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Energie aus dem Mülleimer

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Energiefragen bleiben aktuell -nicht nur wegen der Auseinandersetzungen um das Kraftwerk Lambach. Gefragt ist vor allem der Einsatz erneuerbarer Energieformen. Biogasanlagen sind einer dieser zukunftsträchtigen Energieträger.

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Energiefragen bleiben aktuell -nicht nur wegen der Auseinandersetzungen um das Kraftwerk Lambach. Gefragt ist vor allem der Einsatz erneuerbarer Energieformen. Biogasanlagen sind einer dieser zukunftsträchtigen Energieträger.

Die Geschichte der Nutzung von Riogas war bisher wechselhaft und von vielerlei Mißverständnissen geprägt. Dieses Gas, Methan, entsteht überall dort, wo organische Materie unter Luftabschluß abgebaut wird. Seine erste technische Nutzung erfolgte in Europa 1895 in der englischen Stadt Exter. Dort wurde aus den Abwässern der Stadt brennbares Gas für die Straßenbeleuchtung gewonnen. In Zürich fuhren die Müllabfuhrwagen der Stadt bis 1973 mit Biogas aus einer Kläranlage.

In Osterreich wird dieses Gas derzeit in zirka 30 Anlagen verschiedenen Bautyps mittels Kraft-Wärme-Kopplungen genutzt. Die effektivste Nutzung wäre eigentlich die Einspei-sung in das Erdgasnetz, da das so gerühmte Erdgas keineswegs ein Mittel gegen den Treibhauseffekt ist, handelt es sich dabei doch um einen fossilen Brennstoff, der zusätzliches C02 in die Atmosphäre einbringt.

Durch den Einsatz von Biogas hingegen werden nicht unwesentliche Mengen von C02 im natürlichen Kreislauf geführt und die Atmosphäre wird nicht zusätzlich belastet. Gleichzeitig werden Methanemissionen vermieden. Methan kann nämlich auf Kompostanlagen entstehen und entweichen. Bei Biogasanlagen bleibt es hingegen im geschlossenen Kreislauf und verbrennt zur Gänze. Methan ist für den Treibhauseffekt 21 mal schädlicher als C02!

Das Linzer Unternehmen „Energie Schützende Union" hat seit 1991 bewiesen, daß mit dem System der gerührten, liegenden Fermenter auch das Methan, das bei der Verrottung des Inhaltes von Biotonnen entsteht genutzt werden kann. In Oberösterreich wurden bereits acht und in Tschechien zwei Anlagen zur energetischen Nutzung von Bioabfall errichtet.

Mit der Fertigstellung der ersten Großanlage in Niederösterreich, der „Bios 1", die eine Kapazität von 5.000 Tonnen biogener Abfälle plus der Gülle von 800 Schweinen pro Jahr hat, ist die technische Entwicklung weiter ausgereift.

Das Prinzip der Anlagen ist einfach: Der Bioabfall wird zerkleinert, in einer Vorgrube gesammelt und mit der Gülle vom Bauernhof vermischt. Von dort wird das Substrat in einen der beiden 150 Kubikmeter fassenden, liegenden Rohrfermenter gepumpt. Durch die konstante Temperatur von zirka 37 Grad Celsius, welche mittels Heizschlangen an der Rührwelle gehalten wird, werden optimale Lebensbedingungen für die Mikroorganismen, die die organischen Stoffe zerlegen, geschaffen.

Das gleichmäßige Rühren der Masse verhindert die Bildung von Schwimmdecken. Die Fermenter werden kontinuierlich beschickt, genau so schnell, wie die Bakterien „essen" können.

Das entstehende Biogas sammelt sich am höchsten Punkt des Fermenters, dem Dom. Es wird entwässert und gespeichert. Mit dem Gas werden je nach Bedarf drei Perkins Gasmotoren betrieben, die je einen Generator antreiben.

Dadurch, daß das Gas gespeichert wird, kann man zu den Spitzenzeiten des Stromverbrauchs Elektrizität produzieren und ins Netz einspeisen. Die Motor- und die Auspuffabwärme wird mittels Wärmetauscher in einen 4.000 Liter Heißwasserspeicher geleitet.

Die „Bios 1 "Anlage ist so in der Lage, 750.000 Kilowattstunden (kWh) elektrische und 1,500.000 kWh thermische Energie pro Jahr zu produzieren

Nach zirka 20 Tagen ist das biologische Substrat ausgegoren. Vom höchsten Punkt des Reaktors aus gelangt es in die ebenfalls geheizte und gerührte Nachfermentation, ein gasdichtes Betonbecken von 1.000 Kubikmeter Fassungsvermögen. Hier entsteht noch zirka ein Drittel der gesamten Gasausbeute.

Im offenen Endlager, in welches das ausgegorene Material schließlich gepumpt wird, bleibt ein flüssiger schwarzer Dünger, der gänzlich ohne Geruchsbelästigung als hervorragender stickstoffhaltiger Dünger verwen -det werden kann. Während des Fermentationsprozesses werden rund 98 Prozent der organischen Trockensubstanz abgebaut. Außerdem werden alle Unkrautsamen sowie coliforme Bakterien (Erreger von Ruhr, Cholera ...) abgetötet.

