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Biogas statt Atomenergie

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Im 21. Jahrhundert wird man Energie CO2-neutral erzeugen und Stoffe in eher kleineren Kreisläufen führen. Biogasanlagen ermöglichen beides.

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Im 21. Jahrhundert wird man Energie CO2-neutral erzeugen und Stoffe in eher kleineren Kreisläufen führen. Biogasanlagen ermöglichen beides.

Das Fortschreiben der Wegwerf- und Raubbauwirtschaft des 20. Jahrhunderts ist keine Option für das Leben von sechs bis acht Milliarden Menschen auf diesem Globus im Internetzeitalter.

Die nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen - Ernährung, Klimaschutz, schonende Nutzung der Ressourcen - ist nicht nur für die Entwicklungsländer das Gebot der Stunde. Wir können unseren Lebensstil vor den Milliarden Menschen nicht mehr verbergen.

Aus der gemeinsamen Sicht von Energiewirtschaft und Landbewirtschaftung bietet die Biogastechnologie einen integrierten Ansatz. Es werden dabei die Ernährungs-, Energie- und Umweltbedürfnisse im Sinne von mehrstufiger Nutzung der Stoffströme und Nutzung der durch die Fotosynthese gewonnenen Bioenergie in fast idealer Form umgesetzt.

Wie funktioniert eine landwirtschaftliche Biogasanlage? Nasse, möglichst rohfaserarme Biomasse wird in luftdicht abgeschlossenen Behältern (Fermentern) bei Temperaturen von 33 bis 50 Grad Celsius durch eine Unzahl von verschiedenen Bakterien zu Wasserstoff und Kohlenstoff abgebaut. Aus diesen elementaren Bausteinen der Biomasse synthetisieren methanbildende Bakterien Methan (CH4). In der Natur kommen diese Prozesse auch in Sümpfen bei wärmeren Temperaturen oder insbesondere im Rindermagen als Teil des Stoffwechselprozesses vor.

Ein Kubikmeter Biogas enthält 60 bis 65 Prozent Methan sowie 35 bis 40 Prozent CO2 und hat einen Heizwert von sechs bis 6,5 Kilowattstunden je Kubikmeter (kWh/m3). Es lässt sich nach Trocknung und Entschwefelung in Gasmotoren für die Stromerzeugung und Wärmenutzung einsetzen.

Die aus dem Fermenter und Nachfermenter kommende Gülle ist nach einer Verweilzeit von 30 bis 60 Tagen weitgehend geruchsfrei, dünnflüssig und leicht auf die Felder ausbringbar. Ihr Nährstoffgehalt an Stickstoff, Phosphor und anderem hat sich durch die Fermentation nicht verändert.

Bisher wurden Biogasanlagen in erster Linie zum Abbau von biogenen Resten in kommunalen Kläranlagen eingesetzt. Durch die Stromeinspeiseregelungen in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern in den neunziger Jahren wurden immer mehr landwirtschaftliche Biogasanlagen mit Cofermentationsmaterial (das sind Speisereste von Küchen, Schlachtabfälle, Pressrückstände und Ähnliches) im Ausmaß von maximal 30 Prozent der Güllemengen eingesetzt.

Nun hat sich die Agrarmarktordnung geändert und damit haben sich auch die Erlöse für die Bauern verringert. Da außerdem die Energiepreise gestiegen sind, stellt sich nun neuerdings für viele landwirtschaftliche Betriebe die Frage, ob es nicht wirtschaftlicher ist, das Futter nicht mehr den Tieren zu verabreichen, sondern es zur besseren Fütterung der Bakterien direkt zur Energieproduktion einzusetzen.

Direkte Vergärung von Biomasse Die Energieproduktion aus der noch unverdauten Biomasse in der Biogasanlage ist nämlich zwei bis fünf Mal so hoch wie bei der reinen Gülle- oder Stallmistvergärung. Die ersten Erfahrungen und Analysen aus Deutschland und von einigen österreichischen Biogasbauern lassen den Schluss zu, dass hier einiges in Bewegung zu kommen scheint.

Da es aber neben der Biogasproduktion aus landwirtschaftlichen Futterpflanzen auch andere Wege der Energieproduktion gibt, muss jeder Betrieb aus seiner eigenen Situation heraus beurteilen, ob die Biogasproduktion, die thermische Nutzung von Futtermitteln oder die Treibstoffnutzung, zum Beispiel in Form von Biodiesel, die wirtschaflich interessantere Lösung ist.

Allen Lösungsansätzen gemeinsam ist aber die Frage nach der Stabilität von zukünftigen Rahmenbedingungen für diese Energieproduktion.

Die Strom-Einspeise-Verordnungen sind in den österreichischen Bundesländern teilweise zu schwach ausgefallen. Im Gegensatz zu Deutschland ist in der österreichischen Einspeisetariflandschaft keine Garantiezeit für diese Tarife enthalten. In Deutschland werden per Bundesgesetz die Einspeisetarife mit 40 Pfennig je kWh auf 20 Jahre hinaus garantiert.

Die Preisentwicklungen auf dem Erdölmarkt sind ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Im Gegensatz zu den nordischen Ländern wie Dänemark oder Schweden bietet die heimische Politik bisher keine Gewähr, dass die Entwicklung erneuerbarer Energiesysteme kontinuierlich vorangetrieben werden wird. Es fehlen hierzulande Umsetzungsprogramme, die mit festem Budgetrahmen und steuerlichen Maßnahmen (wie CO2- und Energiesteuern) abgesichert sind.

