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SPAREN? ABER NUR, WENN'S LEICHT GEHT

1945 1960 1980 2000 2020

Energiesparen - ein Anliegen, das heute jedermann geläufig ist. Wird es aber verwirklicht? Auf Autobahnen wird schneller und mehr denn je gefahren, in den Wohnungen mehr Raum denn je beheizt, mehr denn je Strom verbraucht...

1945 1960 1980 2000 2020

Energiesparen - ein Anliegen, das heute jedermann geläufig ist. Wird es aber verwirklicht? Auf Autobahnen wird schneller und mehr denn je gefahren, in den Wohnungen mehr Raum denn je beheizt, mehr denn je Strom verbraucht...

Wozu sich überhaupt Gedanken über Energiesparen machen? Schließlich ist Energie (berücksichtigt man die Inflation) heute so billig wie vor 20 Jahren. Damals aber zerbrach sich niemand den Kopf über den Energieverbrauch. Er stieg sozusagen naturgesetzlich im Rhythmus des Wirtschaftswachstums an. Wer mehr Energie verbrauchte, war auch fortschrittlicher. Internationale Vergleiche verwendeten den Pro-Kopf-Ener-gieverbrauch als Modernitätsmaß -an der Spitze die USA.

Einen Einbruch in dieses Denken brachte das Jahr 1973 mit dem ersten Erdölschock: Die arabischen Ölex-porteure drosselten kurzfristig die Lieferungen. Europa war von seinem Lebenselixier (Erdöl hatte in großem Stil die lokal verfügbaren Energieträger, vor allem die Kohle verdrängt) abgeschnitten. Die Preise stiegen sprunghaft an. Sparmaßnahmen wurden eingeführt: Das Autopickerl (an einem Tag pro Woche sollte jeder PKW nicht in Betrieb genommen werden), die „Energieferien". 1973 erschien auch der Bericht des Club von Rom: „Die Grenzen des Wachstums", eine Infragstellung des unbegrenztes Wachstum als politisches Ziel. Ein Grund dafür: die begrenzten Rohstoff- und Energiereserven.

Nun, daß die Reserven die fossilen Energieträger kurz- und mittelfristig nicht ausgehen, zeigte die Entwicklung der Jahre seither. Vor allem auch der zweite Ölschock 1979-1980 (mit einer neuerlichen Verteuerung dieses Energieträgers) löste eine intensive Aufschließungstätigkeit aus. Das Erdöl- und Erdgasangebot stieg so stark, daß die Energiepreise seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wieder eine Talfahrt antraten und heute so billig wie vor 20 Jahren sind. Energiesparen wurde uns also nicht durch Angebotsbegrenzung von Energieträgern aufgezwungen.

Ein anderer Grund trat in den Vordergrund: die Umweltbelastung. Jede Verbrennung ist mit der Entstehung von Abgasen verbunden: Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenwasserstoffverbindungen und Kohlenoxide, insbesondere Kohlendioxid (C02). Durch den Einbau von Filtern und Katalysatoren gelang es zwar, die Emission schädlicher Abgase (wenn auch nicht ausreichend) zu verringern. Aber um das C02 kommt man nicht herum. Es ist zwar an sich unschädlich. Probleme aber bereitet die riesige Menge von Kohlenstoff, die aus der Erde gefördert und nach Verbrennung in Form von C02 in die Luft geblasen wird.

Mittlerweile steht fest, daß die steigende C02-Konzentration in der Atmosphäre das Klima bedroht (Stichwort: Glashauseffekt). Trotz internationaler Vereinbarungen zur Verringerung von C02, steigt seine Produktion weiter - auch in Österreich: Allein von 1989 bis 1991 von 53,6 auf 63,3 Millionen Tonnen.

Hier stoßen wir endgültig an Grenzen, die uns Energiesparen zur Überlebensnotwendigkeit machen. Auf lange Sicht ist eine Umstellung unseres Energiesystems unausweichlich: Über die fossilen Energieträger kommen laufend neue Stoffe in unseren Lebensraum. Dieser ist mit ihrer Verarbeitung überfordert. Auf Dauer erträglich ist nur die Verwendung jener Energie, die von der Sonne zugeführt und in nachwachsenden Rohstoffen (Biomasse) gespeichert oder in Form von Wasserkraft, Windenergie oder direkt von der Sonneneinstrahlung (etwa Kollektoren) genutzt wird.

