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Weniger Energie mehr Komfort

1945 1960 1980 2000 2020

Ein milder Winter, sinkende Ölpreise, ein träger Wahlkampf erwecken den Eindruck einer heilen Energiewelt. Daß aber bezüglich der Energie neue Weichenstellungen nottun, zeigt folgender Beitrag.

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Ein milder Winter, sinkende Ölpreise, ein träger Wahlkampf erwecken den Eindruck einer heilen Energiewelt. Daß aber bezüglich der Energie neue Weichenstellungen nottun, zeigt folgender Beitrag.

Wieviel Energie braucht unser Wirtschaftssystem überhaupt? Das Beste, was wir — meiner Meinung nach — heute dazu sagen können, ist, daß wir uns die Antwort auf diese Frage in der Vergangenheit viel zu leicht gemacht haben. Schuld daran sind alle jene Personengruppen, die meistens mit den Werkzeugen der Statistik und Informatik mehr oder weniger elegante Trendextrapolationen in die Zukunft vorgeführt haben.

Man hat bei der Beurteilung des künftigen Energieverbrauchs an völlig falschen Punkten des Energiesystems angesetzt, bei den

Energieflüssen, anstatt sich an den Energiedienstleistungen zu orientieren.

Versuchen wir aber die Energiedienstleistungen (Bedarf an Raumwärme, an Verkehrsleistungen, an Elektrizitätsleistungen, etwa Licht, usw….) zu erfassen und für ihre Bereitstellung ein wirksames Konversions- (Um- wandlungs-)System zu entwerfen, um daraus dann Rückschlüsse auf den Bedarf an Primärenergie zu ziehen. Dann kommt man zu dem Ergebnis, daß selbst ein Luxuszustand von wieder steigenden Energiedienstleistungen mit weniger Primärenergie als heute gedeckt werden kann.

Ich habe diesbezüglich Simulationen für Österreich gemacht und eine umfangreiche Dissertation, die in diesem Jahr fertiggestellt worden ist, hat diese Arbeit auf alle großen OECD-Länder übertragen. Das Ergebnis ist immer gleich: Es besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, daß der Primärbedarf an Energieträgern in den nächsten 20 Jahren abnehmen wird.

Somit ist alles, was wir derzeit in Österreich an Energieverbrauchsziffern registrieren, etwa daß der Primärenergieverbrauch auf dem Niveau von 1973 steht, für mich keine tempdräre Erscheinung. Hier kommt ein Trend zum Ausdruck, der durchaus für ęlie nächsten 20 Jahre Gültigkeit haben kann.

Welche Konsequenzen würden sich, wenn wir den Umweltbelastungen besonderes Augenmerk bei der Energiebereitstellung schenken wollten, für die Energiestrategien ergeben?

Die Antworten diesbezüglich sind schon relativ klar formuliert. Und das Interessante ist, daß diese Energiestrategien nicht nur umweltschonend, sondern auch bei Berücksichtigung anderer Effizienzkriterien naheliegend sind.

Das sind einmal Strategien, die bei der Energiebereitstellung ansetzen müßten. Es ist einfach verwunderlich, daß sich die Diskussion über Abgasentschwefelung noch immer so kontrovers abspielt. Wir haben weltweit genug funktionierende Anlagen, die uns zeigen, daß sowohl bei Stein- als auch bei Braunkohle Entschwefelungsgrade von deutlich über 90 Prozent ohne Schwierigkeiten zu handhaben sind.

Die Frage ist dann immer: Wieviel kostet das? Das Kostenargument bekommt leicht eine pharisäische Dimension, wenn man bedenkt, daß die Kosten für maximale Entschwefelung pro Kilowattstunde nicht viel über zehn Groschen liegen. Andere Belastungen, wie etwa die Kapitalkosten, sind da viel gravierender.

Die Abgasentschwefelung ist also mehr oder weniger ausdiskutiert.

Der nächste Schritt wäre die Brennstoffentschwefelung. Sie ist sowohl bei Kohle als auch bei Erdöl möglich. Rein betriebswirtschaftliche Untersuchungen zeigen, daß die Entschwefelung bei Erdöl wesentlich billiger beim Brennstoff ist als die Entschwefelung der Abgase nach der Verbrennung. Es wäre also der ÖMV schon vor zehn Jahren nahezulegen gewesen, der Entschwefelung von öl und damit verbunden der Entbleiung der Brennstoffe ein wesentlich größeres Augenmerk zu schenken.

Dann ist natürlich darauf hinzuweisen, daß es ganz neue Verbrennungstechnologien gibt, die leider auch noch nicht stark genug in der öffentlichen Diskussion präsent sind. Hinzuweisen ist etwa auf die Wirbelschichttechnologien. Österreich hätte sich hier international wie andere Länder profilieren können. Bei diesen Technologien sind wir eindeutig schon einen Schritt zurück.

