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Mehr Mut in der Energiepolitik!

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Womit werden wir morgen heizen, womit die Fahrzeuge antreiben? Die Antwort hängt vom Zeithorizont der Betrachtung ab.

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Womit werden wir morgen heizen, womit die Fahrzeuge antreiben? Die Antwort hängt vom Zeithorizont der Betrachtung ab.

Wer sich nur für das interessiert, was in den nächsten drei Jahren passiert, kann sich mit einem Rlick auf die Energiestatistik begnügen und die Werte der Energieträger je nach Geschmack um ein paar Prozentpunkte nach oben oder unten verändern.

Kurzfristig werden also in Europa weiterhin Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran die Energieversorgung tragen. Zwar decken in Osterreich die erneuerbaren Energieträger (vor allem Wasserkraft und Biomasse) beachtliche 27 Prozent des Energiebedarfs, dennoch ruht auch unsere Energieversorgung auf der Verfügbarkeit importierter, fossiler Energieträger.

Ist das zukunftsträchtig? Die einen sagen: Alles andere ist utopisch. Wirtschaftlich wird nur bestehen, wer im internationalen Wettbewerb mithält. Im Klartext: Was den Betrieben hierzulande höhere Kosten bereitet, als die ausländische Konkurrenz zu tragen hat, ist schädlich. Energie, als einer der Kostenfaktoren, habe billig zu bleiben. Chancen hätten daher nur die fossilen Brennstoffe und Atomenergie. Und für die nächsten Dekaden reichten die Reserven ohnehin.

Auf der anderen Seite mehren sich die Studien, die einen Kurswechsel verlangen. Vor allem die Erwärmung der Erdatmosphäre bereitet Sorgen. Sie macht den Umstieg auf alternative Energieformen notwendig. In der Arktis registriert man eine deutliche Erwärmung: Die Temperaturen in den Küstenregionen Nordalaskas liegen um vier Grad höher als vor 100 Jahren. Das Eismeer und die Permafrostböden beginnen zu schmelzen. Die Waldgrenze verschiebt sich nach Norden. Alarmierende Beobachtungen auch aus der Antarktis: Eine „Greenpeace”-Expedition zum Jahreswechsel wries auf die Gefahr eines bevorstehenden Abbrechens größerer Teile des antarktischen Eispanzers hin.

Kampf der Erderwärmung, rasch! So lautet die Schlußfolgerung. Sie hat in den neunziger Jahren sogar die politischen Gremien bewegt. Internationale Konferenzen (Rio, Rerlin, Toronto) forderten die Reduzierung der C02-Emissionen in den Industrieländern. Österreichs Regierung (Klimabericht, Nationaler Umweltplan, Energiebericht der Regierung) nennt konkrete Zahlen: 20 Prozent weniger CO. bis 2005.

Aber die guten Absichten koexistieren nach wie vor mit dem Anstieg des Klimagases. Stellt man die Papiere den tatsächlichen Trends gegenüber, wird deutlich: Man bewegt sich in zwei verschiedenen Welten.

Wie ist das möglich?

Erdöl, Kohle, Atomstrom und Erdgas sind zu billig, was systematisch den Umstieg auf alternative Energieformen verhindert. Außerdem werden die fossilen Energieträger über eine etablierte Infrastruktur, hinter der mächtige Interessen stehen, die enge Reziehungen zu den politi sehen Entscheidungsträgern unterhalten, vertrieben.

Und so läuft alles im wesentlichen weiter wie bisher auch wenn in den letzten 15 Jahren einiges in Richtung Umweltfreundlichkeit geschehen ist: Die Autos verbrauchen weniger, die Treibstoffe sind entbleit, die Wärmekraftwerke emittieren nur mehr einen Rruchteil des Schwefeldioxids früherer Zeiten, die Industrie hat die Effizienz des Energieeinsatzes stark erhöht.

Aber die Grundphilosophie der Energiepolitik hat sich nicht geändert. Alternativenergie aus erneuerbaren Quellen wird - wo es leicht geht-genutzt, aber beinahe als Hobby, um Umweltfreundlichkeit zu signalisieren.

Damit ist auf Dauer nicht das Auslangen zu finden. Es geht um eine konzentrierte und konsequente Umorientierung der Energiepolitik: Weg vom „laissez faire” und hin zu einer Energiepolitik, die langfristiges Überleben garantiert. Sie hat folgendes anzupeilen:

■ Massive Einsparungen beim Energieverbrauch. Das ist die Grundvoraussetzung für alles andere. In diesem Rereich gibt es enorme Möglichkeiten. So läßt sich der Wirkungsgrad bei der Umwandlung von Primärenergie stark erhöhen: durch dezentrale Kleinkraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung, durch treibstoffsparende Motoren ... Energie könnte auch viel wirksamer genutzt werden, sogar ohne Komfortverlust: durch bessere Dämmung, gezieltes Rauen, technische Verbesserungen bei Geräten (Seite 16), sowie durch Verhal-tensänderungen: Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel, niedrigere Raumtemperaturen, Schiene statt Lkw, Einschränkung von Fernreisen ...

■ Auf diesem Hintergrund könnte man auf erneuerbare Energieträger (Seite 14 und 15) als echte Alternative zum derzeitigen System umsteigen, vor allem durch Nutzung von Biomasse, Sonnenenergie und Windkraft, nicht in großen Einheiten, sondern dezentral bereitgestellt. Die technische Entwicklung bei Kollektoren hat ein hohes Maß an Effizienz erreicht. Verbesserungen sind in der Systemtechnik zu erwarten. Durch die Verwendung von Wärmepumpen (ein technisch reifes Produkt zur Nutzung der Umweltwärme) kann man beachtliche zusätzliche Gewinne an Niedrig-Tem-peratur-Wärme erreichen. Vor allem ist es die Biomasse, die langfristig zum entscheidenden 'Energieträger zu entwickeln ist, stellt sich doch Energie in gespeicherter Form dar.

All das erfordert aber eine gezielte Energiepolitik, die sich nicht damit begnügt, sich an internationale Trends anzupassen. Eine zukunftsträchtige Politik agiert und setzt konsequent Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs. Markt- und EU-konform sind Steuern, die die Preise verändern: Fossile, umweltbelastende und importierte Energieträger sind spürbar zu verteuern, erneuerbare gezielt zu fördern (auch durch Forschung).

Nachhaltig kann eine Wirtschaft nur von der Sonne mit Energie versorgt werden über Wind-, Biogas-, Biomasse oder direkte Sonnenenergienutzung unter Verwendung von Kraft-Wärme-Kopplung und Wärmepumpen.

Ein Alleingang bei der Einführung von Energiesteuern wäre - glaubt man den Ergebnissen der Studie „Ökosteuern - Sackgasse oder Königsweg?” des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung - ohne Nachteile auch für einzelne Länder durchführbar. Bei der jährlichen Erhöhung der Besteuerung von Elektrizität und fossilen Energieträgern (über einen Zeitraum von 10 Jahren) um sieben Prozent käme es „trotz eines gesamtwirtschaftlichen Wachstums von knapp 40 Prozent ... zwischen 1990 und 2010 zu einer Abnahme des Energieverbrauchs um 21 Prozent gegenüber 1990.”

Die Herausforderung auf dem Energiesektor lautet - wie in anderen Bereichen auch: Es gilt, die Zukunft ist zu gestalten, statt scheinbar unabwendbare Trends, die nicht lebensträchtig sind, zu verwalten.

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