Digital In Arbeit

Strom von der Sonne: teuer, aber im Kommen

1945 1960 1980 2000 2020

Photovoltaikanlagen sind technisch ausgereift und funktionieren problemlos. Der einzige Nachteil dieser idealen Form der Stromerzeugung: Ihre Installationskosten sind zu hoch für die vorherrschenden niedrigen Strompreise.

1945 1960 1980 2000 2020

Photovoltaikanlagen sind technisch ausgereift und funktionieren problemlos. Der einzige Nachteil dieser idealen Form der Stromerzeugung: Ihre Installationskosten sind zu hoch für die vorherrschenden niedrigen Strompreise.

Es war Festtag für die kleine Vorarlberger Gemeinde Thüringerberg. Die gesamte Bevölkerung der idyllischen Ortschaft hat sich versammelt. Grund ist die Eröffnung des neuen Gemeindezentrums. Sogar der Landeshauptmann ist erschienen und gratuliert den Gemeindebürgern. Nach einer Stunde verabschiedet er sich wieder. Was für den Landesvater ein Routinebesuch ist, bedeutet für Albert Rinderer aus Thüringerberg die Verwirklichung eines Traumes, für den er mehr als drei Jahre gearbeitet hat.

Auf dem Dach des neues Gemeindezentrums wird an diesem Tag nämlich eine 16 Quadradmeter große Photovoltaikanlage in Betrieb genommen. Der Postangestellte Rinderer, ein seit den achtziger Jahren aktiver Pionier der Ökologiebewegung, sieht diese kleine Anlage als einen Schritt auf dem Weg zu einer Umorientierung in der Energieversorgung.

Es sind zwar nur 1.800 Kilowattstunden Strom, die man damit pro Jahr erzeugen wird. Das ist gerade so viel, wie ein Zweipersonenhaushalt im Jahr verbraucht. Aber der Wert dieses winzigen Sonnenkraftwerkes liegt nicht nur in den eingesparten Kilowattstunden, sondern auch in der Bewusstseinsbildung. "Diese Anlage soll zwei Dinge veranschaulichen: Man kann mit ein bisschen Phantasie und Engagement einen erheblichen Teil der benötigten Energie selbst dezentral und nachhaltig erzeugen. Und vor allem wollen wir klar machen, dass Energie ein kostbares Gut ist, mit dem man sparsam umgehen soll", erläutert ein sichtlich stolzer Rinderer.

Montage in 3 Tagen Zufrieden mit der neuen Photovoltaikanlage ist auch der Chef der Dachdeckerei Lins in Feldkirch. Er hat die schwarzen Platten auf dem Dach der Lagerhalle montieren lassen. Besonders gefreut hat ihn, dass die 250 Quadratmeter große Anlage samt den Anschlüssen in nur drei Tagen ans Stromnetz angeschlossen werden konnte.

Was bringt einen Unternehmer, der hart zu rechnen gelernt hat, zur Photovoltaik? "Für uns ist das wirtschaftlich interessant. Wir können Kunden, die sich für Photovoltaikanlagen im Inselbetrieb interessieren, unsere Kompetenz in diesem Bereich demonstrieren. Die zweieinhalb Millionen Schilling Errichtungskosten wurden durch eine 35-prozentige Subvention des Landes Vorarlberg beträchtlich reduziert."

Trotzdem können Anlagen wie diese noch immer nicht mit den marktüblichen Strompreisen konkurrieren. Deshalb ließ sich der Firmeninhaber etwas Besonderes einfallen. Zehn Firmen aus der Umgebung haben sich verpflichtet, freiwillig mehr für den Strom aus Photovoltaikanlage zu bezahlen. Und zwar 6,50 Schilling pro Kilowattstunde. Sie verpflichten sich außerdem, zehn Jahre lang pro Jahr zwischen 1.000 und 2.000 Kilowattstunden zu diesem Preis zu beziehen. Dafür wurden sie bei der Eröffnung namentlich genannt und dürfen ihre ökologische Aufgeschlossenheit mit einem Zertifikat demonstrieren. Umweltbewusstsein ist gut für das Firmenimage, und es kann auf diese Weise billiger kommuniziert werden als mit aufwendigen Werbekampagnen. "Wir waren überrascht, dass das so problemlos über die Bühne ging", resümiert man bei der Firma Lins.

Projekte wie das eben beschriebene werden vom Land Vorarlberg im Rahmen der Aktion Sonnenschein gefördert. Neben der Investitionsförderung gibt es als Anreiz auch einen erhöhten Einspeisetarif von 1,53 Schilling pro Kilowattstunde.

Das allein bringt aber wenige Betreiber dazu, eine Photovoltaikanlage zu errichten. Denn die Gestehungskosten für eine Kilowattstunde Strom aus einer Photovoltaikanlage bewegen sich zur Zeit zwischen sieben und dreizehn Schilling. Der Grund sind in erster Linie die teuren Siliziumzellen. Die wandeln das Sonnenlicht in elektrische Energie um und sind das Herz jeder Photovoltaikanlage. Das für die Photovoltaikplatten nötige reine Silizium in kristalliner Form muss in einem komplizierten, teuren Verfahren gewonnen werden. Um Strom günstiger erzeugen zu können, muss man diesen Herstellungsprozess verbilligen. Daran wird zwar bereits gearbeitet, doch ist eine relevante Verbilligung erst durch eine wirkliche Massenerzeugung von Siliziumplatten zu erwarten.