Biogülle wirkt sich vorteilhaft auf das Bodenleben aus und die Gefahr der Ausschwemmung von Nitrat ins Grundwasser ist dank spezieller Bakterien im Dombereich des Fermenters und der Sauerstofflosigkeit während des Abbauprozesses nicht gegeben.

Die Biogasanlagen müssen in gegebenen Abständen biologisch kontrolliert werden. Bisher gab es noch keine Probleme, etwa mit der Schwermetallbelastung. Da Biogasanlagen über die Müllentsorgungsgebühren, die Energieeinsparungen am Hof, die Handelsdüngereinsparung, die Erntemehrerträge, die Stromein-speiseerträge und den Gewinn aus Ernten von Energieplantagen wirtschaftlich betrieben werden können, wird sich das Bild des Landwirtes hin zum Energiebauern wandeln.

Das Energiepotential, welches buchstäblich im Mülleimer liegt, ist riesig. Daher hat das „Energie Institut" gemeinsam mit der „Energie Schützenden Union" ein Konzept zur flächendeckenden energetischen Nutzbarmachung von organischer Trockensubstanz für Österreich erarbeitet. In Österreich könnte man nämlich, wenn man Bracheflächen als Energieplantagen einsetzt und die Abwässer, die gesammelten Bioabfälle, die Fette, die Abfälle aus der Lebensmittelindustrie und die Gülle nutzt, zirka sechs Milliarden Kubikmeter Biogas gewinnen.

Mit dieser Menge könnten in etwa 2,580.000 Haushalte elektrisch und 1,380.000 Haushalte thermisch versorgt werden! Die daraus resultierende C02-Einsparung durch Vermeidung des Einsatzes fossiler Energieträger beträgt zwölf Millionen Tonnen pro Jahr.

Das Ziel des „Biogas-Impulsmo-dells" ist es, langfristig ganze Gemeinden und Kommunen von Energiezulieferungen unabhängig zu machen. Geeignete Technologien etwa in den Bereichen Wärmedämmung, Solarenergie, Windkraft und eben Biomasse wären vorhanden.

Die vorgeschlagene Biogasnutzung stellt der momentanen Verrottung des Energieträgers Biomüll eine sinnvolle Alternative laut Abfallwirtschaftsgesetz entgegen.

Die Idee, die dem „Biogas Impulsmo-dell" zugrundeliegt, ist es, im Nahbereich von Städten Großanlagen zu errichten. In kleineren landwirtschaftlichen Betrieben könnte dezentral eine „Landwirtschaftliche Maschine ~ Biogasanlage" eingesetzt werden. Gülle- und Bioabfälle sollten mit den Pflanzen, die beim Ernten von Energieplantagen anfallen, ergänzt werden.

Aus diesem Material läßt sich ein für die Methanbakterien, die ja die eigentlichen Energieproduzenten sind, ideales „Futter" aufbereiten.

Die Gülle kleinerer und größerer Betriebe sollte nicht mehr länger unveredelt auf die Felder ausgebracht werden, stellt sie doch eine Gefahr für Trinkwasser und Boden dar. Anstatt direkt mit der Gülle aufs Feld zu fahren, könnte der Bauer diese zur Vorgrube der nächsten Biogas-Anlage bringen und und bei dieser Gelegenheit den hochwertigen, flüssigen Dünger aus dem Endlager zum Düngen seiner Felder mitnehmen.

Die vielen Vorteile eines natürlichen Nährstoffkreislaufes, der über eine Fermentationsanlage geschlossen wird, liegen für alle Beteiligten auf der Hand. Mensch und Natur werden letztlich davon profitieren.

Eine der größten Bedrohungen für unsere Umwelt ist die Erwärmung der Erdatmosphäre und die von ihr ausgehende mögliche Klimakatastrophe. Eine ihrer wichtigsten Ursachen ist der immer noch vorherrschende enorme Verbrauch fossiler Energien. Gelingt es aber, immer mehr erneuerbare Energiequellen zu nutzen, so kann den derzeitigen Entwicklungen entgegengesteuert werden. Die Methanbakterien in Biogasanlagen können dabei eine wertvolle Hilfe sein.

Die Autorin ist

Mitglied der „Energie Schützenden Union ". Diese Einrichtung hat Patenschaften für Methanbakterien angeregt. Jeder Energieverbraucher kann dadurch nach seinen Möglichkeiten dazu beitragen, Energie zu produzieren und nicht nur Energie zu verbrauchen. Er kann sich letztlich mit der Natur ausgleichen, indem er den Bau von genau-soviel Lebensraum für Methanbakterien ermöglicht, wie zur Deckung seines jährlichen Energieverbrauchs notwendig ist Nähere Informationen sind erhältlich unter der Nummer: Tel 07)2/71718}

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