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Strom Von der Wiese hinter dem Haus

Die Windenergie hat in Deutschland enorme Zuwachsraten. Im letzten Jahr wurden auch in Osterreich zahleiche Windkraftanlagen errichtet. von karl vogd

Die Hügellandschaft zwischen St. Pölten und dem Wienerwald ist idyllisch. Die Wirtschaften sind klein, sodaß der Reichtum nie zu Gast war. Das Ringen um das Überleben stärkte aber bei manchen den Erfindungsgeist und den Sinn für Neues. Einer davon ist der Landwirt Max Wächter aus der Gemeinde Michelbach. Der Bauer hat sich oft über den Wind geärgert, der Dachziegel herausriß und Heuschober umwarf. Von der schädlichen Kraft des Windes herausgefordert, überlegte er, wie man dessen enorme Energie sinnvoll nutzen könnte. Ein ihm zufällig in die Hände geratener Zeitschriftenartikel über Windenergie bestärkte ihn in seinen Ideen. Im November 1995 wurde auf der Wiese vor seinem Haus eine der ersten modernen Windkraftanlagen Österreichs errichtet.

Fremd wirkt der 30 Meter hohe weiße Mast mit seinen drei jeweils fünfzehn Meter langen Flügeln. Kommt man nahe an das Windrad heran, dann hört man das Geräusch der Anlage: ein konstantes Surren des Generators und das ruckweise Schwirren der Windflügel, dem Stampfen eines Schiffsmotors vergleichbar. Die ein paar hundert Meter daneben lebende Familie Wächter stört das Geräusch aber nicht. „Wenn der Wind über das Haus pfeift, dann nimmt man das Windrad nicht wahr. Schlecht ist es eigentlich nur dann, wenn man gar nichts hört, denn dann bewegt sich auch das Windrad nicht und erzeugt keinen Strom”, meint Wächter erklärend. Bis jetzt ist er mit dem Ertrag zufrieden, obwohl 1996 ein schwaches Windjahr war.

Seit November 1995 wurden 400.000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Das ist mehr, als 100 Haushalte pro Jahr verbrauchen. Schäden in der Natur oder ökologische Probleme wurden damit keine verursacht.

Das Windkraftwerk Michelbach ist eine von zwei Dutzend bestehenden Windkraftanlagen in Österreich, weitere 100 sind im Planungsstadium. Geschaffen wurden diese Anlagen mit einer überschaubaren Größe von engagierten, aufgeschlossenen Einzelpersonen. Auch öffentliche Institutionen, wie zum Beispiel die Straßenmeistereien in Niederösterreich oder der Bauhof der Stadt St. Pölten, haben sich zur Errichtung eines Windkraftwerkes entschlossen. Die Betreiber sind keine weltfremden Träumer, sondern beinharte Rechner. Immer wieder betonen sie aber auch, daß jemand beginnen müsse, auf umweltverträgliche Energieerzeugung umzusteigen.

Dieser Umstieg ist allerdings nicht einfach. Das Grundproblem der Windkraftanlagen liegt in dem bezahlten Preis für den ins Netz eingespeisten Strom. Bei einem Tarif von 60 Groschen, die im österreichischen Durchschnitt für Strom bezahlt werden, rechnen sich Windkraftwerke nicht. Um einigermaßen wirtscltaft-lich produzieren zu können, muß ein Preis von etwa 1,30 Schilling für eine Kilowattstunde erzielt werden (dieser ist übrigens niedriger als der beim zukünftigen Donaukraftwerk Freu-denau errechnete von 1,40 Schilling). Aus diesem Grund kam es nach einem von den Grünen eingebrachten Entschließungsantrag vor einigen Jahren zum „Generalübereinkommen” zwischen dem Wirtschaftsministerium und dem Verband der Elektrizitätswerke Österreichs. Es besagt, daß Strom aus Windkraft drei Jahre lang mit einem er höhten Einspeisetarif von etwa 1,30 Schilling abgegolten wird. Danach erhalten die Stromprodu-. zenten den bereits erwähnten Preis von etwa 60 Groschen.