Aus diesem Grund sind Photovoltaikanlagen in erster Linie für jemanden interessant, der damit zusätzliche Ziele verbindet. Sei es, weil er für den Wert von nachhaltiger Energieerzeugung wirtschaftliche Nachteile in Kauf nimmt. Sei es, weil er aus der demonstrierten ökologischen Gesinnung über Umwegrentabilität wieder wirtschaftliche Vorteile erreicht.

Eine Lösung des Dilemmas sehen Experten nur in einer Einspeiseregelung, die den Erzeugern von umweltfreundlichem Strom höhere Preise zahlt. Eine solche Regelung ist seit diesem März in Deutschland mit dem "Erneuerbare-Energien-Gesetz" (EEG) verbindlich. Dort werden den Sonnenstromproduzenten pro eingespeister Kilowattstunde 99 Pfennig bezahlt, was auf dem Solarsektor sofort zu einem Boom geführt hat (siehe dieFurche 21/2000). Die Aktien von Solarfirmen erreichen Spitzenwerte an den Börsen, und man rechnet in der Solarbranche für das kommende Jahrzehnt mit zweistelligen Wachstumsraten.

Von solchen weitblickenden Maßnahmen und hoffnungsvollen Entwicklungen können die Solarenergiebegeisterten in Österreich nur träumen. Unterschiedliche Einspeisetarife in den Bundesländern, Unsicherheit über die Zukunft und die drohende Verschlechterung durch den Umbau des österreichischen Stromgesetzes EIWOG werfen ihre Schatten auf die technisch ausgereiften Lösungen.

Atomstrom ist billiger Das Problem aller Öko-Strom-Erzeuger und damit auch der Photovoltaik ist der Würgegriff der Atomstromerzeuger, die mit einer aggressiven Preispolitik die Konkurrenten aus dem Feld schlagen. "Man bekommt in Österreich zur Zeit eine Kilowattstunde Atomstrom um 35 Groschen nachgeworfen", entrüstet sich Ewald Selvicka, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Erneuerbare Energie in Gleisdorf.

In der südsteirischen Stadt begann man in den achtziger Jahren mit dem Selbstbau von Sonnenkollektoren. Nun entwickelt die Arbeitsgemeinschaft Anwendungskonzepte für erneuerbare Energie. Beim eigenen neuen Bürogebäude ging man mit gutem Beispiel voran und integrierte in die markante Südfront Kollektoren und Photovoltaikelemente. Selvicka fordert als Grundlage gesicherte Einspeisetarife, die größere Investitionen in die Photovoltaik ermöglichen.

Höhere Preise Er verweist auf die internationalen Zusammenhänge: "Wir können hier in Europa etwas tun, um den unterwickelten Ländern neue Chancen zu bieten und gleichzeitig die ökologische Umgestaltung der Welt voranzubringen. Photovoltaisch erzeugte Energie ist eine große Chance für Länder, die über kein flächendeckendes Stromnetz verfügen. Damit kann Energie dezentral und ohne die enormen Anfangsinvestitionen für Großkraftwerke erzeugt werden. Gerade diese Länder benötigen Energie, um sich wirtschaftlich zu entwickeln. Die Möglichkeiten für die Entwicklung der Photovoltaik haben aber nur die Industriestaaten. Für sie bietet sich der Vorteil neuer Arbeitsplätze, die in diesem Bereich entstehen. Damit das wirklich funktioniert, muss man einen Markt für Solarstrom entstehen lassen. Und das geht nur über einen durch kostendeckende Einspeisetarife gesicherten Inlandsmarkt, so wie es jetzt in Deutschland verwirklicht wurde".

Ein weiterer Aspekt, der in der Liberalisierungsdebatte kaum beachtet wird, betrifft den noch immer steigenden Energieverbrauch, der sich pro Jahr in Österreich um vier Prozent erhöht. "Momentan gibt es - wegen der Atomkraftwerke - bei Strom noch Überkapazitäten in Europa. Das bleibt aber nicht mehr lange so. Bald wird die benötigte Energiemenge ohne den massiven Beitrag der erneuerbaren Energieträger nicht mehr erzeugt werden können. Es wäre gut, sich für diese Zeit vorzubereiten", schlägt Selvicka vor. Wegen des wachsenden Energieverbrauches bräuchten die EVU's keine Angst vor dem Zusperren ihrer Kraftwerke haben.

Trotz der existierenden Probleme ist Photovoltaik schon jetzt interessant. Inselanlagen, bei denen Strom an entlegenen Orten benötigt wird, sind ein ideales Anwendungsgebiet für die Photovoltaik. Das wirkliche Potential der Photovoltaik, das in der Zukunft liegt, müsste aber jetzt erkannt werden. Eine vorausschauende Politik hat die Pflicht, dieser umweltfreundlichen Energieerzeugung echte Startpositionen zu ermöglichen. Das nicht zu tun, bedeutet die Augen vor den anstehenden Weichenstellungen zu verschließen, weil man offenbar vor dem Diktat der großen konventionellen Stromerzeuger kapituliert hat.

Der Autor ist freier Journalist.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau