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Auf ins Biomasse-Zeitalter

Auf lange Sicht muß die Ener-.gieversorgung jedes Landes auf erneuerbare Energie umsteigen, fordern die Ökologen. Ist Biomasse da ein Lösungsansatz? „Selbstverständlich“ , meint Dozent August Raggam von der Technischen Universität Graz. „Zehnmal Sobif“ , heißt seine Parole.

Ausgangspunkt aller Überlegungen müßte allerdings ein gezieltes Programm des Energiesparens sein. Seriöse Schätzungen für Deutschland und Österreich halten Einsparungen von 40 Prozent selbst bei moderatem Wirtschaftswachstum für möglich (FURCHE 38/1986).

Unser derzeitiger Energieverbrauch von 1000 Petajoule (PJ) ließe sich bei gezielter Anstrengung auf 670 (33 Prozent Spareffekt) verringern. Zieht man davon die ebenfalls erneuerbare Energie aus Wasserkraft (150 PJ) ab, so verbleibt ein abzudeckender Rest von 520 PJ.

Ist das mit Biomasse überhaupt abzudecken? Dazu Raggams Rechnung: Würde man auf 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Biomasse für Energiezwecke erzeugen, so könnte man allein damit den gesamten heutigen Energiebedarf Österreichs decken, also 1000 PJ aufbringen. Unsere Wälder wären da noch gar nicht berücksichtigt. Sie könnten, bei gezielter Düngung, weitere 300 PJ liefern. Heißt das, daß nun in ganz Österreich Felder und Wiesen in schnellwüchsige Pappel-und Erlenwälder umgewandelt werden müßten?

Nein, denn zum Verheizen kann man nicht nur Holz und Stroh, sondern auch andere Pflanzen verwenden. Einige liefern sogar höhere Erträge als Holz (siehe Tabelle). Drängt sich die nächste Frage auf: Werden unsere ohnehin schon von Monokultur und chemischer Mißhandlung geschädigten Böden durch weitere Intensivierung der Produktion nun endgültig ruiniert?

Das Gegenteil treffe zu, ist die zuversichtliche Antwort. Eine solche Umstellung könne mit einer Bodensanierung Hand in Hand gehen. Geschlossene Stoffkreisläufe (Abbildung Seite 12) und eine geeignete Fruchtfolge trügen dazu bei. Wichtig sei vor allem, daß die Böden wieder Wasser zu speichern vermögen. Das Leben im Boden werde gerade durch Fruchtfolge regeneriert.

Wie steht es aber nun mit den Chancen, ein solches grundsätzlich mögliches Projekt zu verwirklichen? Grundvoraussetzung ist ein klar artikulierter politischer Wille, der die bisherige Neutralität gegenüber den Energieträgern aufgibt und sich zur Forderung der Bioenergie bekennt. Die Kosten eines solchen Projekts schätzt Raggam auf 300 Milliarden Schilling.

Diesen zweifellos gigantischen Betrag muß man allerdings in Relation zu anderen Größen sehen. Etwa zu den Energieimporten von derzeit „nur“ 35 Milliarden Schilling, die aber auch schon 64 Milliarden gekostet haben. Statt mit diesen Mitteln Arbeitsplätze im Ausland zu sichern, würde die Umstellung auf Biomasse Arbeitsplätze auf das gesamte Bundesgebiet verteilt neu schaffen. Geht man von den Sobif-Schät-zungen aus (Seite 12), so ist ein Effekt von 100.000 Arbeitsplätzen nicht unrealistisch.

Man müßte die Projektkosten auch in Beziehung zu den 60 Milliarden Subvention an die Verstaatlichte Industrie sehen. Die bisher investierten Mittel haben noch kaum wirkliche Sanierung bewirkt. Gerade die Verstaatlichte könnte aber Hauptnutznießer der Investition in Biomasse-Kraftwerke und der Verlegung von Fernwärmenetzen im ganzen Land sein. Unverständlich, daß dieser notleidende Wirtschaftssektor diese zukunftsträchtige Aufgabe noch nicht entdeckt hat.

Die Umstellung auf Biomasse müßte durchaus nicht mit Protektionismus und Handelskrieg verwirklicht werden. Zunächst müßte den fossilen Brennstoffen das aufgebürdet werden, was sie an Umweltkosten verursachen. Der

Schweizer Ökonom Hans Bins-wanger schätzt den Betrag auf 50 Groschen bis ein Schilling je kWh. Allein damit wäre Biomasse schon heute konkurrenzfähig.

Noch wirksamer wäre eine Um-orientierung der Steuerpolitik. Anstelle der Mehrwert- oder Lohnsteuer könnte der Bund dieselben Beträge durch eine Abgabe auf fossile Energieträger aufbringen. Solches dürfte nicht abrupt eingeführt, sondern müßte schrittweise verwirklicht werden. Uber die Folgen einer solchen Umstellung gibt es bereits ausführliche Berechnungen (FURCHE 50/1985).

Es ist offenkundig, daß mit dem Umstieg auf Biomasse auch die Landwirtschaft endlich aus ihrer Rolle des Subventionsempfängers in die eines florierenden Wirtschaftszweiges schlüpfen könnte.

Welche große Chance läge doch in der Forcierung der Bioenergie! Schon heute machen die Dänen, die sehr dezidiert politisch auf Biomasse gesetzt haben (Erdöl und Kohle steuerlich besonders belasten), gute Geschäfte mit Feuerungsanlagen für Stroh und Hackgut: Ihre Exporte liegen bei sieben Milliarden Schilling.

Noch einmal: Von selbst wird Biomasse nicht zum Energiehit. Dazu sind die fossilen Brennstoffe heute zu billig und die eingeführten Energielieferanten zu mächtig. Notwendig ist also eine gezielte Entscheidung, jährlich rund 12 Milliarden einzusetzen, wenn man das Projekt auf 25 Jahre anlegt. Und anfangen müßte man bei der Wärmeversorgung (65 Prozent des Energiebedarfs).

Man muß bedenken, daß unsere Energieversorgung auch nicht seit jeher besteht: Energie wurde erstmals 1958, also vor 30 Jahren netto importiert.

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