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Kernkraft bleibt Option in Europa

10.000 Milliarden Dollar müssten investiert werden, um den Strombedarf bis 2030 weltweit zu decken, prognostiziert die Internationale Energie Agentur. Was bedeutet das für Europa? Und: Wie gut ist Österreich mit Elektrizität versorgt? Wie sieht die Zukunft von Alternativ- und Atomenergie aus? Themen des Gesprächs mit Verbund-Generaldirektor hans haider.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Stromversorgung Österreichs? Ist ausreichend viel Kapazität vorhanden?

Hans Haider: 2004 sind sicher ausreichend viele Reservekapazitäten vorhanden. Berücksichtigt man aber die Steigerungen des Stromverbrauchs und die langen Vorlaufzeiten für die Errichtung von Kraftwerken, erkennt man, dass neue Kapazitäten erforderlich sind.

Die Furche: Welche Ausbaupläne gibt es derzeit?

Hans Haider: Derzeit haben wir einige kleine Wasserkraftwerke im Bau. In der Stadt Leoben bauen wir ein neues Wasserkraftwerk mit 9,5 Megawatt (MW). Und in Wien hat sich durch das Kraftwerk Freudenau der Spiegel zwischen Donau und Donaukanal verändert. Daher bauen wir in Nussdorf ein Kraftwerk, um die dort vorhandene Differenz von vier Metern zu nutzen. Dann haben wir vor, wenn sich die Preise entsprechend entwickeln und wir die nötigen CO2-Zertifikate bekommen, im Süden von Graz ein großes Gas- und Dampfkraftwerk mit 800 MW zu bauen. Das wird ein beachtlicher Beitrag zur Stromversorgung.

Die Furche: Wird dort auch die Wärme genutzt werden?

Haider: Ja, von der Stadt Graz. Damit bekommt man einen Wirkungsgrad weit über 80 Prozent.

Die Furche: Sie haben im Jänner von einem Strom-Dilemma in Europa gesprochen. Was haben Sie damit gemeint?

Haider: Die Internationale Energie Agentur in Paris hat vor etwa einem Jahr festgestellt, dass in den nächsten 30 Jahren 600.000 MW zu errichten sind. Das sind ungefähr 800 Kraftwerke, wie jenes, das wir bei Graz planen. Etwa die Hälfte dieser Kraftwerke sind notwendig, um alte zu ersetzen. Meiner Ansicht nach wird es in den nächsten 30 Jahren nicht möglich sein, diese Ersatzkapazitäten bereitzustellen. Dabei geht es nur um das Europa der 15. Die Beitrittsländer haben derzeit zwar genügend Kapazität. Aber ihre Kraftwerke sind alle erneuerungsbedürftig. Auf Europa kommt da eine riesige Herausforderung zu. Wenn Sie bedenken, dass so ein Kraftwerk etwa 400 Millionen Euro kostet, können Sie sich vorstellen, was das kosten wird.

Die Furche: Wäre das nicht eine Gelegenheit Biomasse zu forcieren?

Haider: Die Biomasse ist zwar ein Thema. Man kann mit ihr, mit Wind- und Solarenergie zwar einen Beitrag zur Energieversorgung leisten, aber daran wird die Welt nicht gesunden. Der Beitrag ist einfach zu gering.

Die Furche: Ist die Wasserkraft in Österreich auslizitiert?

Haider: Die Flüsse, die sinnvoll genutzt werden können, sind ausgebaut. In Österreich gibt es ein einziges großes Wasserkraftwerk, das einen substanziellen Beitrag leisten könnte: Hainburg. Aber das ist für uns kein Thema mehr. Was nicht geht, geht nicht.

Die Furche: Schaut man sich die Prognosen der Internationalen Energie Agentur an mit diesen gigantischen Investitionen, die vor allem in konventionelle Elektrizitätserzeugung gehen, fragt man sich, wie das mit dem Klima weitergehen wird. Wie sehen Sie das?

Haider: Die Effizienzsteigerungen sind da zu berücksichtigen. Ein Gaskraftwerk nutzt heute die Energie viermal so gut wie ein Kohlekraftwerk in den dreißiger Jahren. Außerdem gibt es zusätzlich eine CO2-Reduktion durch den Einsatz von Gas anstelle von Kohle. Bezogen auf die Megawattstunde ergibt das beim CO2-Ausstoß den gewaltigen Schnitt auf ein Achtel. Das hilft uns natürlich.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Außenabhängigkeit Europas bei der Energieversorgung, laut der erwähnten Prognose nimmt sie ja deutlich zu?

