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Energieberatung stark ausbauen

Aus den in den letzten zwei Jahrhunderten vollzogenen Änderungen am Energiesektor, also vor allem die Ablösung des Energieträgers Holz durch Kohle, dann Gas und Ol, läßt sich ableiten, daß einschneidende Umstellungen in der Energieversorgung immer nur in Zeiträumen von etwa 50 Jahren stattgefunden ha-, ben.

So wurden bis 1850 etwa 90 Prozent aller Energie durch Holz, Wind- und Wasserkraft abge-

deckt, ab 1910 wurden etwa 80 Prozent der eingesetzten Energie durch Kohle und nur mehr 15 Prozent durch Holz, Wind- und Wasserkraft gedeckt. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte Erdöl und Erdgas einen Anteil von etwa fünf Prozent, aber erst 1960 konnte es Kohle und Holz ablösen und etwa 80 Prozent der Gesamtenergie abdecken.

Um den in den letzten Jahren aufgetretenen Problemen im Bereich der Energieversorgung und des Umweltschutzes wirksam begegnen zu können, müssen daher bald die folgenden Umstellungen

durchgeführt werden:

• Energiesparen: Das bedeutet, die Energie wirksam einzusetzen, also die gleiche Energiedienstleistung mit weniger Energie zu erzielen (verbesserte Verbrennungstechnologien, Reduktion von Wärmeverlusten und Optimierung von Regelungssystemen).

• Umstellung auf erneuerbare Energieträger: Einsatz von Sonnenenergie direkt für Wärme und elektrische Stromerzeugung und in Form von Wasserkraft und Biomasse.

Um eine rasche und wirksame Umsetzung dieser Ziele zu erreichen, ist die Entwicklung entsprechend wirtschaftlich konkurrenzfähiger Technologien und eine entsprechende glaubhafte Information für den Interessenten notwendig.

Vor allem für den Bereich des Energiesparens wurden in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Produkten auf den Markt gebracht, die eine bessere Ausnützung der eingesetzten Energie ermöglichen. Beispiele dafür sind Dämmaterialien, Heizkessel mit hohen Wirkungsgraden, hochwertige Fensterkonstruktionen, elektronische Regelgeräte und vieles mehr.

Auch für die Nutzung erneuer-

barer Energien stehen heute schon eine große Anzahl von ausgereiften Produkten zur Verfügung. Ein Teil der verfügbaren Produkte ist schon heute wirtschaftlich konkurrenzfähig.

Die Information über die heute verfügbaren Möglichkeiten wird derzeit im wesentlichen über Firmenwerbung an die Energiekonsumenten weitergegeben. Diese Art von Information führt allerdings meistens nicht zu den optimalen Maßnahmen, um den Energieverbrauch zu reduzieren, da naturgemäß Firmeninteressen im Vordergrund stehen.

Durch diese Situation ist es in den letzten Jahren oft zu Fehlinvestitionen und einer dementspre-chenden Verunsicherung der Konsumenten gekommen. Um Abhilfe zu schaffen, ist es dringend notwendig, dem Energiekonsumenten (privat und gewerblich) durch eine fachlich fundierte, produktneutrale Beratung objektive Entscheidungskriterien zur Verfügung zu stellen.

Das österreichische Institut für Energiewirtschaft wurde beauftragt, für 1000 Ein-und Zweifamilienhäuser in Oberösterreich das Energiesparpotential zu ermitteln und die zur Erreichung der möglichen und sinnvollen Einsparungen notwendigen Investitionen nach Inhalt und Umfang zu beschreiben.

Dabei zeigt es

sich, daß die untersuchten Gebäude für Heizzwecke jährlich 20,2 Millionen Schilling aufwendeten, davon aber 12,4 Millionen einsparen könnten. Die zur Erzielung der Einsparung erforderlichen Investitionen würden 74,7 Millionen Schilling erforderlich machen (Amortisationszeiten daher im Durchschnitt sechs Jahre).

Die Bereitschaft, nach entsprechender Beratung Investitionen an Gebäuden und Heizungsanlagen vorzunehmen, war beachtlich. Für diese 1000 Objekte ergab sich ein Betrag von mehr als 60 Millionen Schilling. Das heißt aber mit anderen Worten, daß eine fehlende Energiesparberatung eine Ursache dafür ist, daß aus Unsicherheit über den richtigen Weg zur Energieeinsparung sinnvolle Maßnahmen unterbleiben.

Bei der Untersuchung von 1000 Wohngebäuden in Salzburg zeigte sich beispielsweise, daß ein Großteil der obersten Geschoßdecken ungenügend gedämmt ist. In einem Einfamilienhaus mit schlechter Dämmung der obersten Geschoßdecke wird so jährlich eine Energiemenge im Werte von 5.000 bis 8.000 Schilling pro Jahr verloren.

Bei einer Verbesserung des Wertes auf die heute vorgeschriebenen Werte werden diese Verluste auf etwa 500 bis 1.000 Schilling reduziert. Die Kosten dieser Maßnahmen betragen demgegenüber 10.000 bis 30.000 Schilling.

Bei entsprechender Information sind über 90 Prozent der Betroffenen bereit, die empfohlene Maßnahme sofort umzusetzen. So wie dieses Beispiel gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die hohe Einsparungen mit vergleichbar geringen Investitionen bringen.

Es hat sich aber auch gezeigt, daß viele Maßnahmen auch dann

durchgeführt wurden, wenn die notwendigen Investitionen sehr hoch waren und die Einsparungen gering. Zum Beispiel wurden teilweise relativ gute Fenster gegen neue Fenster ausgetauscht. Die Kosten für einen solchen Fenstertausch sind üblicherweise wesentlich höher als die Kosten für die Dämmung der obersten Geschoßdecke, die Einsparungen allerdings oft geringer. Bei allen Investitionen, wie dieses Beispiel zeigt, spielen auch andere Ent-

scheidungskriterien als die Amortisationszeit eine Rolle.

Es zeigt sich also, daß eine ausreichende Investitionsbereitschaft vorhanden ist, energiesparende Maßnahmen umzusetzen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß mit den heute am Markt erhältlichen Technologien große Energieeinsparungen mit wirtschaftlichen Maßnahmen realisiert werden können, ohne dabei auf Komfort verzichten zu müssen. Bei den Energiekonsumenten, vor allem im privaten Bereich, ist die Bereitschaft für entsprechende Investitionen vorhanden.

Für die praktische Umsetzung ist es wesentlich, daß einerseits gute Informationen geboten werden und andererseits möglichst viele Anreize für energiesparende Maßnahmen gesetzt werden.

Derzeit gibt es finanzielle Unterstützungen durch Förderungen und Steuererleichterungen, die allerdings im Zuge der Steuerre-

form und der Budgetkonsolidierung reduziert werden (Seite 15). Wünschenswert wäre eine volle Abgeltung der Einsparungen durch eine geeignete Tarif politik.

Bei allen leitungsgebundenen Energieträgern sollte möglichst wenig an Grundgebühr verrechnet werden, um so die Energiekunden möglichst voll in den Genuß der finanziellen Einsparungen bei Reduzierung des Energieverbrauches kommen zu lassen. Tarifumstellungen wie die von den Wiener Stadtwerken angekündigte, bei denen Abnehmer mit geringem Verbrauch bevorzugt behandelt werden, sind daher äußerst wünschenswert.

Der Autor ist Geschäftsführer des Osterreichischen Instituts für Energiewirtschaft in Wien.

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