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Schlaraffenland ist abgebrannt

jörg schindlers Utopie der post-fossilen Welt: besser leben mit weniger Energie.

Die Utopie einer post-fossilen Welt ist eine Notwendigkeit. In aller Kürze lassen sich die strukturellen Mängel der heutigen Energieversorgung so beschreiben: Sie ist nicht nachhaltig, weil sie im Wesentlichen auf der Nutzung nicht erneuerbarer fossiler oder nuklearer Energiequellen beruht; sie ist nicht zukunftsfähig, weil sie durch das Verbrennen von Kohlenstoff die Atmosphäre belastet und das Klima aufheizt; sie ist nicht gerecht, weil nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung den größten Anteil am Energieverbrauch hat und auch weil der Energieverbrauch der gegenwärtig lebenden Generation die Chancen der kommenden Generationen mindert.

Die gegenwärtigen Strukturen gelten als konstitutiv für das westliche Wirtschaftssystem. Billige Energie wird als notwendige Voraussetzung für Wirtschaftswachstum und Wirtschaftswachstum wird als notwendige Voraussetzung für einen zukünftig zunehmenden Wohlstand auch der eher benachteiligten Bevölkerungsgruppen gesehen. Die Ölpreissteigerungen der jüngsten Zeit liefern einen Anlass und ein gutes Beispiel dafür, wie diese Fragen in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen diskutiert werden und wie die gestiegenen Benzinpreise an der Tankstelle vom normalen Autofahrer als Bedrohung seines Lebensstils angesehen werden.

Grenze der Verträglichkeit

Viel Energie verbrauchen heißt hoher Lebensstandard und ist damit gut. Billige Energie ist gut und teure Energie gefährdet die Wirtschaft. Diese Auffassungen sind die herrschende Lehre. Dass schon in der Vergangenheit auch in den industrialisierten Ländern niedrige Energiepreise und positive Wirtschaftsentwicklung nicht unbedingt zusammengegangen sind, sieht man einerseits an der Verschwendungswirtschaft in den inzwischen zusammengebrochenen Staaten des real existierenden Sozialismus und andererseits an den wirtschaftlichen Erfolgen Japans, wo man mit weit höheren Energiekosten als in den übrigen industrialisierten Ländern zurechtgekommen ist.

Das Ökosystem der Erde verträgt nur ein begrenztes "Herumtrampeln" der Menschen. Verschiedene Autoren haben sich bereits mit der Frage beschäftigt, wo die Grenzen des verträglichen Energieverbrauchs liegen. Das im Folgenden skizzierte Bild einer post-fossilen Welt orientiert sich an einer von dem Quantenphysiker Hans-Peter Dürr formulierten Zielvorstellung. Danach verträgt die Erde dauerhaft einen menschlichen Energieumsatz von etwa 12 Terawatt. Das sind bei einer Weltbevölkerung von einmal 8 Milliarden Menschen für jeden Menschen im Durchschnitt etwa 1,5 kW. Welcher Lebensstandard ist in einer 1,5 kW-Gesellschaft möglich? Das ist, bei heutigem Technologiestand, der Lebensstandard der Schweiz in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dieser Wert von 1,5 kW bedeutet für Deutschland eine Reduktion des Energieverbrauchs um den Faktor 4, für Amerika um den Faktor 8. Der Energieverbrauch von China liegt heute bei 1,4 kW pro Kopf, der von Indien bei 0,6 kW. Das Energieangebot der Sonne reicht bei weitem aus, um diesen Bedarf weltweit zu decken.

In der post-fossilen Welt wird der Energieverbrauch im Sinne einer "1,5 kW-Gesellschaft" für alle gleichermaßen begrenzt sein. Insofern wird es sich nicht um ein Schlaraffenland handeln. Trotzdem wird es keinen Rückfall in vorindustrielle Zeiten geben. Die Lebensstile in der post-fossilen Welt werden sich ändern und ändern müssen, denn zwei Drittel unseres Energieverbrauchs sind eine unmittelbare Folge unseres Lebensstils. Die wichtigsten Felder sind: Wohnen, Konsumverhalten und Mobilität. In diesen Bereichen wird es die größten Änderungen geben, doch die Lebensqualität muss darunter nicht leiden.

In der post-fossilen Welt wird Energie prinzipiell immer eher knapp und eher teuer sein, also wird man viel sorgfältiger und viel bewusster damit umgehen als heute: Die Gebäude der post-fossilen Welt werden zum überwiegenden Teil ohne Energiezufuhr von außen beheizt und klimatisiert: Das "Plus-Energie-Haus" - ein Gebäude, in dem mehr Sonnenenergie geerntet' wird als sie selbst verbrauchen - wird bei kleineren Gebäuden die Regel sein.

