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Gas geben für den Klimawandel?

Erdgas wird als "klima- und umweltfreundlich von der öffentlichen Hand massiv gefördert. Analysen zeigen, dass dies nicht gerechtfertigt ist.

"Erdgasbetriebene Fahrzeuge erzeugen keinen Feinstaub und sind auch in Sachen CO2 viel besser als Benzin- oder Dieselfahrzeuge." So bewarb Wiens Umweltstadträtin Ulrike Sima im Mai dieses Jahres eine Förderaktion, bei der die Stadt 1000 Euro pro Erdgasauto zuschießt.

Doch bei einer Gesamtbetrachtung ist die Argumentationslinie vom "klimafreundlichen Erdgas" nicht haltbar. Zwar ergaben Abgastests, die Ernst Pucher vom Institut für Verbrennungskraftmaschinen der TU Wien durchführte, einen zehn Prozent niedrigeren CO2-Ausstoß bei Erdgasautos gegenüber ihrem "Benzin- und Dieselbruder". Der zum Teil fatale Zustand der russischen Gasleitungen ist hier aber nicht mitgerechnet: Der ehemalige sowjetische Außenminister und georgische Staatspräsident Eduard Schewardnadse gab Anfang der 1990er Jahre den Verlust durch Leckagen bei Erdgas-Pipelines mit unglaublichen 50 Prozent an. Greenpeace veröffentlichte im Jahr 2000 eine Studie, wonach in Russland 15 Millionen Tonnen Erdöl und 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas durch Leckagen verloren gehen. Das wären "nur" rund fünf Prozent der jährlichen Erdgas-Fördermenge Russlands. "Ganze Wälder stehen in Ölseen, riesige Gasfackeln und Rauchsäulen verdunkeln den Himmel", heißt es im Bericht.

Gas-Golf = Porsche Cayenne?

Ob 50, 5 oder "zwischen 0,4 und 1,6" Prozent, wie eine industriefinanzierte Studie angibt: "In Wirklichkeit beruhen alle Zahlen auf Schätzungen und Hochrechnungen. Tatsache ist, dass exakte Methan-Messungen mit Flammenspektrometern über die gesamte Leitungslänge bis heute nicht durchgeführt wurden und niemand behaupten kann, wie hoch die Verluste wirklich sind", erklärt der steirische Ökoenergie-Pionier und Buchautor August Raggam von der TU Graz. Bei Leckagen entweicht Erdgas nicht - wie bei der Verbrennung - als Kohlendioxid, sondern als Methan mit dem 35-fachen Treibhauspotenzial. Sollten "nur" fünf Prozent des Erdgases entweichen, so ergäbe sich bei einem Kleinwagen ein CO2-Ausstoß von 275 Gramm pro Kilometer. Das ist ein höherer Wert als bei dem viel kritisierten Porsche Cayenne.

Ähnliches gilt für das Heizen oder die Stromerzeugung mit Erdgas. Gerade dieser Tage erleben Besitzer von Gasthermen schmerzlich, wie sehr sie dem Weltmarkt und den immer kleiner werdenden Reserven ausgeliefert sind. Mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz wäre es hingegen möglich, Arbeitsplätze zu schaffen, das Klima und die Umwelt zu schonen, vom Ausland unabhängig zu werden sowie die Preise im Griff zu halten. Für Erdgas sind aktuell 6 bis 7 Cent pro Kilowattstunde Wärme zu zahlen, für Pellets 4. Völlig vor den Kopf gestoßen fühlen sich Klima- und Umweltschützer beim Gaskraftwerk Mellach nahe Graz. Erst vergangene Woche, am 30. Oktober, erfolgte der Spatenstich für das erste thermische Großkraftwerk Österreichs seit 25 Jahren. 550 Millionen Euro soll es kosten, 5 Milliarden Kilowattstunden Strom und 800 Millionen Kilowattstunden Fernwärme erzeugen. Mit einer elektrischen Leistung von 830 Megawatt ist es größer dimensioniert als das "sicherste Kernkraftwerk der Welt", Zwentendorf.

"Mellach ist eine Investition in die Vergangenheit und blockiert eine Zukunft in Richtung erneuerbare Energien", so Raggam. Es sei unglaublich, welche Chancen wir hätten und dann wieder verstreichen ließen. Mit 2000 Hektar Photovoltaik könnte der gesamte Strombedarf Österreichs abgedeckt und - nicht zuletzt durch Stärkung des Umwelttechnik-Standortes Österreich - jede Menge Arbeitsplätze geschaffen werden. Rechnet man die bereits bestehenden Wasser- und Windkraftwerke ab, so würden bereits ca. 700 Hektar verteilt auf Österreich genügen, um das ganze Land mit erneuerbarem Strom zu versorgen. "Small is beautiful" sollte auch hier das Motto lauten. Dass eine kleinräumige, dezentrale Stromversorgung funktioniert, zeigt das Beispiel der Siedlung "Am Steinweg" in Stutensee nahe Karlsruhe. Mit einer Photovoltaik-Anlage, einem mit Erdgas betriebenen Blockheizkraftwerk, das jedoch genauso gut mit Biogas befeuert werden könnte, und mit einem Batteriecontainer wurde die Siedlung über zwei Jahre autonom versorgt. Dabei konnten die Betriebskosten um bis zu 50 Prozent gesenkt werden.

Gefährliche Gasleitung

Warum dennoch nicht in großem Stile von Gas auf nachhaltigere Heizsysteme umgerüstet wird? Raggam ortet den Grund in den Verzahnungen der Politik mit Erdgaskonzernen in Form der Landesgasgesellschaften. Außerdem scheint auch die EU-Politik einem Ausstieg aus Gas und Öl entgegenzustehen. An der Schaffung transeuropäischer Energienetze wird mit Hochdruck gearbeitet, im umstrittenen EU-Vertrag von Lissabon ist die Förderung der Zusammenschaltung der Energienetze festgelegt. 2006 hielt der EU-Rat fest, dass Erdgasfernleitungsverbindungen zwischen Österreich, Deutschland und Italien für die sichere Erdgasversorgung und zur Verbesserung des Wettbewerbs der Mitgliedstaaten notwendig sind. Das ist auch der Grund für den Bau der "Tauerngasleitung", die sich über 260 Kilometer vom Innviertel über Salzburg nach Kärnten erstreckt. Inzwischen regt sich vielerorts Widerstand: Neben Landschaftsverschandelung, Grundstückswertminderungen und sinnlosen Investitionen für fossile Energieträger wird vor allem die Gefahr von Katastrophen genannt. Erst voriges Jahr explodierte eine etwas kleinere, fast neue Hochdruckgasleitung in Grävenegg/Hessen: Die Flammen stiegen mehr als 100 Meter auf, es brannte eine Stunde lang, nur durch viel Glück gab es keine Toten, wie Experten erklärten.

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