Diese Regelung läuft 1996 aus. Ein im November 1996 im Parlament von den Regierungsparteien eingebrachter Entschließungsantrag fordert zwar den Wirtschaftsminister auf, sich um eine Verlängerung dieser Regelung zu bemühen, garantiert den Windkraftbetreibern momentan aber keine günstigere Behandlung. Die grüne Umweltsprecherin Monika Langthaler meint, daß die Regierungsparteien vor den Landeselektrizitätsgesellschaften in die Knie gegangen seien: „Die großen Stromerzeuger sind Monopolisten und wollen die Konkurrenz der kleinen privaten Anbieter, also der Wind- und Biomassebetreiber, auf keinen Fall aufkommen lassen.”

Den für die Zukunft geplanten Fördermodellen, die bei der Investition und nicht bei den Tarifen ansetzen, gibt Monika Jangthaler wenig Chancen: „Hier werden wahrscheinlich nur ein paar Vorzeigeanlagen subventioniert werden. Wir wollen so wie in Deutschland eine unbefristet geltende Regelung, die Alternativstrom 15 Jahre lang mit 50 Groschen je Kilowattstunde fördert. Das würde ein Fördervolumen von 250 Millionen Schilling ausmachen. Zum Vergleich: Die Landeselektrizitätsgesellschaften geben zusammen für Neuerrichtung und Instandhaltung von konventionellen Anlagen 15 Milliarden Schilling pro Jahr aus.”

Einzigartig in ganz Europa ist eine Maßnahme, die sich der niederösterreichische Stromriese EVN einfallen ließ, um kon-' kurrierende Anbieter von alternativ erzeugtem Strom aus dem Feld zu schlagen: Man kassiert pro eingespeister Kilowattstunde einen bestimmten Betrag für die Tatsache, daß das Stromnetz „bereitgestellt wird”. Diese Gebühr taucht erst auf, als sich Windkraftwerke zu etablieren begannen. Die anfallenden Kosten können für eine größere Anlage mit mehreren Windrädern in die Millionen gehen.

Während in Österreich monopolistische Stromerzeuger und ein handlungsunfähiges politisches System jede Veränderung blockieren, exerzieren andere Länder vor, welche Möglichkeiten in der Windenergie liegen. Am weitesten fortgeschritten ist dabei Dänemark. Heute werden dort drei Prozent des verbrauchten Stroms durch Windenergie erzeugt, und jeder zwanzigste Däne ist an einer Windkraftanlage beteiligt. Auch in Deutschland hat sich die Windenergie in den letzten zehn Jahren einen beträchtlichen Anteil an der Stromerzeugung erobert. Bereits ein Prozent des gesamten Stromverbrauchs wird zur Zeit von Windkraftwerken gedeckt. Momentan gibt es dort etwa 5.000 Anlagen. Tendenz stark steigend.

Eine Windkraftanlage kann - sind alle behördlichen Bewilligungen eingeholt - innerhalb von zwei Tagen aufgestellt und ans Netz angeschlossen werden. Ein weiteres Plus ist die Tatsache, daß Windenergie vor allem in den Herbst- und Wintermonaten, in denen das Windaufkommen größer ist als in der warmen Jahreszeit, zur Verfügung steht. Gerade in dieser Zeit können die heimischen Wasserkraftwerke nur einen Teil ihrer Nennleistung erzielen. Das Fehlende wird jetzt aus Wärmekraftwerken und durch importierten Atomstrom ergänzt. Mit Windenergie könnte man hier gegensteuern und möglicherweise diese problematischen Energieträger einmal ganz ersetzen.

Exakte Windmessungen haben ergeben, daß es in Ostösterreich ein ausreichendes Windpotential gibt, das nur daraufwartet, genutzt zu werden. Und zwar ohne große Planungen und Veränderungen. Eine 1981 im Auftrag des Wissenschaftsministeriums erstellte Studie geht davon aus, daß es in Osterreich ein technisch nutzbares Potential von Windenergie in der Höhe von jährlich 6.600 bis 10.000 Giga-wattstunden gibt. Das sind zirka 15 bis 20 Prozent des österreichischen Strombedarfes.

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