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Die Chance liegt im Kraftwerksbau

Strom aus Wasserkraft war und ist die Basis der Stromversorgung Österreichs. Die heimischen fossilen Energievorräte an Kohle, Erdöl und Erdgas sind sehr bescheiden und reichen bei Förderleistungen wie in den letzten Jahren nur noch für 15 bis 20 Jahre. Die Energiechance Österreichs liegt daher in den regenerativen Energieträgern und hinsichtlich der Nutzung für die Stromerzeugung vor allem bei der Wasserkraft.

Der weitere Ausbau erfolgt im nationalen Interesse, denn er trägt zur Versorgungssicherung und Energiepreisstabilisierung bei, mindert die Krisen- und Auslandsabhängigkeit, entlastet die Zahlungs- und Handelsbilanz, unterstützt die heimische Wirtschaft, schafft heimische Arbeitsplätze und bringt Mehrfachnutzen für die Schiffahrt, die Infrastruktur und den Hochwasserschutz.

Gegenwärtig sind vom gesamten ausbauwürdigen Wasserkraftpotential von 53,7 Milliarden kWh pro Jahr rund 62 Prozent ausgebaut, ein Prozent befindet sich in Bau, und für 37 Prozent liegen Projekte vor. Die volle Erschließung des Wasserkraftpotentials würde jedoch keineswegs dem Ausbau bis zum letzten Bach entsprechen. Viele Gewässerstrek-ken würden aus wirtschaftlichen und anderen Gründen ungenutzt bleiben. Es würde nur etwa jener Zustand erreicht, wie er heute schon in der Schweiz gegeben ist.

Im Zusammenhang mit dem Vollausbau der Wasserkräfte wird immer wieder der Vorwurf der Landschaftszerstörung erhoben, die sich Österreich als Fremdenverkehrsland nicht leisten kann. Die Schweiz hat schon vor längerer Zeit den Vollausbau ihrer Wasserkräfte erreicht. Von einer Zerstörung der Schweizer Landschaft oder gar von einem Schaden für den Schweizer Fremdenverkehr ist nichts bekannt. Im Gegenteil, Österreich muß zur Kenntnis nehmen, daß die Schweiz als alpines Fremdenverkehrsland mindestens ebenso gefragt ist wie Österreich.

Aus dem Vergleich mit dem Bedarf Österreichs an Erdöl und Erdölprodukten, der 1986 bei rund zehn Millionen Tonnen lag, zeigt sich die große energie- und volkswirtschaftliche Bedeutung des weiteren Ausbaues der Wasserkraft. Zur Erzeugung einer Strommenge, die dem noch nicht genutzten Wasserkraftpotential entspricht, wären Jahr für Jahr rund vier Millionen Tonnen Heizöl zu verfeuern.

Bei allen zweifellos anerkannten Vorteilen weist die Wasserkraft auch

einen Nachteil auf. Dieser besteht in den Schwankungen der Laufkraftwerke aufgrund jahreszeitlicher und witterungsbedingter Unterschiede der Wasserführung. Vor allem in den Hochwintermonaten reicht die Erzeugung der Wasserkraftwerke nicht aus, den Stromverbrauch zu decken; sodaß zusätzlich Wärmekraftwerke benötigt werden, wobei die Schwankungen der Wasserkraft unter Berücksichtigung der vertraglich gesicherten Stromimporte das Ausmaß

der kalorischen Stromerzeugung bestimmen.

Dieses Problem der Stromerzeugung aus Wasserkraftwerken, das durch das hydrothermische Kraftwerkssystem und insbesondere durch die von der momentanen Wasserführung unabhängigen Speicherkraftwerke bisher bestens bewältigt wurde, ist von Kraftwerksgegnern ungerechtfertigt hochgespielt worden, um die Zweckmäßigkeit des weiteren Wasserkraftausbaues in Frage zu stellen.

Dieser Versuch zur Mißkreditierung der Wasserkraft ist insbesondere deshalb nicht zu verstehen, weil er sowohl den energiewirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten als auch den Umweltschutzbemühungen widerspricht.

Dies erkennt man am einfachsten, wenn man sich die Stromerzeugung Österreichs ohne Wasserkraft vorstellt. Anstelle der heutigen in Betrieb stehenden Wasserkraftwerke müßten

60 Kohle-, öl- oder Gaskraftwerke mit je 100 Megawatt Leistung während des gesamten Jahres im Vollbetrieb gefahren werden. In diesen Wärmekraftwerken wären Jahr für Jahr rund 32 Millionen Tonnen Braunkohle oder sieben Millionen Tonnen Heizöl oder acht Milliarden Kubikmeter Erdgas zu verfeuern, die importiert und bezahlt werden müßten. Die aus Wärmekraftwerken stammende Umweltbelastung würde sich mehr als verdreifachen und sich zudem über die

Vegetationsperiode erstrecken, in der heute - dank der Wasserkraft - nur eine niedrige kalorische Stromerzeugung erforderlich ist.

Es wird auch versucht, mit Baukosten von Kraftwerken zu argumentieren. Es wird dabei aber auf die Brennstoffkosten, die Import- und Preisabhängigkeit sowie die Zahlungsbilanz vergessen. Es wird aber auch der Umweltschutz außer acht gelassen, da jede Kilowattstunde aus neuen Wasserkraftwerken entweder direkt oder indirekt - über den Sommer-Winterstromaustausch mit Nachbarländern - zur Minderung der kalorischen Erzeugung beiträgt.

Wer also - wenn er nicht im Prinzip gegen jeden Kraftwerksausbau ist - für die Ökologie eintritt, müßte eigentlich für den naturnahen Kraftwerksbau eintreten, da dieser dem Umweltschutz am ehesten entspricht.

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