch in den USA - durchaus beachtliche und durch bestimmte Gesetze auch gut geförderte - Bestrebungen, erneuerbarer Energie neue Möglichkeiten zu eröffnen. Trotz gegenteiliger Beteuerungen forciert die Bush-Administration diesen Bereich jedoch nicht.

Vielmehr hat sie im April die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energie um 110 Millionen Euro oder 40 Prozent gekürzt. Die weltwirtschaftlich führende Nation könnte damit auf einem Zukunftsmarkt ins Hintertreffen geraten.