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Zwischenlösung

1945 1960 1980 2000 2020

Perspektiven einer zukünftigen Energieversorgung zeichnen der Direktor der Stewag, Dr. Märzendorfer, als Befürworter der Kernenergie und der Oberassistent an der Technischen Universität Graz, Univ.-Doz. Dr. Raggam.als Verfechter einer alternativen Lösung.

1945 1960 1980 2000 2020

Perspektiven einer zukünftigen Energieversorgung zeichnen der Direktor der Stewag, Dr. Märzendorfer, als Befürworter der Kernenergie und der Oberassistent an der Technischen Universität Graz, Univ.-Doz. Dr. Raggam.als Verfechter einer alternativen Lösung.

Die mannigfachen Formen, in denen uns Energie gegenübertritt, sind für den Laien verwirrend und verwirrend ist vor allen Dingen auch die Vorstellung der ungeheuren Energiemengen, welchedie Menschheit benötigt.

Beängstigend wirkt für den Laien auch - und nicht nur für den Laien -daß der größte Teil der Energie durch systematischen Abbau unserer Energievorräte gewonnen wird und daß unser Wohlstand untrennbar mit Energiekonsum verbunden ist.

In den letzten Jahrzehnten wurde lediglich eine einzige neue Energiequelle entdeckt, die Kernenergie, welche allerdings auch aus endlichen Reserven gewonnen wird, wenn auch die Brütertechnologie diese Reserven auf das 60-fache erstrecken kann.

Bedeutet dies also eine Prolongation eines bedenklich gewordenen Zustan-des? Steht am Ende dieses Zeitabschnittes wieder die Frage, wie es dann weitergehen soll? Die Antwort ist ja, wenn die Kernfusion mißlingt. Aber wir haben wenigstens Zeit gewonnen für einen Lernprozeß.

Ich persönlich bin überzeugt, daß wir und die Generationen nach uns lernen müssen, mit viel weniger Energie und mit viel teurerer Energie zu leben. Ich vertrete auch die Meinung, daß wir, d. h. die Bewohner der Industriestaaten, mit weniger Energie durchaus existieren können. Der Europäer verbraucht wesentlich weniger Energie als der amerikanische Staatsbürger und er lebt damit nicht schlecht.

Ich räume auch den sogenannten „Grünen" oder zumindest dem Großteil von ihnen lautere Absichten ein, da sie ein schicksalhaftes Problem der Entwicklung der Menschheit erkannt haben. Es stellt sich nur die konkrete Frage, ob Österreich nur mit oder auch ohne Kernenergie in Zukunft auskommt. Ein Teil der Rezepte z. B., die sie für sich reklamieren, ist Energiesparen, der Ausbau der Kleinwasserkräfte, die bessere Wärmedämmung unserer Gebäude und der Ausbau der Fernwärmeversorgung mit Kraft-Wärme-Kupplung. Uber diese Dinge erübrigt sich eine Diskussion, denn diese Rezepte werden nicht nur durch sie, sondern auch durch die Kernkraftwerkbefürworter vertreten.

Trotzdem ist festzustellen, daß seit dem Krisenjahr 1973 alle in dieser Richtung ergriffenen Maßnahmen quantitativ nicht ausgereicht haben, ein weiteres Ansteigen des Energiekonsums zu verhindern. Seit dem Jahre 1973 ist der Verbrauch an Energie um weitere 26 % angestiegen. Wieviel geringer wird somit die Auswirkung sein, die von jenen Technologien zu erwarten ist, deren Anwendung mehrfach teurer kommt als die vorhin genannten Alternativen!

Seit Jahrzehnten sind beispielsweise in den sonnenreichen Ländern Warmwasserkollektoranlagen in Betrieb und bieten eine ausgereifte Technologie, die sich nicht mehr billiger produzieren läßt. Es ist aber um die Warm wasserbe-reitung durch Kollektoren in unserem Lande auffallend still geworden und die

in der Begeisterung der ersten Stunde errichteten Pilotanlagen haben Seltenheitswert. Der Staat hat kein Geld für Subventionen und dem Abnehmer sind die Investitionen zu teuer.

Was ist ferner von einem Sonnenkraftwerk zu erwarten, dessen Stromproduktion zehnmal so teuer kommt wie die Produktion aus unseren konventionellen Kraftwerken?

Wir leben in einer Welt, die seit Menschengedenken vom Kampf ums Dasein erfüllt war. Wir sind nur vorübergehend in einen Zustand der Sattheit verfallen. Nun aber gilt es, wieder den Kampf aufzunehmen, um im energiearmen Europa zu produzieren um zu exportieren, um mit dem Erlös dieser Exporte die teuer gewordenen Rohstoffe importieren zu können.

Es ist also nicht notwendig, daß wir Experimente machen. Bei Kernenergie sind wir keine Experimentatoren mehr, sondern die letzten Nachzügler innerhalb der Industriestaaten. Wahren wir also mit der Nutzung der Kernenergie unsere Chancen, weil sie billigen Strom produziert und unsere Stromaufbringung vom gefährdeten Mineralöl unabhängig macht.

Wenn es das Schicksal der Industriestaaten sein sollte, trotz Nutzung der Kernenergie den erreichten Wohlstand Zug um Zug abzubauen, dann werden wir unseren sozialen Frieden nur dann erhalten können, wenn es uns nicht relativ schlechter geht als dem gleichfalls betroffenen Nachbarn. Es wird sicher mit weniger und teurerer Energie gehen, wenn auch diesem Nachbarn keine andere Wahl bleibt.

Dann werden sich beide allmählich auch den teuren, alternativen Energiequellen zuwenden, um Schritt um Schritt die Welt neu einzurichten und wenn bis dahin der menschlichen Begabung keine anderen Möglichkeiten eingefallen sind, so werden diese Alternativen eben Sonnenfarmen, Windräder und Energieumwandlungsanlagen für Biomasse sein. Diese werden die gleichen Umweltkonflikte auslösen wie dies heute mit Kernenergie, Wasserkraftwerken und Dampfkraftwerken der Fall ist.

Wir benötigen Optimismus und Vertrauen, um unsere Zukunft zu meistern.

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