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Zukunft mit Billigstrom

1945 1960 1980 2000 2020

Weltweit steigen die Energiepreise. Kosten, die in wirtschaftlichen Krisenzeiten doppelt schmerzen'. Frankreich schwimmt beim Strom gegen den Strom: Er soll billiger werden.

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Weltweit steigen die Energiepreise. Kosten, die in wirtschaftlichen Krisenzeiten doppelt schmerzen'. Frankreich schwimmt beim Strom gegen den Strom: Er soll billiger werden.

Ex-Landeshauptmann Erwin Wenzl war beeindruckt. „Frankreich ist heute jener Staat in Europa, der die preisgünstigste elektrische Energie zu bieten vermag, was schon seine Auswirkungen darin hat, daß große internationale Unternehmen ihre Standorte aus anderen Staaten der Europäisehen Gemeinschaft nach Frankreich verlegen”, resümierte der nunmehrige Präsident des Verbandes der Elektrizitätswerke Österreichs und Generaldirektor der Oberösterreichischen Kraftwerke AG nach einer Studienreise mit Journalisten zu den französischen Stromerzeugern.

Das große Ziel der französischen Elektrizitätsgesellschaft Electricite de France (EdF) ist auch faszinierend: Frankreich soll beim Strom gegen den Strom der Zeit schwimmen. In einer Zeit, in der weltweit die Energiepreise steigen und steigen, hat sich Paris vorgenommen, daß ab 1985/86 die Stromtarife jährlich um ein Prozent gesenkt werden sollen.

Diese Zukunftsvision hat freilich ihren Preis: Die Franzosen setzen voll auf die Kernenergie, vom einschneidenden Zurückstutzen der Nuklearpläne, wie Francois Mitterrand dies in seinem Wahlprogramm versprochen hatte, ist nun unter seiner Linksregierung längst keine Rede mehr.

Derzeit produzieren 30 Kernreaktoren, darunter zwei sogenannte „Schnelle Brüter”, Strom, 29 weitere sind in Bau oder in Planung. Liegt der Anteil der Kernenergie an der gesamten f ranzösisehen Stromproduktion heute bei 40 Prozent, soll er bis 1990 auf 70 Prozent steigen.

Weg vom Ol, hin zur Elektrizität: das' ist die EdF-Devise. Man will von den immer teurer werdenden Energieimporten wegkommen. Mit gutem Grund: 1973 hat Frankreich dafür rund 35 Milliarden Schilling ausgegeben, heuer werden es umgerechnet,fast 390 Milliarden Schilling (Österreich 1981:62 Milliarden Schilling) sein.

Mit Uran- und Kohlevorkommen im eigenen Land (vom Ausbau der Wasserkraft versprechen sich die Pariser EdF-Manager keine großen Steigerungsraten mehr) soll daher Elektrizität produziert werden, möglichst viele Verbraucher sollen auch auf Strom umstellen. Das verwirrende Motto: Mehr Strom verbrauchen - und Energie sparen.

Und es geschieht in Frankreich in den Bereichen Alternativenergien und Energiesparen konkretes: Im Raum Paris, Bordeaux, Aquitaine und im Elsaß geht man etwa systematisch an die Nutzung der geothermischen Energie: Rund 10.000 Wohnungen werden heute schon mit heißem Wasser aus der Erde beheizt.

Welche Möglichkeiten im Energiesparen selbst liegen, demonstrieren die Franzosen im Forschungszentrum Renardieres nächst Fontäinebleau südlich von Paris, dem größten von insgesamt vier derartigen Einrichtungen. Dort werden nicht nur Entwicklungsarbeiten im Höchstspan-nungsbereich vorangetrieben, Wärmepumpen getestet und mit der Industrie verbessert, dort Wird auch mit Wärmedämmung experimentiert. Und an einem Fertigteil-Musterhaus versuchen die Techniker herauszufinden, welches das beste Heizsystem für das Jahr 2000 wäre:

Vor zehn Jahren lag der Energiebedarf noch bei 120 Watt je Quadratmeter, heute hegt er bei 60 Watt - und das wollen die Ingenieure in Renardieres weiter halbieren.

Fünf Milliarden Schilling pro Jahr, das sind zwei Prozent des EdF-Umsatzes, werden deshalb auch in die Forschung (2.500 Mitarbeiter) investiert.

Ein Vierteljahr hundert Forschung und Planung steckt auch im Gezeitenkraftwerk St. Malo in der Bretagne: An der Mündung der Rance in den Ärmelkanal liefern Ebbe und Flut (der Wasserstand steigt und fällt im Schnitt um 8,5 Meter, extrem um über 13 Meter) Strom; das Kraftwerk ist so konstruiert, daß sowohl das in die Bucht fließende Wasser bei Flut wie auch das bei Ebbe abfließende Wasser die 24 Kaplan-Turbinen antreiben.

Die Schaufeln bewegen sich übrigens so langsam, daß die Fische durchschwimmen können.

Während man in St. Malo vom Erfolg überzeugt ist, ist man in der Pariser EdF-Zentrale skeptischer: aus Kostengründen. Der Bau und der Strom käme zu teuer. Und daher schiebt man auch die Pläne für ein zweites Gezeitenkraftwerk im Gebiet Mont-St. Michel lustlos vor sich her.

Sind es wirklich Kostengründe?

Ein Kilowatt Atomstrom kostet in Frankreich 42 Groschen, Strom auf Kohlebasis 75 Groschen, Gezeitenstrom 45 Groschen je Küo-wattstunde.

Möglich, daß die Vorliebe für Kernenergie in Frankreich dort den nächsten Innovationsschub verhindert hat. Die Sowjetunion hat zwischenzeitlich jedenfalls ein Verfahren entwickelt, mit dem die Baukosten drastisch gesenkt werden können: Statt der teuren Trockenlegung des Meeresbodens für den Bau sollen vorgefertigte Kraftwerkselemente durch Sprengungen, die rundherum einen Damm aufwerfen, auf Grund gesetzt werden. Auch Kanada wälzt ähnliche Pläne.

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