Unser Energiesystem muß also auf Sonnenenergie umgestellt werden. Das klingt heute utopisch, ist aber realisierbar, wenn ein erklärter politischer Wille dahintersteht. Voraussetzung dafür ist: konsequente Verringerung unseres Energieverbrauchs.

Das bedeutet keineswegs unbedingt Einbuße an Wohlbefinden. Denn der Mensch nutzt ja Energie nicht unmittelbar, sondern nur deren Wirkungen, also Energiedienstleistungen: etwa Raumwärme, warmes Wasser, Licht, Beförderungsleistung... Um diese Effekte geht es. Sie lassen sich aber mit viel weniger Energie erzielen, als wir derzeit zu ihrer Bereitstellung einsetzen.

So gibt es enorme ungenutzte Energiesparpotentiale. Eine deutsche Studie rechnete schon im Jahr 1980 vor, daß mit 40 Prozent weniger Energie-einsatz sogar ein höherer Standard an Energiedienstleistungen erreicht werden könnte. Dort hieß es: „In der folgenden Überschlagsrechnung gehen wir davon aus, daß mit heute verfügbaren Techniken folgende Senkungen des spezifischen Endenergieverbrauchs praktisch möglich sind:

Bei Raumheizung und Raumklimatisierung 70 Prozent... Bei den PKW 60 Prozent... Bei den industriellen Wärmeprozessen durchschnittlich etwa 30 Prozent... Bei den elektrisch angetriebenen Maschinen durchschnittlich etwa 30 Prozent... Bei den elektrischen Haushaltsgeräten im gewichteten Mittel 65 Prozent....

Auch bei der Erzeugung von Strom in Wärmekraftwerken läßt sich die Nutzung von Primärbrennstoffen um fast das Zweifache verbessern...

Diese markanten Verbesserungen erfordern keine exotische Technik..., sondern den Einsatz bewährter Materialien und Konstruktionen von überschaubarer Dimension..." („Energiewende", von Kraus, Bossel und Müller-Reißmann, S. Fischer, Frankfurt 1980, Seite 33p

Daß dies nicht Zahlen aus dem Traumbuch waren, bestätigte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Zukünftige Kernenergie-Politik": „Aus den langfristigen Betrachtungen... wurde für die Kommission im Laufe ihrer intensiven Beratungen deutlich, daß eine für eine breite Mehrheit wünschenswerte oder akzeptable Energiezukunft nur bei erheblichen Energieeinsparungen möglich ist.

Die zahlreichen Diskussionen über die Möglichkeit zur rationellen Energienutzung haben gezeigt, daß aus technischer Sicht ein weit größeres Einsparpotential vorhanden ist, als noch vor einiger Zeit angenommen wurde..."

Und tatsächlich hat sich in den letzten 20 Jahren auch einiges getan: So gelang es, den Stromverbrauch von Farbfernsehgeräten um 75 Prozent zu verringern. Bei Waschmaschinen konnten rund 66 Prozent, bei Kühlschränken etwa 50 und bei Geschirrspülern 35 Prozent der noch Anfang der siebziger Jahre notwendigen Strommenge eingespart werden. Beachtlich auch die Sparlampen. Sie verbrauchen nur ein Drittel der Energie üblicher Glühlampen

Einen wirklich entscheidenden Beitrag könnte die Wärmedämmung liefern. Rund 60 Prozent der üblicherweise für die Heizung eingesetzten Energie (das sind in etwa 40 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Landes) könnten technisch durch geeignete Dämmung eingespart werden.

So gesehen ist die Zwischenbilanz des Energiesparens in Österreich mager. Wir verbrauchen heute trotz der großen technischen Fortschritte so viel Energie wie nie zuvor, importieren nach wie vor einen Großteil davon, setzen weiterhin massiv fossile Energieträger ein und sind - trotz einzelner Bemühungen - weit davon entfernt, eine konsequente Politik des Energiesparens zu verfolgen.

Zwar konnten Wirtschaftswachstum und Zuwachs des Energieverbrauchs entkoppelt werden, aber eine Wende in der Energiepolitik stellt das nicht dar. Denn letztere nimmt immer noch allzu stark auf die Interessen der Energieanbieter, die an großen Umsätzen interessiert sind, Rücksicht. Dementsprechend steigt auch der Energieverbrauch. Die Energiewende steht uns noch bevor.

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