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Völlig ohne CO2?

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Der Energiebedarf kann, meint der Autor, zur Gänze mit der Energie erneuerbarer Energieträger gedeckt werden.

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Der Energiebedarf kann, meint der Autor, zur Gänze mit der Energie erneuerbarer Energieträger gedeckt werden.

Stehen wir vor einem Klimakollaps oder handelt es sich bei der Freisetzung gigantischer Mengen von CO2 und anderer Klimagase um ein Kavaliersdelikt? Wann entsteht Handlungsbedarf? Sofort, bei ersten Anzeichen von Veränderungen in der Biosphäre oder erst, wenn der Treibhauseffekt unwiderlegbar bewiesen ist? Kapitulieren wir vor totalitären Ansprüchen auf Verfügungsgewalt über Güter, die weder Individuen noch privilegierten Generationen gehören dürfen?

An einer Grundsatzfrage wird man sich auf Dauer nicht vorbeischwindeln können: Darf eine Generation ein System als selbstverständlich legitimieren, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einschneidende Folgewirkungen auf nachfolgende Generationen hat? Oder muß die Verantwortung für die Schöpfung zum Grundsatzdogma erhoben werden, gleichrangig mit den Menschenrechten? Der Hausverstand reicht aus, um festzustellen, daß wir das Verbrennen fossiler Rohstoffe überall dort, wo es bereits jetzt möglich ist, durch eine wesentlich intelligentere Form der regenerierbaren Energienutzung ersetzen müssen. Ziel kann nur sein, den vollständigen Umstieg anzustreben.

Seit Beginn der industriellen Revolution ersetzen wir menschliche und tierische Arbeitskraft durch Energieumwandlung und erreichten dadurch Wohlstand und Mobilität, haben aber nicht erkannt, daß dieser Segen sich jederzeit in Fluch verwandeln kann. Dieser Weg bedarf einer Korrektur, am besten einer, die Wohlstand und Komfort nicht nur erhält, sondern sogar verbessert.

An alle Vertreter der "Das-gehtnicht-Abwehrhaltung": Reden wir einmal über die Vorteile eines Umstieges auf erneuerbare Energieträger und die phantastischen Möglichkeiten, die eine aktive Klimaschutzpolitik mit sich bringen würde. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, daß mehr als genug erneuerbare Energie in Form von direkter Sonneneinstrahlung (thermisch nutzbar zur Wärme-, photovoltaisch zur Stromerzeugung), Wasserkraft, Wind und Biomasse vorhanden ist und daß deren Nutzung längst kein technisches Problem mehr ist, sondern ein politisches. Denn durch das Fehlen entsprechender Rahmenbedingungen ist nicht für Chancengleichheit gegenüber den fossilen und atomaren Energieträgern gesorgt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit kann man fünf Gruppen von Vorteilen einer aktiven Klimaschutzpolitik orten: Der ökologische kann als bekannt vorausgesetzt werden und ist ziemlich unbestritten. Wasser, Boden und Luft bleiben von den Folgewirkungen der Verbrennung verschont. Die soziale Chance hingegen wird noch nicht voll erkannt: Erneuerbare Energieträger bringen Arbeitsplätze, nach Berechnungen der EU-Komission mehr als eine Million in den nächsten zehn Jahren. Sie wären doppelt wertvoll, da sie auch in Randgebieten entstehen. Gleichzeitig muß man die vermiedenen Kosten verhinderter Arbeitslosigkeit den erneuerbaren Energieträgern gutschreiben. Die Wertschöpfung der Energienutzung bleibt im Land und der Region.

Jede Form der öffentlichen Starthilfe für erneuerbare Energieträger ist daher eine sinnvolle volkswirtschaftliche Investition. Über die Mehrwertsteuer kommt nach jedem fünften Mittelumlauf der gesamte Betrag wieder zum Staat zurück. Und die übergeordnete Frohbotschaft: Alle Folgekosten der fossilen Energieträger von der Zerstörung der Kulturdenkmäler bis zur Ausbreiterung der Wüsten werden massiv reduziert.

Dritter Vorteil: Schonung der Ressourcen. Erdöl und Kohle sind zu wertvolle Rohstoffe für Medizin und Chemie, um sie zu verbrennen. Selbst wenn man neue Lager auffindet, verzögert es die Erschöpfung um einen welt- und erdgeschichtlich belanglosen Zeitraum. Viertens: Klimaschonende Energieversorgung wird ein enormer Markt im nächsten Jahrhundert sein. Zwei Milliarden Menschen hungern nach Energie zum Kochen und Heizen sowie für die Mobilität. Wer mit einem Vorsprung in diese Zukunftsmärkte geht, dürfte das größte Stück des Kuchens bekommen.

Der fünfte Vorteil wird bisher nur in kleinen Zirkeln diskutiert. Es gibt noch keine umfassende öffentliche Diskussion über militärische Gewaltanwendung zur Beschaffung von Ressourcen im 20. Jahrhundert, also wieviel Blut für Öl geflossen ist. Noch weniger gibt es fundierte Analysen und Prognosen über kriegerische Auseinandersetzungen um die Restressourcen im nächsten Jahrhundert. Unbestreitbar ist, daß im Golfkrieg 1991 Öl im Spiel war, daß im Kaukasus und rund ums Kaspische Meer kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden, deren Ursache nicht zuletzt Energiereserven sind und daß in Afrika überall gemetzelt wird, wo Rohstoffreichtum ist. Europas Abhängigkeit von Fremdenergie (50 Prozent) wird sich mit der heutigen Energiepolitik in 25 Jahren auf 70 Prozent erhöhen. Erneuerbare Energieträger dienen auch der Friedenssicherung.

Österreich könnte zum nutznießenden Vorreiter des aktiven Klimaschutzes werden. Es hat entscheidende Voraussetzungen: Reichtum, Bildungsstand und Umweltbewußtsein. Zwar würde unser völliger Ausstieg aus der klimaschädlichen CO2-Freisetzung theoretisch nur 0,3 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes ausmachen. Doch es geht um den Beweis, daß die Sache funktioniert. Kurz nach der Jahrhundertwende versahen zwei Brüder eine Holzkiste mit Motor, Rädern und Propeller und hopsten ein paar hundert Meter durch die Luft. Auf die Mobilitätsstatistik jenes Jahres hatte das Experiment keinen Einfluß. Aber heute fliegt jeder.

Der Autor ist FPÖ-Abgeordneter im Europa-Parlament.

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