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Sorge ums Wohl der Fledermäuse

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Vorstandsmitglied der STEWEAG, meint: Strom muß billiger, Energieversorgungsunternehmen müssen Umweltdiener werden.

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Vorstandsmitglied der STEWEAG, meint: Strom muß billiger, Energieversorgungsunternehmen müssen Umweltdiener werden.

Nur noch selten findet sich in Österreich ein rauschiges Flußstückchen, daß sich noch gewinnbringend für ein Wasserkraftwerk aufstauen ließe.

Für Herbert Paierl, dem Vorstandsdirektor der Steirischen Wasserkraft- und Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (STEWEAG) ist ein grundlegender Wandel im Selbstverständnis der Elektrizitätsunternehmen notwendig: „Nicht nur die STEWEAG, sondern alle Energieversorgungsunternehmen sind gefordert, sich vom reinen Stromversorger zum Energie-und Umweltdienstleister zu wandeln.”

Die Europäische Union will auch den „Strommarkt” liberalisieren, oder richtiger, erst schaffen. Nach Vorstellung der EU soll jeder elektrische Energie anbieten können und die Leitungen der bisherigen Monopolisten gegen Entgelt benützen können.

Cogeneration: Konkurrenz und Chance

Der freie Strommarkt mag noch etwas in der Ferne liegen, doch im Nahbereich haben die Elektrizitätsunternehmen mit verstärkter Konkurrenz zu kämpfen. Immer mehr große Industriebetriebe überlegen, selbst Strom- und Wärme für den Eigenbedarf zu erzeugen.

In Bruck an der Mur hat beispielsweise die Papierfabrik Leykam eine Gasturbine mit einer Leistung von 50 MW aufgestellt und ist nun vom öffentlichen Stromnetz unabhängig. Verbraucht Leykam weniger Strom als seine Gasturbine erzeugen kann, dann kann es diesen in das öffentliche Netz liefern. Zwar zahlen die Elektrizitätsunternehmen eher wenig, aber sie müssen ihn abnehmen und dafür zahlen.

Direktor Paierl macht diese Entwicklung Sorgen: „Wir hoffen, daß nicht immer mehr Großkunden in die Eigenproduktion abwandern müssen.”

Der Grund liege im Preis: „In der Produktionskette Verbund, Landesgesellschaften und vielleicht noch ein Stadtwerk oder ein privater Versorger als Dritter im Bund, sind wir insgesamt zu teuer.”

Vor Weihnachten stellte Verbund -general Serainig für den Verbund fest, daß er zu viel Strom habe. Daß der größte Stromfresser in Osterreich, die Aluminiumschmelze der AMAG, das Zeitliche segnete, bedeutete einen Stromabnehmer weniger für den Verbund. „Ich kann nicht klagen, daß immer mehr in die Eigenproduktion, speziell die Cogeneration, gehen”, zeigt Paierl wenig Verständnis für die Wehklagen des Verbunds. „Der einzige Weg, diesen Strom, den ich angeblich im Überfluß habe, am Markt anzubringen, ist, daß ich billiger werde anstatt teurer.”

Bevor immer mehr Betriebe sich vom öffentlichen Stromnetz verabschieden, steigt nun die STEWEAG selbst in die Cogeneration ein. Mit der OMV und den Grazer Stadtwerken hat die STEWEAG die „Co-Genera-tion Steiermark” gegründet, die für größere Industriebetriebe die Versorgung mit Strom- und Wärme anbietet. Eine Gasturbine, die im Betrieb aufgestellt wird, erzeugt beides und erhöht die Ausbeute der eingesetzten Primär-Energie (Gas) auf siebzig bis achtzig Prozent.

Im Vergleich dazu: 1955 setzte ein Wärmekraftwerk nur ein Viertel der verheizten Brennstoffe in Strom um, 1993 stieg der Wirkungsgrad auf immerhin 40 Prozent - viel mehr läßt sich bei der reinen Stromerzeugung mit konventioneller Technik nicht herausholen.

Wenn bestehende Heizwerke durch Cogeneration-Anlagen ersetzt werden und auch Strom erzeugen, werden so zusätzliche kalorische Kraftwerke vermieden.

Obzwar sich nur für größere Indus trieunternehmen eine eigene Gasturbine rechnet, sieht Paierl ein Potential von zehn bis fünfzehn Cogeneration-Anlagen in der Steiermark. Dem frischen Unternehmensgeist sind aber keine engen Grenzen gesetzt: „Wir wollen auch im steirischen Umland unsere Dienstleistungen anbieten.”

Paierl schränkt aber ein: „Die Cogeneration ist nur für größere Abnehmer sinnvoll, also für eine Leistung ab 20 bis 30 Megawatt.”

Neue, umweltfreundliche Möglichkeiten, Strom und Wärme zu produzieren, sieht Paierl in der Bioenergie. In Deutschlandsberg soll mit EU-Förderung ein erstes Biomasse gefeuertes Heizkraftwerk errichtet werden. Das verringert die C02-Emissionen,

weil durch das Nachwachsen des Brennstoffes das C02 wieder in Sauerstoff zurückgewandelt wird. Und die von der EU schwer getroffenen Bauern haben eine neue Einnahmequelle.

Herbert Paierl sieht darin erste Schritte im „notwendigen Wandel vom monopolistischen Anbieter eines Produktes als Stromversorger zu einem Mehrsparten-Unternehmen, das sich auch am Markt von Dienstleistungen zu bewähren hat.”