Haider: Die EU-15 hat heute schon eine Abhängigkeit von 35 Prozent. Nachdem alles in Richtung Gas geht, das im wesentlichen aus zwei Regionen, aus Russland und Nordafrika, zu uns kommt, wird diese Abhängigkeit auf 85 Prozent ansteigen. Sie wird nicht nur beim Gas gegeben sein, sondern auch beim Strom. Es gibt erhebliche Bemühungen in Russland, nicht nur Gas, sondern auch Strom nach Europa zu liefern.

Die Furche: Ist auf diesem Hintergrund nicht Energiesparen das zentrale Thema?

Haider: Ja. Nur sind da politische Maßnahmen gefordert, um die Leute zum Sparen anzuhalten. Was kann da unser Beitrag dazu sein? Es ist ja pervers, dass jemand, der davon lebt, ein Gut, nämlich elektrische Energie, zu verkaufen, Kunden auffordern soll zu sparen. Wir leben ja davon, dass wir mehr umsetzen. Allerdings haben wir das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann.

Die Furche: Bei der Versorgungssicherheit mit Strom soll Österreich sehr gut im internationalen Vergleich liegen...

Haider: Im Westen, Norden und Osten Österreichs gibt es genügend elektrische Energie, weil genügend viele Kraftwerke vorhanden sind und das Leitungsnetz entsprechend ausgebaut ist. Im Süden, insbesondere in der Steiermark, stoßen wir an Grenzen. Seit 1970 hat sich im Grazer Raum der Stromverbrauch vervierzehnfacht, aber es ist dort kein neues Kraftwerk, keine neue Leitung gebaut worden. Insbesondere die im Raum südlich von Graz angesiedelte Industrie hat kaum die Sicherheit zusätzliche elektrische Energie zu bekommen.

Die Furche: Wer haftet bei Stromausfall für entstandene Schäden?

Haider: Wir nicht. Im alten Verstaatlichungsgesetz war der Verbund verantwortlich für den Ausgleich zwischen Verbrauch und Erzeugung. Im Zuge der Liberalisierung sind wir diese Verantwortung losgeworden. Wer ist also verantwortlich, wenn in zehn Jahren nicht mehr genug elektrische Energie vorhanden ist? Zweifelsfrei die Politik. Sie muss für eine entsprechende Regelung sorgen.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Zukunft der Atomenergie in Europa?

Haider: Die Deutschen haben den Ausstieg beschlossen. Bei den Schweden habe ich eher den Eindruck, dass man alte Kraftwerke zwar stilllegen, die Laufzeit anderer aber verlängern wird. Die Finnen haben beschlossen, ein neues Kraftwerk mit 1.600 MW zu bauen. In Frankreich ist der Ausstieg kein Thema. Auch wenn es niemand wahrhaben will, glaube ich, dass wir in Europa nicht auf Kernenergie verzichten können. Es werden nicht viele eine Freude damit haben, die Österreicher sowieso nicht. Für uns ist das auch kein Thema. Aber Europa muss sich alle Optionen offenlassen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Herr über 123 Kraftwerke und 28 Milliarden KWh

Geboren 1942 im oberösterreichischen Oberneukirchen verbrachte Hans Haider seine Mittelschuljahre im Stiftsgymnasium Wilhering, wo er 1961 mit Auszeichnung maturiert hat. Es folgte ein Studium der Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Wien, das er 1968 als Diplom- Ingenieur abgeschlossen hat. Nach einem weiteren Studium an der Graduate School of Business der Stanford University bekleidete Haider unterschiedliche Management-Funktionen bei der Siemens AG Österreich, die ihn 1989 in den Vorstand berief. 1994 wechselte Hans Haider als Sprecher des Vorstands in den Verbund, dessen Generaldirektor er seit April 2004 ist.

Er steht damit dem größten österreichischen Elektrizitätsunternehmen vor, das im Vorjahr einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro gemacht und einen Gewinn nach Steuern von 218 Millionen Euro erwirtschaftet hat. Mit seinen 123 Kraftwerken deckt das Unternehmen knapp 50 Prozent der österreichischen Strombedarfs. 90 Prozent der Verbund-Elektrizität stammt aus der Wasserkraft. Mit einem Hochspannungsnetz von 3.000 Kilometern Länge sorgt der Verbund für den Stromtransport.

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