7116989-1996_19_08.jpg
Digital In Arbeit

Erneuerbare Energien schaffen Arbeitsplätze

Die energie- und umweltpolitische Diskussion in Deutschland macht einen ebenso gelähmten Eindruck wie die Debatte um den Wirtschaftsstandort. Alle wissen, daß mit den derzeit angebotenen politischen Ansätzen die offiziell ver-lautbarten Ziele einer Beduktion der klimaschädlichen Energieemissionen nicht einmal annähernd erreichbar sind. Alle wissen von den Gefahren fossiler Energieverbrennung, aber im praktischen Vordergrund stehen neue Kohlekraftwerke. Alle wissen von den Gefahren der Atomkraft, aber mehr und mehr wird versucht, der Atomenergie wieder die verlorengegangene Akzeptanz verschaffen. Alle wissen, daß unser Energieverbrauch kein Modell für neue Wachstumsgesellschaften wie China mehr sein darf, aber dennoch wird jede weitere Kopie dieses Modells politisch wie finanziell gefördert. Alle wissen, daß die Perspektive des Wirtschaftsstandortes Deutschland nicht darin liegen kann, mit dem Lohn- und Umweltdumping etwa des südostasiatischen Kaserne-nenkapitalismus in Wettbewerb zu treten - aber außer solchen Kosten-Bationalisierungen zu Lasten sozialer und ökologischer Standards fällt den meisten Wirtschaftsexperten dennoch nichts ein.

Die Fortführung und Ausweitung der fossil-atomaren Energieversorgung wird damit begründet, daß es angeblich - außer auch nicht ernsthaft verfolgten Energiesparansätzen - keine zur Verfügung stehende Alternative gibt. Ein Blick in den Bericht der Enquete-Kommission des Bundestages zum „Schutz der Erdatmosphäre" würde allen politisch Verantwortlichen den entscheidenden Wink geben können. Dort steht, daß es technisch und ökonomisch realisierbar sei, auf nur einem Tausendstel der Landoberfläches des Erdballs das Dreifache des Weltenergiebedarfs zu gewinnen! Doch ist nicht zu sehen, daß diese Erkenntnis in den meisten energiepolitischen Stellun-

gnahmen in Bundestag und Bundesregierung wahrgenommen wird - obwohl jeder weiß, daß die Zeit drängt.

Gleichzeitig läßt sich verhältnismäßig einfach veranschaulichen, welche umfassende neue Arbeitsplatzperspektive unserer produzierenden Wirtschaft offensteht, die scheinbar verzweifelt nach neuen Produkten und Märkten sucht. Es gibt keinen Bereich wie den der Techniken zur Nutzung der erneuerbaren Energie und der Steigerung der Energieeffizienz, der erkennbar so viele wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt.

Ersetzen wir herkömmliche Energie durch Solarenergie, dann ersetzen wir die überwiegend zu importierenden Primärenergieträger Ol, Gas, Kohle und Uran durch die kostenlosen Primärenergien der Sonnenstrahlung, der Windkraft, der Wasserkraft und durch Biomasse, die teilweise kostenlos ist. Ökonomisch betrachtet ersetzen wir zu importierende Primär-energie durch heimische Energieträger und sparen damit Devisen. Gleichzeitig fördern wir damit den eigenen Wirtschaftskreislauf und ersetzen herkömmliche Primärenergie durch Technologie. Außerdem ersparen wir uns die immer mehr zur sozialen und ökonomischen Belastung werdenen Folgekosten atomarer und fossiler Energieerzeugung.

Energierationalisierung hat Vorrang

Nahezu alle Kosten, die bei erneuerbaren Energien anfallen, sind Kosten für die Bereitstellung der dazu erforderlichen Technik, also für Arbeit. Wir fördern damit massenhaft Arbeitsplätze und verlagern die Bemühungen um Produktivitätssteigerungen auf die Wegrationalisierung von herkömmlicher Primärenergie und von Umweltlasten. Daraus ergibt sich, daß sich in kürzester Zeit - bei entsprechend großangelegten Initiativen in einem Zeitraum von weniger als 10 Jahren - leicht ein Potential von einer halben Million qualifizierter und zukunftssicherer Arbeitsplätze allein für Deutschland errechnen läßt.

Der Autor ist

Mitglied des Deutschen Bundestages, Forsitzender des Landwirtschaftsausschusses der Europaratsversammlung und Präsident von Eurosolar.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau