6999524-1987_20_11.jpg
Digital In Arbeit

Energie — Umsteigen auf Biomasse

1945 1960 1980 2000 2020

Biomasse - unerschöpfliche Quelle, die uns seit Menschengedenken mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen: Nahrung für Mensch und Tier, Sauerstoff, Energie. Erst die fossilen Brennstoffe verdrängten sie als Energielieferant. Es ist Zeit, sie dafür wiederzuent-decken.

1945 1960 1980 2000 2020

Biomasse - unerschöpfliche Quelle, die uns seit Menschengedenken mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen: Nahrung für Mensch und Tier, Sauerstoff, Energie. Erst die fossilen Brennstoffe verdrängten sie als Energielieferant. Es ist Zeit, sie dafür wiederzuent-decken.

Oberflächlich betrachtet schaut Österreichs Energieversorgung zufriedenstellend aus: Seit acht Jahren hat der Energieverbrauch nicht zugenommen, obwohl die Wirtschaft um rund 15 Prozent gewachsen ist; im Vorjahr verbilligten sich die Energieimporte von 64 auf 35 Milliarden Schilling aufgrund des Preisverfalls bei Rohöl (42 Prozent) und der Dollarabwertung (26 Prozent); schließlich gab es 1986 bei den kalorischen Kraftwerken eine Leistungssteigerung von 20 Prozent: Dürnrohr und

Mellach sorgen für ausreichend Strom auch im Winter.

Was soll unter diesen Umständen Energie aus Biomasse? Kann das Verbrennen von Stroh-, Brenn- und Restholz (etwa Sägespäne), Hackgut von der Durchforstung oder andere Produkte der Land- und Forstwirtschaft etwas bringen? Schwierig handzuhaben, erscheint Energie aus Biomasse wie ein Relikt aus der Vergangenheit. ‘

Und dennoch: Ihr Anteil an der Energieversorgung beträgt hierzulande beachtliche 8,5 Prozent Und dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Er liegt weit höher als in den meisten anderen Ländern (Frankreich und Deutschland 2,5 Prozent, die Schweiz 1,7).

Das liegt nicht nur daran, daß in den Jahren mit hohen Erdölpreisen viele Leute auf Brennholz umgestiegen sind und Kachelöfen einen Boom erlebt haben. Besonders zugenommen hat vielmehr die Nutzung von brennbaren Abfällen pflanzlichen Ursprungs wie Stroh, Rinde oder Hackschnitzel. Hier gab es seit 1980 eine Verdoppelung.

Welche Möglichkeit bietet die Biomasse? Ebenso wie die Wasserkraft ist sie unerschöpflich. Sie wird nicht wie die fossilen Brennstoffe aufgebraucht, sondern wächst Jahr für Jahr nach. Energie aus Biomasse nutzen, heißt also vom Zuwachs und nicht von der Substanz lebęn.

Die grünen Pflanzen haben nämlich die einmalige Fähigkeit, Sonnenenergie durch Photosynthese in chemische Energie umzuwandeln. Sie sind damit sich laufend erneuernde Sonnenenergiespeicher (siehe Kasten).

Zwar nützt der Mensch diese Fähigkeit ausgiebig für die tägliche Energieversorgung seines Körpers in Form von Nahrungsmitteln. Daneben bleibt aber ein großer ungenutzter Spielraum für andere Verwendungen. Das zeigt schon eine Uber schlagsrechnung:

Die Erde ist auf rund 20 Prozent ihrer Oberfläche mit Nutzpflanzen bewachsen. Nimmt man nun an, daß sie von der eingestrahlten Sormenenergie nur 0,25 Prozent nutzen (was eine sichere Untergrenze ist), so ergibt sich daraus ein weltweiter Zuwachs an Biomasse, der das Siebenfache des Weltenergieverbrauchs darstellt

Das Ausmaß an ungenutzten Reserven ist auch an einigen Zahlen für Österreich abzulesen: Verwendete man nur die Durchfor-stungsrückstände der Kleinwälder in den Bezirken Gmünd und Waidhofen an der Thaya, so könnte man den Wärmebedarf von 1850 Häusern. 12 Jahre lang decken. Nützte man noch den dort anfallenden Holzzuwachs, verdoppelte sich die Leistung.

Oder: In den neun südlichen Bezirken der Steiermark f allen jährlich 700.000 Tonnen Mais- und Getreidestroh an; allein im Einzugsbereich der Lagerhausgenossenschaft Hollabrunn sind es bis zu 120.000 Tonnen im Jahr. Oder: Laut Forstinventur 1985 gibt es 64 Millionen Vorratsmeter Durchforstungsrückstände in Österreichs Wäldern. Das reichte für den Betrieb von zwei Kraftwerken, die jeweils gleich viel leisten könnten wie das Kraftwerk Zwentendorf.

Die Verwertung dieser überschüssigen Biomasse wäre auch ökologisch äußerst sinnvoll. So belasten gerade die Durchforstungsrückstände die Waldgesundheit. Die Strohverbrennung auf den Feldern zerstört das Kleintierleben und produziert Luftverschmutzung.

Warum wird unter diesen Umständen nicht mehr Bioenergie erzeugt? Weil fossile Brennstoffe, insbesondere Erdöl, große Vorteile aufweisen. Da ist zunächst ihre hohe Energiedichte. Um dieselbe Menge Wärme zu erzeugen, braucht man ein viel kleineres Volumen an Kohle oder Erdöl als an Biomasse. Das heißt, daß Transport und Lagerung bei fossilen Brennstoffen viel billiger sind.

Nachteilig ist auch, daß Biomasse vielfach einen hohen Grad an Feuchtigkeit aufweist. Das verringert ihren Brennwert.

Diese Nachteile lassen sich allerdings durch Brikettierung, also durch Trocknung und Pressung, weitgehend lösen. Die dabei erzeugten Pellets sind leicht handzuhaben und transportierbar.

Ein weiterer Nachteil der Biomasseverbrennung war, daß sie nicht automatisch funktionierte wie die Ölheizungen. Auch dieser Mangel ist mittlerweile behoben. Neue Bio-Verbrennungsanlagen funktionieren vollautomatisch.. Dieser Entwicklungsschub war entscheidend für den Anteilsgewinn der Biomasse in den letzten Jahren.

Ein wichtiger Aspekt war natürlich auch die Preissituation. Solange Heizöl extra-leicht 65 und Gas 80 Groschen je Kilowattstunde kosteten, war Biomasse günstig mit Preisen von zehn (Rinde) bis 40 Groschen (Holz klein oder Pellets). Mit dieser Differenz konnte man die um das Doppelte bis Dreifache höheren Investitionskosten in absehbarer Zeit abschreiben. Mit den niedrigeren ölpreisen ist dieser Vorteil weitgehend verlorengegangen.

War der Aufschwung der Biomasse also nur ein kurzes Intermezzo? Die Antwort hängt von der zukünftigen Energiepolitik ab. Beim heutigen Stand der Dinge muß man einfach feststellen: Biomasse rentiert sich nicht -trotz bestehender Förderungen. Einen Durchbruch wird es nur geben, wenn die Energiepolitik gezielt auf Biomasse setzt.

Eine solche Kursänderung hätte zwei wichtige positive Effekte: Österreichs Auslandsabhängigkeit könnte abgebaut werden (zwei Drittel unserer Energie werden derzeit importiert) und -was noch wichtiger ist — unsere Energieversorgung würde um einiges umweltfreundlicher. Schon beim derzeitigen Stand der Technik hat Biomasse große Vorteile (siehe Tabelle).

Für viele mag der Ruf nach Biomasse absurd klingen. Hackschnitzel und Stroh im Computerzeitalter? Und dennoch: Biomasse ist eine echte Chance, nicht nur für die Energiepolitik, sondern für die Wirtschaft (Näheres Seiten 12 und 13.)

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau