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Ganz schön stürmische Zeiten

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Der Markt für Windkraft wächst rasant - seit letztem Jahr auch in Österreich. Jetzt steigen aber die Länder auf die Bremse

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Der Markt für Windkraft wächst rasant - seit letztem Jahr auch in Österreich. Jetzt steigen aber die Länder auf die Bremse

Die Windbranche durchlebt eine aufregende Zeit. Mit einem Rekordzuwachs von 4.000 Megawatt (MW) weltweit, also der vierfachen Leistung des AKWs Temelin, konnte die Windkraft auch letztes Jahr ein eindrucksvolles Signal setzen. Zum dritten Mal hintereinander konnte die früher so oft belächelte Windkraft beim Zubau von neuen Kraftwerkskapazitäten die Atomkraft weit hinter sich lassen. Mit ihrer Wachstumsrate von jährlich 40 Prozent, die sie in den neunziger Jahren in Europa konstant einhielt, braucht man sich auch um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen.

Die weltweit errichtete Kapazität beträgt derzeit 17.500 MW. Damit können rund 35 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt werden, was der Stromversorgung von zehn Millionen österreichischen Haushalten entspricht. 30.000 Menschen finden Arbeit in der Windbranche.

In Deutschland, dem weltweit größten Windstromproduzenten, ist die Leistung allein im letzten Jahr um 56 Prozent gestiegen. Neben Deutschland ist vor allem Dänemark unter den Vorreitern: 15 Prozent des dänischen Strombedarfes werden mit Windkraft gedeckt. Bis 2030 sollen es 50 Prozent sein.

Auch in Österreich tut sich endlich etwas. Im September 2000 wurde die hundertste Windkraftanlage errichtet und allein im Osten Österreichs wurden letztes Jahr 600 Millionen Schilling investiert. Damit gelang innerhalb nur eines Jahres beinahe die Verdoppelung der installierten Leistung von 42 MW auf 78 MW (Stand: Ende 2000). Die 122 in Österreich errichteten Windkraftanlagen liefern soviel sauberen Strom, wie die Hälfte aller burgenländischen Haushalte verbrauchen. Und sie schaffen Arbeit in einer Zukunftsbranche.

Chance der Stunde Mit den über 100 Beschäftigten, die die Errichtung und Fundamentierung neuer Windräder erfordert, wächst die Zahl der heimischen Windenergie-Arbeitsplätze auf über 500.

In Österreich rückte die Windenergie erstmals in den 70er-Jahren infolge der Energiekrise ins Rampenlicht. Trotz des damals fehlenden Absatzmarktes führten engagierte Privatpersonen Windmessungen durch. In den achtziger Jahren folgten die ersten Versuche mit Kleinstanlagen.

Diese Vorreiter waren für die weitere Entwicklung der Windkraft in Österreich von großer Bedeutung, denn Sie zeigten, dass es - entgegen der gängigen Lehrmeinung - auch in Österreich günstige "Windverhältnisse" gibt. 1993 wurde zur Bündelung der gemeinsamen Interessen, die "IG Windkraft" gegründet, und schon 1994 war es dann soweit: Die ersten großen Windkraftanlagen wurden in Niederösterreich in Wagram an der Donau und in St. Pölten errichtet. Die beiden Windmühlen in St. Pölten lieferten einwandfreie Ergebnisse und heizten den Bau von Windkraftanlagen in Österreich regelrecht an.

Ab 1994 gab es auch von staatlicher Seite zaghafte Impulse zur Unterstützung der Windkraft. Die damalige Förderung, die den Windkraftproduzenten einen etwas besseren Preis für den erzeugten Strom bescherte und für einen ersten kleinen "Boom" sorgte, lief aber 1996 aus. Danach herrschte bis zum letzten Jahr relative Flaute. Nur vereinzelt konnten Projekte verwirklicht werden. Trotz der fehlenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ließen sich die Windkraftbegeisterten aber nicht entmutigen. In der Hoffnung auf bessere Zeiten wurde weiter Projekt um Projekt geplant. Erst letztes Jahr war wieder ein sprunghafter Anstieg der neu errichteten Windkraftanlagen zu verzeichnen.

Ausschlaggebend für den plötzlichen Wachstumsschub auf österreichischem Boden war das 1998 beschlossene Stromgesetz "ElWOG" (Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz), das den Netzbetreibern vorschrieb, im Jahr 2005 drei Prozent des verkauften Stromes aus Ökostromanlagen zu beziehen.

Obwohl die von den Ländern verordneten Preise für Strom aus Windkraft besonders im windgünstigen Osten Österreichs deutlich unter dem Niveau vieler anderer EU-Länder blieben, ließen sich etliche Projektanten nicht länger halten und nutzten die Chance der Stunde, um die schon seit Jahren fertig geplanten Projekte endlich zu verwirklichen.

Zur Aufbringung der notwendigen Eigenmittel für kapitalintensivere Windprojekte wurde ein interessantes Finanzierungsmodell ins Leben gerufen - die Bürgerbeteiligung. Bei dieser Finanzierungsform bringen Bürger das notwendige Eigenkapital für die Errichtung eines Windkraftwerkes auf. Derzeit gibt es etwa 80 Windkraftanlagen, die über Bürgerbeteiligungen finanziert sind, und rund 3.000 Personen haben sich mit Geldeinlagen (ab 1.000 Euro) beteiligt.

Bürgerbeteiligung Durch die Mitbesitzerschaft an den örtlichen Windkraftanlagen werden die Windräder zum Gemeingut von Dorfgemeinschaften oder Regionen. Dadurch wird die Akzeptanz und das Bewusstsein für Fragen der Energiegewinnung gesteigert. Etwa 3000 "Windmüller" und "Windmüllerinnen" gibt es auf diese Weise schon in Österreich.

Auch die heimische Zulieferindustrie profitiert vom weltweiten Boom. Die beiden wichtigsten Unternehmen, die sich am internationalen Markt behaupten, sind die oberösterreichische Firma "Hexcel Composites", die Material für die Flügel der dänischen Windkraftfirma "Vestas" liefert. Hexcel Composites verwendet dazu einen innovativen Verbundwerkstoff, der ursprünglich aus der Schi-Industrie stammt. Das besondere Material ermöglicht eine leichtere Bauweise der Flügel bei höherer Qualität und niedrigerer Umweltbelastung. Die Traditionsfirma "VA-Tech Elin EBG Motoren GmbH" ist wiederum einer der weltweit führenden Lieferanten von Generatoren.

Letzten Sommer wurde das Stromgesetz ElWOG novelliert. Bis zum Jahr 2007 sollen mindestens vier Prozent des Strombedarfs durch erneuerbare Energien (ausgenommen Wasserkraft) gedeckt werden. Würde nur die Hälfte dieses Ziels mit Windrädern erfüllt werden, würde dies bis 2007 den Bau von mindestens 400 Windkraftanlagen mit insgesamt 600 MW bedeuten.

Leider gehen die Entwürfe der Länder in eine völlig andere Richtung: Anstatt die positiven Vorgaben des neuen ElWOG zu nutzen, steigen sie auf die Bremse. Aus Angst, dass in einem Bundesland mehr "passieren" könnte als in einem anderen, ziehen sie - in verfassungsrechtlich äußerst bedenklicher Weise - eine Obergrenze für die Förderung von Ökoanlagen ein. Für das Burgenland bedeutet dieses Vorhaben etwa, dass trotz hervorragender Windverhältnisse und geplanter Projekte im Volumen von mehreren Milliarden Schilling, bis zum Jahr 2007 nur drei (!) Windkraftanlagen gebaut werden dürfen.

Wie die Länder dieses Bremsmanöver mit ihrer großteils über das Klimabündnis eingegangenen Verpflichtung, die Kohlendioxidemissionen bis 2010 um 50 Prozent zu senken, vereinbaren können, bleibt ein Rätsel.

Für die Windkraftbetreiber bleibt daher wieder einmal nur eines: Projekte planen und warten. Worauf? Auf Europa! Denn im Herbst wird eine EU-Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien beschlossen. Spätestens mit ihrer Hilfe sollten dann für den stürmischen Wind des Wandels die Mauern der österreichischen Länder nur noch als Kitzeln beim Darüberwehen zu spüren sein.

Die Autoren sind in folgenden Institutionen tätig: Heidi Adensam ist Mitarbeiterin des Ökologie-Instituts und Stefan Hantsch Mitarbeiter der Interessensgemeinschaft Windkraft Österreich.

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