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Haufenweise Energie

Ohne Erdöl und Erdgas geht heute auf dem Energiesektor gar nichts. Aber muss das immer so bleiben? Ein Experte behauptet: Nein.

Gebannt blickte vor knapp einem Jahr die ganze Welt in den Irak: Den USA gehe es nicht um die Absetzung eines Despoten oder gar um die eigene Sicherheit, sondern ausschließlich darum, einen "Krieg für Öl" zu führen, wurde protestiert.

Viele Kriege, zumindest zwei Weltwirtschaftskrisen (1973 und 1979), zahllose Umweltkatastrophen wie Tankerunfälle, fortlaufende Beeinträchtigungen durch schädigende Abgase an der Natur, der menschlichen Gesundheit und an Bauwerken - der Preis des "schwarzen Goldes" (manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von "Exkrementen des Teufels") scheint hoch.

Doch neben allen Friedens- und Umweltproblemen, die mit Erdölprodukten verknüpft sind, haben wir uns nicht nur von einem Energieträger, sondern auch vom fernen Ausland abhängig gemacht: Ohne Erdöl, Erdgas und Co. würden in der Industrie, in vielen Haushalten und vor allem im Verkehr viele Räder stillstehen, denn rund drei Viertel des gesamten Energieverbrauchs Österreichs entfällt auf fossile Energieträger. Das restliche Viertel der derzeit benötigten Energiemenge wird entweder durch Wasserkraft (Strom) oder Biomasse (vor allem Holzheizungen in Haushalten) gedeckt.

Den höchsten Anteil an erneuerbaren Energien kann die Elektrizitätswirtschaft für sich verbuchen, die rund zwei Drittel des gesamten Stroms aus Wasserkraft erzeugt. "In einem Zeithorizont von rund zehn Jahren wäre eine 100-Prozent-Stromversorgung aus erneuerbaren Energieträgern möglich", glaubt Ulfert Höhne, Geschäftsführer der Ökostrom AG.

Elektrizität viel zu billig

Dazu müsste aber zuerst das derzeit hohe Stromverbrauchswachstum gestoppt werden. Doch das Stromsparen mache aufgrund des niedrigen Preises derzeit keinen Sinn - in diesem Zusammenhang sei auf eine Trendumkehr zu hoffen. Der Windenergie attestiert er "ein gigantisches Ausbaupotenzial" von bis zu zehn Prozent Anteil am gesamten Stromverbrauch, ebenso wie Biogas und - wenn die Technologie vorhanden ist - Biomasse. Mit Photovoltaik ließe sich laut einer schon zehn Jahre alten EU-Studie sogar 16 Prozent des Strombedarfs erzeugen.

Besonders beim Ausbau der Windenergie drängen sich aber Fragen auf: Zum einen deuten zunehmende Proteste darauf hin, dass sich neue Projekte tendenziell schwieriger durchsetzen lassen. Zum anderen liefern Windkraftanlagen nur dann Strom ans Netz, wenn sich die Windräder auch drehen.

Kritiker sprechen davon, dass für jede neu aufgestellte Windkraftanlage dieselben Kapazitäten in kalorischen Kraftwerken zur Verfügung gestellt werden müssen, um Flauten ausregeln zu können. "Stimmt nicht", entgegnet Thomas Hantsch, Geschäftsführer der IG Windkraft, dem Dachverband der Windkraftunternehmen. "Österreich hat durch die kurzfristige Verfügbarkeit von Speicherkraftwerken viel bessere Möglichkeiten, Regelenergie bereitzustellen als etwa Dänemark, das bei einem Windenergieanteil von 20 Prozent hält." Es sei Aufgabe der E-Wirtschaft, nach Optionen zu suchen und Lösungen zu finden.

Um stromautark zu werden, sei es aber mit einer Abkehr von fossilen Rohstoffen nicht getan, ist Höhne überzeugt: "Wir müssen wegkommen von der zentral organisierten Energiewirtschaft mit großen neuen Kraftwerken hin zu einem dezentralen Energiesystem, bei dem die Versorgung und Bereitstellung individuell und flexibel gehandhabt werden."

Keine Chance beim Verkehr

Er beschreibt dieses Modell als eine Art "Internet der Stromversorgung". Dies würde Photovoltaik-, Biogasanlagen oder Kraft-Wärme-Kopplungen zu einer stärkeren Nutzung verhelfen. Doch trotz aller theoretischer Modelle, ist sich Höhne bewusst, dass "das Energieproblem nicht auf der Stromseite alleine zu lösen ist".

Vor allem beim Verkehr scheint ohne Benzin und Diesel gar nichts zu gehen (bzw. zu fahren): Laut einer Studie der Arbeitsgemeinschaft der Biotreibstoffhersteller Österreichs (ABÖ) beläuft sich der Anteil von Biodiesel im Verhältnis zum gesamten Treibstoffverbrauch hierzulande derzeit auf lächerliche 0,07 Prozent. Aufgrund des niedrigen Treibstoffpreises in Österreich werde 90 Prozent des in Österreich produzierten Biodiesels ins Ausland verkauft.