Hinzuweisen wäre auch, daß wir eine ganz neue Generation von Einzelofenheizungen brauchen. Ich glaube, daß es der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekannt ist, welche Belastungen der Hausbrand verursacht. Das trifft unter anderem für den größten Teil jener Gebiete Österreichs zu, die eine Beckenlage haben.

Als nächstes kommen ohne Frage die Kraft-Wärme-Kupplungen. Die politischen Parteien sind sehr stark in dieses Thema eingestiegen, haben sich aber sehr schnell auf die damit verbundenen Fernwärmenetze festgelegt. Wir haben aber heute viele Hinweise, daß die Forcierung der Fernwärme, so wie sie derzeit in Wien, aber auch in Graz vorangetrieben wird, problematisch sein kann. Zunächst ist damit ein enorm hoher Kapitalaufwands verbunden. ‘

Weiters ist die eingesparte Kilowattstunde eben wesentlich billiger als die über ein Fernwärmenetz bezogene Wärme. Auch die erforderliche Anschlußdichte ist nur in relativ wenigen Ballungsräumen zustandezubringen.

Aus diesen Überlegungen und zum Teil aus sehr leidvollen Erfahrungen ist man daraufgekommen, daß es Alternativen zu den Großfernwärmenetzen gibt. Wir bezeichnen sie heute mit dezentraler Nahwärme-Versorgung.

Die Nahwärme-Versorgungsnetze werden von sogenannten Tandem-Blockheizkraftwerken gespeist.

Ein solches Kraftwerk besteht aus einem Verbrennungsmotor, der mit unterschiedlichen Brennstoffen gefüttert werden kann: Gas, Ölprodukte, aber auch Biogas oder Wasserstoff. Weiters hat es einen Generator, der auch als Motor eingesetzt werden kann. Als Besonderheit ist noch eine Wärmepumpe angeschlossen.

Man kann dieses Tandem- Blockheizkraftwerk auf vier Ar ten betreiben: Betreibt man es etwa mit Erdgas, so erzeugt man damit auf 100 Einheiten Erdgas 32 Einheiten Strom und 54 Einheiten Netzwärme. Es kommt damit ein Wirkungsgrad von 86 Prozent zustande. Diesen Wirkungsgrad muß man mit dem der Elektrizitätserzeugung, wo man nicht viel mehr als 30 Prozent erreicht, oder dem von konventionellen Einzelfeuerungen, die maximal 50 bis 55 Prozent erreichen, vergleichen.

Der zweite Modus sieht folgendermaßen aus: Es werden 54 Einheiten Nutzwärme erzeugt und eine Wärmepumpe betrieben. Sie entzieht der Umgebung Nutzwärme in der Höhe von etwa 90 Einheiten. Das heißt, bezogen auf 100 Einheiten Primärenergie bekommt man 144 Einheiten als Ergebnis. Das ist natürlich eine ganz beachtliche Steigerung des Wirkungsgrades, bezogen auf die Primärenergie.

Oder man läßt die drei Teile gemeinsam laufen. Dann werden 54 Einheiten Nutzwärme, 16 Einheiten Strom und 45 Einheiten Nutzwärme aus der Umgebung bereitgestellt.

Solche Blockheizkraftwerke sind in den deutschen Städten Heidenheim und Flensburg mit großem Erfolg im Einsatz. Aus aller Welt pilgern die Energieexperten dorthin. Am Beispiel dieser Städte wird auch deutlich, daß es sinnvoll ist, solche Systeme schrittweise aufzubauen. Die Kapazität wird blockweise erweitert. Dafür ist die Finanzierung leicht aufzubringen, man paßt sich an den Ausbau des Fernwärmenetzes an.

Persönlich würde ich mir folgendes an energiepolitischer Kurskorrektur in Österreich wünschen:

• An erster Stelle die Gebäudesanierung: Sie ist für lange Zeit das Billigste und bringt viele zusätzliche positive Effekte: Beschäftigung, weniger Lärm, Sanierung der Städte.

• AnzweiterStelleeineNeukon- struktion des öffentlichen Verkehrs: ein starkes Plädoyer für die Forcierung des öffentlichen Verkehrs.

• Entschwefelung und Entbleiung der Brennstoffe,

• Nahwärme-Konzepte in bewußtem Kontrast zur forcierten Fernwärmestrategie,

• Sanierung bestehender Anlagen.

Auszug aus einem Vortrag, den Univ.- Prof. Schleicher, Professor für Volkswirtschaftslehre in Graz, am 22. Februar 1983 im Rahmen des Symposiums „Umwelt und Wirtschaft in Wien gehalten hat.

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