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Negawatt statt Megawatt

Was können die Energieversorgungsunternehmen (EVU’s) zum Energiesparen beitragen? Mit diesem Sparen Geld verdienen. Denn Energiesparen hat nichts mit „Gürtel enger schnallen“, kalten Füßen und Komfortverzicht zu tun. Energiesparen kann und soll zu einem neuen Geschäftsfeld für innovative Energieversorgungsunternehmen werden.

Genauer gesagt geht es darum, dem Konsumenten nicht mehr Energieträger, sondern Energie-

dienstleistungen, wie warme und helle Räume, Kommunikation, Verfügbarkeit von Gütern etc-, kostengünstigst anzubieten.

Die tägliche Dusche möge als Beispiel dienen. Bisher begnügte sich ein EVU üblicherweise damit, den Energieträger zur Erwärmung des Wassers (Strom, Gas, öl) zu verkaufen. Eventuell beriet es den Konsumenten auch noch bei der Suche nach dem effizientesten Boiler passender Größe.

Versucht man aber, nicht den Energieträger, sondern die Energiedienstleistung Duschen effizient bereitzustellen, finden sich völlig neue Lösungen. So kann zum Beispiel durch das Einblasen von Luft in den Brausekopf der Wasserverbrauch um 70 bis 80 Prozent und dementsprechend auch der Energieverbrauch gesenkt werden.

Solche Duschen amortisieren sich in den USA, trotz der niedrigen Energiepreise, innerhalb eines Jahres.

Durch modefne Beleuchtungs technologien lassen sich gut 75 Prozent des Lichtstromverbrauches einsparen, und sogar bei Haushaltsgeräten können, allein durch den Austausch von Altgeräten gegen die jeweils marktbesten, Einsparpotentiale von 30 bis 50 Prozent realisiert werden.

Negawatts statt Megawatts heißt denn auch die Devise innovativer EVU’s und Consulting- Firmen in den USA. Die Realisierung von Sparpotentialen wird der Errichtung beziehungsweise dem Betrieb von Kraftwerken oder anderer Versorgungseinrichtungen gleichgesetzt.

Dann erst wird der kostenoptimale „Bereitstellungsmix“ ermittelt. Der einzige Unterschied: Das „Kraftwerk“ Energiesparen liefert eben Negawatts (nicht verbrauchte Watts) statt Megawatts.

Dabei zeigt sich, daß in unzähligen Fällen die Grenzkosten der Einsparung weit unter denen der Erzeugung liegen, ja in einigen Fällen ist Sparen sogar billiger als der Betrieb bestehender Anlagen.

So ging etwa die „Southern California Edison Company“ soweit, Energiesparlampen an Haushalte mit niedrigem Einkommen zu verschenken. Die Kosten für die dadurch gewonnenen Kilowattstunden (kWh) lagen unter den Betriebskosten der bestehenden Kraftwerke. Bei leicht steigenden oder sogar gleichbleibenden Tarifen profitieren so die Konsumenten durch insgesamt niedrigere Energierechnungen, und die

EVU’s erzielen meist höhere Gewinne, auch bei reduziertem Absatz.

Man mag einwenden, daß amerikanische Erfahrungen nicht so ohne weiteres auf Europa oder Österreich übertragbar sind. Schließlich ist die Energieverschwendung der amerikanischen Volkswirtschafteine unvergleichlich höhere als in Österreich.

Allerdings müssen Energiespartechnologien in den USA wegen des viel niedrigeren Energiepreisniveaus auch unvergleichlich kostengünstiger sein als bei uns, um sich am Markt durchsetzen zu können.

Daß eine geänderte Untemeh- mensstrategie, nämlich Energiedienstleistungen statt Energieträger zu verkaufen, auch in Europa und in Österreich Erfolg haben kann, zeigen die folgenden Beispiele.

So hat etwa die Stadt Saarbrük- ken den kommunalen Stromverbrauch von 1980 bis 1985 um 15 Prozent reduziert. An einer weiteren Reduktion in derselben Größenordnung wird gearbeitet. Investitionen von 4,5 Millionen Mark (32 Millionen Schilling) sollen die jährlichen Stromkosten um 600.000 Mark senken.

Und die Stadtwerke Saarbrük- ken konnten durch das Angebot verschiedener Energiedienstleistungspakete — verkauft wird Nutzwärme und nicht Gas oder Fernwärme — bereits einen Anteil von 50 Prozent am gesamten Wärmemarkt erreichen. Auch in den Städten Köln und Rottweil wer den ähnliche Konzepte mit Erfolg praktiziert.

Und in Österreich? Natürlich gehen die Uhren in Österreich anders als im Ausland, vor allem ein wenig langsamer. Die Grazer Stadtwerke allerdings haben zusammen mit der Stadt Graz die Umrüstung alter magistratseigener Kohle- und Ölheizungsanlagen auf Gas und Fernwärme in Angriff genommen.

Die Stadtwerke übernehmen die Vorfinanzierung, Planung und Abwicklung der Umstellung. Die Rückzahlung erfolgt binnen zehn Jahren über die Differenz der Betriebskosten.

Bisher wurden mit einem Investitionsvolumen von 35 Millionen Schilling 30 Objekte umgestellt. Ergebnis: Energieeinsparung 38 Prozent oder jährlich zehn Millionen kWh, Emissionsreduktionen je nach Schadstoff zwischen 50 und über 90 Prozent. Dieser Erfolg bewog die Grazer Stadtwerke, eine Energie-Service-GmbH ins Leben zu rufen, mit dem Auftrag, ähnliche Energiedienstleistungspakete allen Grazer Energiekonsumenten anzubieten.

Die SAFE (Salzburger Landeselektrizitätsgesellschaft) gewährt seit kurzem Zuschüsse zum Austausch von alten Elektrogeräten und nachfolgend einen Strompreisrabatt, der mit der Höhe der erzielten Einsparung steigt. Wer spart, gewinnt also doppelt.

Und die Feistritzwerke in der Oststeiermark förderten den Kauf einer Energiesparlampe mit 50 Schilling. Die so gewonnenen Negawattstunden kosten die Feistritzwerke rund 15 Groschen.

Dipl.-Ing. Andreas Molin ist Assistent an der Abteilung Energie-Physik des Institutes für Theoretische Physik der Technischen Universität Graz.

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