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Was kommt nach der OPEC-Dekade ?

1945 1960 1980 2000 2020

Auch nach dem „ÖI-schock" des Jahres 1973 ist in der österreichischen Energiepolitik noch sehr viel schiefgelaufen, meint der Autor dieses alarmierenden Beitrages.

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Auch nach dem „ÖI-schock" des Jahres 1973 ist in der österreichischen Energiepolitik noch sehr viel schiefgelaufen, meint der Autor dieses alarmierenden Beitrages.

Mit dem Verfall der Rohöl-Preise auf dem Weltmarkt geht jetzt die OPEC-Dekade endgültig zu Ende, die im Herbst 1973 mit dem ersten Ölpreisschock eröffnet wurde. Der damalige Marktanteil der OPEC von rund 50 Prozent reichte aus, um innerhalb weniger Jahre die Rohölpreise auf das Sechzehnfache anzuheben. Seither sank der Anteil der OPEC an der Weltproduktion auf rund ein Drittel. Wie auf den meisten anderen Rohstoffmärkten bestimmen nun auch bei Rohöl die alten Industrieländer die Preisbildung.

Das österreichische Alphabet der Ereignisse reicht von Autofreien Tagen bis Zwentendorf. Welche Veränderungen sind in der österreichischen Energiewirtschaft in diesen Jahren vor sich gegangen?

Ein erster vergleichender Blick weckt den Eindruck eines Dornröschenschlafes: Der Primärenergieverbrauch 1983 gegenüber 1973 ist fast unverändert, der energetische Endverbrauch (transformierte Primärenergieträger) sank um über zwei Prozent. Vergleicht man diese Stabilisierung des Energieverbrauchs mit dem Zuwachs von 26 Prozent beim realen Bruttosozialprodukt, wird die vollzogene Abkop-pelung der wirtschaftlichen Aktivität vom Energieeinsatz evident.

Allerdings reduzierte sich die Netto-Importabhängigkeit der Primärenergie nur um 4,2 Prozentpunkte auf 58,9 Prozent, da bei der Umstrukturierung der Primärenergieträger wohl der ölanteil um 8,5 Prozentpunkte auf 45,8 Prozent fiel, der ebenfalls auslandsabhängige Gasanteil aber um 2,2 Prozentpunkte auf 17,5 Prozent wuchs. Die bessere Dek-kung des Primärenergieverbrauchs durch inländische Energieträger (Wasserkraft und sonstige Energieträger: Holz und sonstige Biomasse) wurde somit zu einem guten Drittel durch Gasimporte aufgezehrt.

Zwei markante Phänomene sind beim energetischen Endverbrauch zu registrieren: Der Anteil der Sektoren Industrie und Kleinabnehmer sank zugunsten des Verkehrs. Zweitens ist eine deutliche Umstrukturierung bei den Energieträgern des Endverbrauchs zu Lasten von Öl (-9,7 Prozentpunkte) und Kohle (-1,0 Prozentpunkt) zugunsten von Elektrizität (+4,9 Prozentpunkte), sonstige Energieträger wie Biomasse und Fernwärme (+4,4 Prozentpunkte), sowie Gas (+1,4 Prozentpunkte) zu verbuchen.

Diese Veränderungen sind unter mindestens zwei Aspekten nicht unproblematisch: Ein gutes Viertel der Verminderung bei der ölabhängigkeit wurde durch den nicht minder sensitiven Energieträger Gas ersetzt, zusätzlich sank (!) der Wirkungsgrad bei der Transformation von Primärenergie in die Energieträger des Endverbrauchs. Dieser Effizienzverlust ist hauptsächlich verursacht durch Ausweitung der kalorischen Stromproduktion, mit Verlusten von über 60 Prozent, und die energetisch noch schlechteren Kfz-Motoren, also gleichzeitig die größten Verursacher von Umweltschäden.

Dieser Rückblick trägt vielleicht dazu bei, die aktuellen Konflikte besser zu verstehen und entschiedenere Kurskorrekturen für die nächste Energiedekade zu überdenken.

Der Beitrag der Elektrizitätswirtschaft für Energieversorgung ist beachtlich, soll aber nicht überschätzt werden. Nur 18 Prozent des energetischen Endverbrauchs werden durch Elektrizität gedeckt. Auch ein Ausbau des gesamten realisierbaren Wasserkraftpotentials würde nur jene Energiemengen bereitstellen, die in den vergangenen zehn Jahren allein durch Biomasse und Fernwärme zusätzlich verfügbar wurden.

Eine Verdoppelung der gesamten Produktionskapazitäten der Elektrizitätswirtschaft würde nicht einmal ein Drittel des derzeitigen Gas- und ölbedarfs substituieren.

Nur auf den ersten Blick besticht die Argumentation, daß jede Investition in Wasserkraftwerke Auslandsabhängigkeit und

Umweltbelastung reduziert. Sie wird relativiert, wenn als Alternative Effizienzverbesserungen bei der Energieverwendung in Betracht gezogen werden. Solange es billiger ist, ohne Komfortverlust Energie einzusparen, als durch zusätzliche Kraftwerkskapazitäten - egal welchen Typs - bereitzustellen, entscheidet die ökonomische Rationalität zugunsten der Investition für bessere Energieverwendung.

Noch immer löst es in Österreich Verwunderung aus, wenn auf ausländische Elektrizitätsunternehmungen verwiesen wird, die Beratung für einen effizienteren Energieeinsatz samt der damit verbundenen Finanzierungstätigkeit zu Schwerpunkten ihrer Tätigkeit gemacht haben.

Die Energieökonomen plädieren für integrierte Energiekonzepte, die bei der Energiebereitstellung und Energieverwendung die ökonomischen und sozialen Kosten der Energie minimieren. Projektstudien zeigen, daß solche Konzepte auf regionaler Basis zu einer Reduktion des Primärenergiebedarfs bis zu 75 Prozent (!) führen können.

Volkswirtschaftlich ist es bedauerlich, daß Österreich nicht jenen Know-how für integrierte Energiesysteme entwickelte, den skandinavische Länder weltweit exportieren. Heimische Kesselbauer müssen nicht zuletzt deshalb Lizenzgebühren an das Ausland leisten, weil nicht rechtzeitig entsprechende Innovationsanregungen vorlagen.

Nach der OPEC-Dekade bleiben viele Widersprüche bestehen, teilweise haben sie sich verschärft: Komponenten für energetisch effiziente und umweltfreundliche Blockheizkraftwerke werden mit Erfolg exportiert, aber nur sehr bescheiden von der heimischen Energiewirtschaft nachgefragt. Milliardeninvestitionen in Kraftwerksprogramme stehen in krassem Mißverhältnis zu Investitionen für verbesserte Nutzung der Energie. Alle leitungsgebundenen Anergieträger betreiben wegen ihrer Kapazitätsüberschüsse eine aggressive Verkaufspolitik, obwohl für immer mehr Haushalte die Energiekosten eine immer größere Belastung werden. Das Energiekonzept der Bundesregierung wird danach zu beurteilen sein, welche Maßnahmen es zur Auflösung dieser Widersprüche setzt.

Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik an der Karl-Franzens-Universität in Graz.

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