Selbstversorgen mit Energie

Landwirtschafts- und Umweltminister Josef Pröll lässt gerade Modelle erarbeiten, um dies zu ändern und die EU-Vorgaben (zwei Prozent Biotreibstoffanteil bis 2005 und 5,75 Prozent bis 2010) zu erfüllen oder sogar vorzeitig erfüllen zu können. Doch selbst bei Einhaltung dieser Vorgaben kann von einer "Treibstoff-Selbstversorgung" nicht einmal ansatzweise gesprochen werden.

Ganz anders klingen die Visionen von August Raggam, Biomassepionier der Technischen Universität Graz. Sein Kernsatz: Österreich kann sich ohne Komfortverlust nachhaltig mit Energie selbst versorgen - und das innerhalb weniger Jahre. Bei seinen Berechnungen geht Raggam nur von nachwachsender Biomasse in Wäldern und von Energieholz auf freien Flächen aus und berücksichtigt dabei immer, dass ökologische Kreisläufe auf Dauer gewahrt werden müssen.

Er zweifelt dabei alle bisher veröffentlichten Zahlen der Biomasse-Ertragsstärke von Wäldern an: Hier sei beispielsweise weitgehend auf die Brennholzentnahme vergessen und schon deswegen viel zu wenig Zuwachs ausgewiesen worden. Genaueres wird Raggam in seinem im April erscheinenden neuen Buch "Klimawandel - Biomasse als Chance gegen Klimakollaps und globale Erwärmung" präsentieren.

An erster Stelle steht bei ihm jedoch ebenfalls das Energiesparen: Der inzwischen pensionierte Professor errechnete schon vor langer Zeit ein Einsparungspotenzial von mehr als 50 Prozent, das eine einige Jahre später angefertigte Studie des deutschen Fraunhofer-Institutes bestätigte. Der größte Teil sei mit einer optimalen Hausisolierung einzusparen.

Auch für den Verkehr hat Raggam ein Lösungskonzept entwickelt, wobei hier dem benzin- und dieselbetriebenen Kfz keine Zukunft bescheinigt wird: "Die jetzigen Fahrzeuge haben einen Gesamtwirkungsgrad von zehn Prozent. Bei einer Umstellung auf Schwungradautos oder batteriebetriebene Elektroautos würde sich dieser auf über 50 Prozent erhöhen."

Der viel gepriesenen, noch in weiter Ferne liegenden, Brennstoffzelle kann er in diesem Zusammenhang hingegen nichts abgewinnen: "Mit ihr komme ich nicht viel weiter als mit einem Elektroauto, habe aber einen viel geringeren Wirkungsgrad."

Systeme dezentralisieren

Als dritte Säule nennt Raggam die Abkehr vom heute zentralen in ein dezentrales Energiesystem: Zwar sei beim Verbraucher ein hoher Wärmebedarf und ein - im Verhältnis - niedriger Strombedarf vorhanden, dennoch werde in zentralen Kraftwerken die Wärme nicht oder nur unzureichend genutzt. "Wir müssen von den stromgeregelten hin zu wärmegeregelten Kraft-Wärme-Kopplungen kommen. Strom soll dabei ein hochwertiges Abfallprodukt von Wärme sein."

Damit ließe sich nicht nur der durchschnittliche Wirkungsgrad der Anlagen drastisch erhöhen, sondern es wäre laut Raggam im Winter dann auch automatisch mehr als genug Strom vorhanden. Im Sommer müsste dieser unter anderem mit Photovoltaik-Anlagen erzeugt werden.

Druck von unten erzeugen

Der Pferdefuß an der Sache: Die Anlagen zur dezentralen Stromgewinnung aus Biomasse haben bisher (trotz manch erfolgsversprechender Modelle wie dem Stirling-Motor) noch nicht die Serienreife erreicht - zumindest nicht in dem Maße, dass sie für Haushalte attraktiv wären. In diesem Zusammenhang hofft Raggam, mit der von ihm mitbegründeten Firma KWB ("Kraft und Wärme aus Biomasse") in etwa drei Jahren selbst den Durchbruch zu schaffen.

Einen Bereich schließt Raggam bei seiner These der "Energiebereitstellung ohne Komfortverlust" jedoch aus: "Der jetzige Flugverkehr ist eine Katastrophe und gehört eingebremst."

Doch ohne einen Aufschrei der Bevölkerung und ohne initiative Politiker sei eine Umkehr nicht zu bewerkstelligen, ist der unermüdliche Kämpfer für die Biomasse überzeugt. So sei es höchst an der Zeit, Erdgas aus den Landesenergiegesellschaften zu verbannen und stattdessen "die schöne Braut Biomasse" hereinzuholen. Denn Erdgas sei, wenn man die großen Leckagen der Überlandleitungen in die Gesamtrechnung mit einbezieht, alles andere als umweltfreundlich.

Wenn nur ein Bruchteil dieser "externen Kosten" in den Preis von fossilen Energieträgern eingerechnet werden würde, würden diese bald vom Markt verschwinden, meint Raggam und verweist auf die Rolle der Bürger: "Eine CO2-Steuer kommt nur, wenn das Volk das will." Aber in Wirklichkeit gehe es um ganz etwas anderes: "Ich glaube, dass durch die Bioenergie gut 300.000 Arbeitsplätze geschaffen werden können."

Der Autor ist freier Journalist in Wien.

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