Intelligente Netze

Der regenerativ erzeugte Strom wird in "intelligente" Netze eingespeist, die die Nachfrage an das Angebot anpassen. Heutige Stromnetze passen umgekehrt das Angebot an die Nachfrage an, wie sie eben ist: Wenn die Waschmaschine einmal eingeschaltet ist, dann läuft sie eben und der Strom muss da sein. Das ist aber im Grunde weder immer notwendig aus Sicht des Nutzers, noch ist es ein unabänderlicher technischer Zwang. Ein großer Teil der elektrischen Verbraucher muss nicht zu einer genau bestimmten Zeit betrieben werden. Es genügt, wenn die Energie in bestimmten Zeitfenstern bereitgestellt wird. Die Geräte werden vom Netzbetreiber dann angeschaltet, wenn es insgesamt am günstigsten ist. Die Spitzenlast der Strombereitstellung kann auf diese Weise ganz erheblich gesenkt werden und der Aufwand für die Stromerzeugung ist wesentlich geringer als in unserem gegenwärtigen "dummen" System.

Die industrielle Tätigkeit und das Konsumverhalten der post-fossilen Welt werden sich dahingehend unterscheiden, dass die Produktion und der Verbrauch von Gütern pro Person gegenüber den heutigen Verhältnissen in den westlichen Industrienationen deutlich reduziert sein werden. Für die heute ärmsten Länder der Erde wird dies jedoch eine große Steigerung bedeuten. Wie kann das gehen? Weniger Güter und langlebigere Güter lautet die kurze Antwort. Die post-fossile Welt ist keine Wegwerfgesellschaft. Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit werden einen Stellenwert erhalten, den sie vor unserer Verschwendungswirtschaft schon einmal hatten. Bewusstere Gestaltung und Schönheit gewinnen wieder an Bedeutung.

Auch die Mobilität wird sich wesentlich von den heutigen Strukturen in den hoch industrialisierten Ländern unterscheiden. Die post-fossile Mobilität kennt nur noch erneuerbare Energien als Quellen für die Erzeugung von Kraftstoffen. Kraftstoffe werden hauptsächlich zwei Sekundärenergieträger sein, Elektrizität und Wasserstoff, der aus erneuerbarem Strom oder aus Biomasse hergestellt wird.

Erhöhter Raumwiderstand

Die höheren Kosten für die Kraftstoffe sowie insbesondere deren geringere mengenmäßige Verfügbarkeit werden zu einer Verteuerung des motorisierten Verkehrs führen. Die Erhöhung des Raumwiderstandes wird zu einer Aufwertung aller lokalen Beziehungen führen. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung der Siedlungsstruktur und der räumlichen Strukturen von Handel und Dienstleistungen aller Art. Wohnen und Arbeiten werden wieder näher zusammenrücken. Die Rolle des öffentlichen Verkehrs wird gestärkt und um innovative Angebote erweitert. Die Erhöhung des Raumwiderstandes hat natürlich auch Auswirkungen auf die regionale und internationale Arbeitsteilung: Minimierung der Güterströme wird das neue, alte Ziel sein. Die Globalisierung der Wirtschaft stößt an natürliche Grenzen.

Die post-fossile Welt wird letztendlich auch im Bereich der Technik einen entscheidenden Unterschied zur vor-fossilen Welt aufweisen: sie wird noch verstärkt eine "high-tech" Welt sein und zu einer völlig neuen Qualität führen, die es erlaubt, auch ohne die Verfügung über fossile (und nukleare) Energiequellen das Leben in vielfältiger Weise besser gestalten zu können.

In den vorindustriellen Zeiten konnte man die Kräfte von Wasser und Wind nur als mechanische Kräfte unmittelbar nutzen. Auch in Zukunft wird man weiterhin Energie aus Biomasse, Wind und Wasser gewinnen, doch die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältiger und universeller geworden.

Hohe Lebensqualität

In der post-fossilen Welt ist gut leben. Es gibt genug Energie, Dienstleistungen und Güter für alle. Die Energieversorgung wird persönlicher und die Verantwortlichkeiten sind weniger anonym. Die Mobilität wird menschlicher, besser und gesünder gewährleistet sein. Materielles Wachstum wird es nicht mehr geben, aber das ist kein Unglück. Dafür werden menschliche Energien freigesetzt und es wird Raum geschaffen für soziale Innovationen. Das Leben wird entschleunigt. Es entsteht wieder eine intensivere Beziehung zu den Dingen, schon weil man länger mit ihnen leben muss. Die Ästhetik, Schönheit der (gebauten) Umwelt und der Gegenstände des täglichen Lebens werden wieder wichtiger. Auf internationaler Ebene wird es eine gerechtere Welt sein mit einer gleichmäßigeren Verteilung von Lebenschancen. Der Lebensstil des "Nordens" wird nicht mehr auf Kosten der heute weniger entwickelten Länder und auf Kosten nachfolgender Generationen gehen. Es wird eine friedlichere Welt sein: "Kriege um Öl" werden der Vergangenheit angehören.

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag Jörg Schindlers bei den "Tagen der Utopie 2005".

Der Autor ist Experte für erneuerbare Energieträger.

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