Am Fernwärmemarkt ist die STEWEAG mit dem Tochterunternehmen Fernwärme GmbH schon Mitbewerber am freien Markt. Lösungen bei der Abfallverwertung bietet das Tochterunternehmen ENAGES an.

Umweltschutz als Nebeneffekt

In den achtziger Jahren waren für die noch junge Umweltschützerlnnenbe-wegungen Wasserkraftwerke sichtbare Zeichen von Umweltzerstörung. Die STEWEAG zeigte sich in den neunziger Jahren lernbereit und erhöhte ihre Ausgaben für Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen von 55 Millionen Schilling im Jahre 1991 auf heuer 139 Millionen.

Herbert Paierl verweist mit Stolz auf das neue Wasserkraftwerk Fisching, das nach Protesten von Umweltschützern umgeplant wurde. Das Krafthaus verschwand in einem Hang, die Fischaufstiegshilfe wurde nicht eine betonierte Stufenleiter, sondern wurde einem Wildbach nachgebaut, der in zahlreichen Versuchen optimiert wurde.

Zum Europäischen Naturschutzjahr wartet die STEWEAG mit eigenen Umweltschutzprojekten auf:

Beim Bau des Dampfkraftwerks Mellach hat die STEWEAG als „ökologische Ausgleichsfläche” ein zehn Hektar großes Gelände gekauft und als Vogelhegegebiet der Osterreichischen Gesellschaft für Vogelkunde überantwortet.

In einigen Querstollen, die der Wartung von Wasserstollen zwischen

Speicher und Kraftwerkshaus dienen, haben sich Fledermäuse eingenistet. Um in Zukunft derartige „Fensterstollen” von vornherein so zu bauen, daß Fledermäuse sie mögen, läßt die STEWEAG untersuchen, woran es liegt, ob in den Fensterstollen die natürlichen Insektenvernichter sich einnisten oder nicht.

In der Weststeiermark wird auf mindestens fünf Jahre ein Zuchtprogramm unterstützt, um in den steirischen Gewässern die Elritzen wieder heimisch zu machen.

Ein Wiese nahe Gabersdorf in der Südsteiermark hat die STEWEAG aufgekauft, um eine von 500 Wildbienenarten, die nur dort wegen einer bestimmten Blumenart leben, zu erhalten.

Aufgeschotterte Dämme der Wasserkraftwerke in Gralla, Gabersdorf, Obervorgau und Spielfeld werden nicht mit Büschen und Bäumen bepflanzt, weil Fachleute des Landesmuseums Johanneum herausgefunden haben, daß auf dem „xerother-men Magerrasen” Blütenpflanzen und Großinsekten gedeihen, die es in der Begion sonst wegen der intensiven Landwirtschaft nicht mehr gibt.

Als erstes Energieversorgungsunternehmen unterzieht sich die STEWEAG der Öko-Auditierung gemäß EU-Verordnung Nr. 1836/93. Die Dampfkraftwerke Pernegg, Mellach, Neudorf/Werbdorf und Graz werden von einer Consultingfirma auf mögliche Umweltschutzmaßnahmen durchleuchtet.

Innerhalb eines Jahres wird daraus ein Umweltschutzplan erstellt und ein unabhängiger Gutachter kontrolliert

nach drei Jahren, ob die Zielvorgaben erfüllt worden sind. Bei Erfolg wird der STEWEAG das „Öko-Audit-Zer-tifikat” verliehen.

Die alten schützenden Mauern bröckeln ab. Auch die Verbundgesellschaft will verstärkt in das Endgeschäft gehen. Argwöhnisch beäugt die STEWEAG, daß der Verbund 70 Prozent der Steirischen Elektrizitäts AG (STEG) übernommen hat, und über die STEG nun auch direkt an Endverbraucher liefert.

Im Gegenzug dazu könnten, wenn das noch De facto-Monopol des Verbunds für den Export und Import von Strom fällt, die Landesgesellschaften diese Geschäfte selbst in die Hand nehmen.

Paierl sieht dunkle Wolken am Horizont der Insel der Seligen: „Das ist aus meiner Sicht ein sehr bedrohlicher Umstand, daß das erfolgreiche österreichische arbeitsteilige Energiewirtschaftsmodell ins Wanken gerät.”

Sparpotentiale im Haushalt

Schwieriger ist die Förderung des rationellen Energieeinsatzes bei den privaten, kleinen Haushalten. Hier setzt die STEWEAG auf klassische Aufklärungsprogramme zum Energiesparen. Ein besonderer Dorn im Auge von Paierl ist der völlig sinnlose Stromverbrauch im Stand-by-Betrieb von Fernsehern, Badios, Faxgeräten, Computern et cetera.

Die STEWEAG schätzt, daß derartige Geräte in der Steiermark alleine 300 Kilowattstunden nur für das Warten verbrauchen. Allein für diesen unnötigen Stromverbrauch muß ein mittleres Murkraftwerk aufkommen.

Paierl setzt hier auf Vorbildwirkung. Die größten Sparpotentiale bei Privatverbrauchern sieht er beim Verkehr und bei der Heizung. In die Arbeit fährt der sportliche Diplomingenieur mit dem Fahrrad und sein Haus hat er vorbildlich wärmeisoliert. Daß er seine häuslichen Geräte nicht im Stand-by-Betrieb Strom fressen läßt, versteht sich von selbst.

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