Trotzdem bietet die Biogastechnologie noch einen Vorteil gegenüber den thermischen Prozessen: die Erhaltung der wichtigen Nährstoffe in der organischen Form. In vielen Fällen wird daher durch die Biogasgülle der Einsatz von Mineraldünger überhaupt überflüssig oder zumindest auf eine Restmenge für Kopfdünger reduziert. Auch in der Gemeinschaft von viehstarken und viehlosen Betrieben ergibt diese Form der Güllewirtschaft Sinn für alle Beteiligten und es kann zur Verringerung des Einsatzes von Mineraldüngern kommen.

Biogas: Chance bei der Osterweiterung Mit der EU-Erweiterung kommen 20 Millionen Hektar freie Ackerfläche in den europäischen Agrarmarkt. Wenngleich diese Flächen - vor allem in den ersten Jahren - hinsichtlich der Produktivität nicht mit uns gleichgestellt werden dürfen, sind diese Flächen ein gewaltiges Potenzial für die Rohstoff-und Energieproduktion.

Auf einer landwirtschaftlich genutzten Fläche von einer Million Hektar kann eine Energiemenge von rund 32 Milliarden kWh in Form von Biogas erzeugt werden. Mit diesem Produkt kann in modernen Gasmotoren (in Zukunft vielleicht auch in Gasturbinen) eine jährliche Strommenge von neun bis zwölf Milliarden kWh erzeugt werden. Das entspricht der durchschnittlichen Jahresstromerzeugung von zwei Atomkraftwerken mit je 1000 MW elektrischer Leistung.

Ein Kurswechsel der EU ist überfällig Zusätzlich würden bei dieser Stromerzeugung noch einmal rund zehn Milliarden kWh an Wärmeenergie dezentral bereitgestellt.

Würde man etwa die Hälfte der erwähnten Ackerflächen in solche nachhaltige Energiesysteme einbinden, so könnte man damit 15 bis 18 Atomkraftwerke mit je 1000 MW ersetzen. Auf diese Weise ließen sich also jährlich rund 100 Milliarden kWh Elektrizität nachhaltig erzeugen.

Zusätzlich würde ein solches Ausbauprogramm für Biogaserzeugung rund 400.000 Arbeitsplätze in die Reformländer bringen. Das jährliche Investitionsvolumen dafür würde rund 90 Milliarden Schilling bei einer zehnjährigen Ausbauphase betragen. Aufträge und Arbeitsplätze kämen zu 90 Prozent lokalen und regionalen Firmen zugute. Dort würde dann auch die erwähnten 400.000 Arbeitsplätze entstehen. Zusätzlich würde die Rückführung der Nährstoffe in der Gülle eine umweltverträglichere Düngung und damit eine bodenschützende Landwirtschaft sichern.

Warum wird dieses sinnvolle Konzept derzeit nicht angepeilt? Weil die Bestrebungen der EU, vor allem aber der westlichen Konzerne bisher nur zwei Ziele hatten: 1. Die Überreste der auslaufenden Atomtechnologie möglichst teuer zu verkaufen und 2. die fossilen Energiekonzerne mit Erdgas möglichst rasch unter Kontrolle zu bekommen. So wurde der wahnsinnige Erdgasleitungsbau in jeden Winkel der Reformländer vorangetrieben. Die Energieverschwendung wird vielfach durch ein auf den Kopf gestelltes Tarifsystem gefördert.

Wie auch viele nationale Regierungen ist die EU personell und kompetenzmäßig überfordert, ganzheitliche und integrierte Lösungsansätze - die Biogastechnologie ist einer von ihnen - flächendeckend umzusetzen. In Brüssel und Straßburg glaubt man immer noch, dass sich die anstehenden Systemkorrekturen in der Energiewirtschaft dadurch erledigen lassen, dass man einige Forschungs-und Pilotprojekte fördert - und im Übrigen dann die neuen Technologien dem unfairen Wettbewerb aussetzt.

Unfair ist dieser Wettbewerb, weil die gesamte westliche Atomwirtschaft seit den fünfziger Jahren unter dem Glassturz gesetzlicher Haftungsbeschränkungen werkt und nur wegen dieses Privilegs überhaupt noch existieren kann. Unfair auch deshalb, weil die EU und WTO und andere Organisationen in ihren Konzept noch immer davon ausgehen, dass sich die fossilen Vorräte auf wundersame Weise vermehren und dass Fragen der Klimaänderung und deren Folgen bestenfalls drittrangige Probleme für die Zukunft der Menschen darstellen.

Die Biogastechnologie als ganzheitlicher, integrierter Lösungsansatz für die Lösung von Energie- und Umwelt- , von agrarwirtschaftlichen und Beschäftigungsproblemen ist den Verhandlern der EU-Kommission, aber auch den Finanzmanagern der Weltbank zumindest bis heute noch unbekannt. Mit diesen Technologien werden nämlich nicht Weltkonzerne, sondern "nur" Millionen von Klein-und Mittelbetrieben gefördert - und das passt nun einmal nicht in die Gedankenwelt der multinationalen Konzerne und ihrer Vasallen.

Der Autor ist Energiereferent der Landwirtschaftskammer Steiermark

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