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Neue Konzepte

Nicht zuletzt die Ereignisse im Irak und Iran machen deutlich, daß es an der Zeit wäre die energiemäßige Auslandsabhängigkeit Österreichs gezielt zu verringern.

Es stellt sich keineswegs die Aufgabe ein bis zwei Prozent des Primärenergieeinsatzes etwa durch Atomstrom zu ersetzen (diese Energiemengen könnten durch entsprechende Appelle des Herrn Bundeskanzlers im Fernsehen, eingespart werden), sondern wir stehen vor der Aufgabe, den gesamten Energieimport - und das sind bereits über 70% der Primärenergie pro Jahr - zu ersetzen. Auch bei Vernachlässigung der Sicher-heits-, Abfall- und Strahlenproblematik würde uns hier die Atomenergie keinen Schritt weiterbringen.

Abgesehen von der bleibenden Auslandsabhängigkeit wären dazu 100 neue Atomkraftwerke nötig, welche alle 20 Jahre ersetzt werden müßten. Schon in 100 Jahren wären bei gleichbleibendem Verbrauch, 500 strahlende Kraftwerksruinen zu bewachen.

Österreichs eigene fossile Energievorräte würden nur für 7 Jahre reichen. (Ihre Förderung wäre jedoch innerhalb diesesZeitraumesreintechnischunmög-lich). Wasserkraft und Biomasse er-

Energie aus Wasserkraft und Biomasse

Grafik: Archiv

neuern sich hingegen ständig aus der Sonnenenergie.

Das ökoinstitut in Freiburg veröffentlichte eine Studie über „Die Energieversorgung Deutschlands ohne Atomenergie und öl". Sie kommt zu dem Ergebnis, daß eine Halbierung des heutigen Energieverbrauches allein durch bessere Energienutzung möglich ist. Die restliche Energie sollte vorläufig durch Kohle gedeckt werden.

Für Österreich muß die Reduzierung des Energiebedarfs um ca. 50 % ebenfalls Vorrang haben. Derzeit vorhandene und in absehbarer Zeit realisierbare Technologien wie Kraft-Wärmekupplung, Gebäudeisolation, langlebige Produkte, dezentralisierte Energieversorgung, richtiger

Umgang mit Elektrizität, treibstoffsparende Fahrzeuge oder Umschichtung des Verkehrs lassen Einsparungen ähnlicher Größenordnung als realistisch erscheinen. Der Rest müßte in Österreich durch Wasserkraft und Biomasse gedeckt werden.

Ohne die Einführung von Energieplantagen könnte aus der gesamten Produktion der Land- und Forstwirtschaft Energie in der Größenordnung von zehn Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten (SKE) jedoch unter starker Konkurrenzierung bestehender Industriezweige (Papier-, Zellstoff-, Platten- und Sägeindustrie) bereitgestellt werden. Bei rechtzeitiger Entwicklung der Abfallbiomasseverwertung (Stroh, Schlagrücklaß, Rinde etc.) und von Energieplantagen könnte die bereits eingesetzte Konkurrenzierung gelindert werden.

Das Modell Steiermark 1980 und eine noch unveröffentlichte Studie der Landeskammer für Land- und Forst-

wirtschaft in der Steiermark kamen unabhängig voneinander zum Schluß, daß immerhin 25 % des gesamten steiri-schen Energiebedarfes vorwiegend aus Abfallbiomasse gedeckt werden könnten.

Eine generelle Lösung für die Verwertung von Biomasse erfordert drei Arbeitsgänge: Zerkleinern, Trocknen und Brikettieren. Deutsche und Schweizer Anlagen hiezu wurden auf der Klagenfurter Holzmesse 1980 bereits ausgestellt, wenngleich deren Konzeption noch nicht die optimale Lösung der angeführten Probleme darstellt.

Brikettierte Biomasse ist in der Lage, alle derzeitigen Festbrennstoffe mit Vorteil zu ersetzen. Gegenüber Braunkohle etwa sinkt das Lagervolumen um rund 30 %, steigt der Heizwert um rund 40 %, sinkt der Aschegehalt von durchschnittlich 25 % auf 0,4 % und der Schwefelgehalt von etwa 2 % auf nahezu Null. Biomassebrennstoffe sind also nicht nur in der Handhabung sauber - sie wären auch die Lösung für das in den Wintermonaten besonders akute SO-2-Problem (Schwefeldioxyd) in den Städten.

Die Asche aus der Biomasseverbrennung stellt einen hochwertigen natürlichen Mineraldünger dar, der Aufwand für ihre Manipulation sinkt gegenüber der Kohlenasche auf einen Bruchteil.

Für dezentrale Heizanlagen in den einzelnen Haushalten stellt die Biomasse schon heute den optimalen Brennstoff dar. Ihre einfache Handhabung ist aber erst für den ländlichen Raum entwickelt (z. B. automatische Hackschnitzelheizung). Städte könnten rasch nur durch einen sofortigen Ausbau der Sammel- und Brikettiersysteme versorgt werden.

Ein Gürtel von Kleinkraftwerken (1-10 MW) um Städte mit Fernheizanschluß, ähnlich der Versorgung von Helsinki, stellt eine sehr betriebssichere Möglichkeit dar. In Österreich erfordert dies aber noch ein starkes Umdenken und viel Entwicklungsarbeit.

Reichen die bisherigen Forschungsergebnisse bezüglich der Energiepflanzen aus, um langfristig eine Eigenversorgung Österreichs in Aussicht zu stellen?

Beeinflußt wird die Pflanzenproduktion vorwiegend durch das Wasserangebot und erst in der Folge durch Mineralien, Temperatur und das CO 2-An-gebot.

Gelöst werden müßte daher vor allem das Bewässerungsproblem etwa durch Methoden mit gegensätzlicher Wirkung als die derzeit üblichen Flußregulierungen und solche zur Verbesserung des Vermögens der Böden, Wasser zu halten. Durch Auswahl spezieller Pflanzen (etwa Mais) und durch Schließung der Düngungskreisläufe sind Hektarerträge von 30 Tonnen nutzbarer Trockenmasse für Energiezwecke in unseren Gegenden zu erwarten. Versuche in Schweden zeigen, daß Weiden im Moor je Hektar rund 30 Tonnen liefern.

Nimmt man nun an, daß rund 20 Prozent der österreichischen Nutzfläche so bebaut werden, so ergäbe dies einen Jahresertrag von 24 Millionen Tonnen SKE. Zusammen mit der Wasserkraft (derzeit 3 Millionen Tonne;! SKE, etwa auf das Doppelte ausbaufähig) und der Energie aus land- und forstwirtschaftlichen Abfällen (zwei bis vier Millionen Tonnen SKE), könnte bei gezielter Stabilisierung des Energieverbrauchs (derzeit rund 30 Millionen Tonnen SKE) Österreichs Eigenversorgung auf eine ökologisch vertretbare Art sichergestellt werden. Dieses hochgesteckte Ziel ist krisenfrei sicherlich nur dann zu erreichen, wenn rechtzeitig energiepolitisch die Weichen entsprechend gestellt werden. Forschung und Wirtschaft müßten sich in gemeinsamer Anstrengung auf dieses Ziel konzentrieren.

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