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Erneuerbare Energie vernachlässigt

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Seit mehr als einer Dekade gibt es enorme Fortschritte bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Zu den Schulbuchautoren hat sich dies noch nicht herumgesprochen, wie eine Untersuchung jetzt ergab.

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Seit mehr als einer Dekade gibt es enorme Fortschritte bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Zu den Schulbuchautoren hat sich dies noch nicht herumgesprochen, wie eine Untersuchung jetzt ergab.

Was junge Menschen in der Schule vorgesetzt bekommen, erweitert nicht nur ihr Wissen, sondern prägt auch ganz entscheidend ihr Weltbild. Das war einer der Gründe, warum schon bald nach Beginn der Ära Kreisky die Schulbuchaktion ins Leben gerufen wurde. Mit neuen Schulbüchern ließen sich neue Leitbilder vermitteln.

Klarerweise gilt dasselbe auch für das Thema Umwelt. Ob Fragen der Ökologie im Unterricht dargestellt und wie sie behandelt werden, das beeinflusst entscheidend den Stellenwert, den Schüler dem Umweltschutz beimessen.

Diese Überzeugung teilten offensichtlich auch die Verfasser der Klimakonvention der Vereinten Nationen, die 1992 in Rio de Janeiro beschlossen wurde. Denn einer der 26 Artikel der Vereinbarung trägt den Titel "Bildung, Ausbildung und öffentliches Bewusstsein". Er betont, ein Umstieg der gesamten Menschheit auf eine dauerhaft verträgliche Lebens- und Wirtschaftsweise müsse auch in den Schulen gefördert werden.

100 Bücher untersucht Im Auftrag des Bildungs- und des Umweltministeriums hat nun der "Bundesverband Erneuerbare Energie" Schulbücher darauf hin untersucht, welchen Stellenwert sie den Themenbereichen Luftverschmutzung, Treibhauseffekt, Energieverbrauch, Erneuerbare Energien und Energie-Effizienz beimessen und wie sie diese darstellen.

Außerdem wurde im Rahmen der Studie "Sun & School 2000" (man beachte, schicke Titel müssen im deutschen Sprachraum heute Englisch sein. Auch das ist übrigens bewusstseinsprägend) eine Materialiensammlung zum Thema Erneuerbare Energie angelegt, die von Autoren, Verlagen und Lehrern verwendet werden können.

Diese Sammlung bringt den letzten Stand der Entwicklungen auf dem Sektor der Erneuerbaren Energien und behandelt insbesondere die Themenbereiche: Bioenergie, Windenergie, thermische Solarenergie, Photovoltaik, Kleinwasserkraft, Geothermie und Wärmedämmung.

Bei der Bestandsaufnahme der derzeitigen Wissensvermittlung, wurden die 100 am häufigsten verwendeten Schulbücher der Fächer Biologie und Umweltkunde, Geographie und Wirtschaftskunde, Physik und Chemie untersucht. Auf diese Weise gelang es, jene Unterrichtsbehelfe zu erfassen, die von 90 Prozent der Schüler verwendet werden.

Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Bücher nun untersucht?

Zunächst einmal ging es darum herauszufinden, ob das Thema "Erneuerbare Energien" überhaupt angeschnitten und halbwegs angemessen dargestellt wird. Unter welchen Voraussetzungen kann man aber von einer adäquaten Darstellung sprechen? Zumindest bei den Themen Energieversorgung und -quellen, Nachhaltige Entwicklung, Luftverschmutzung, Treibhauseffekt oder Rohstoffversorgung sollte ein Bezug zu Erneuerbarer Energie hergestellt werden. Außerdem sollten sie in Text und Abbildung ähnlich genau zur Darstellung gelangen wie die großen Wasserkraftwerke und die kalorischen Kraftwerke, die mit Kohle, Erdöl oder Erdgas betrieben werden.

Wenn jedoch beispielsweise in einem Kapitel, das der Energieversorgung Österreichs gewidmet ist, zwar kalorische Kraftwerke und die großen Wasserkraftwerke auf mehreren Seiten detailliert abgehandelt werden, die dezentrale Energieversorgung aber nur in einigen Zeilen erwähnt wird, so bewertet die Studie dies als mangelhafte Berücksichtigung.

Weitere Punkte, die einer Bewertung unterzogen wurden, waren die fachliche Richtigkeit der Aussagen zum Thema sowie deren Aktualität. Bei diesem letzterer Aspekt wurde eruiert, inwiefern schon der neueste Stand der Technik im Buch berücksichtigt worden war.

Die in der Studie aufgelistete Beurteilung der einzelnen Schulbücher ist für den Normalverbraucher zu detailliert. Interessant aber ist die Gesamtbewertung aller einschlägigen Schulbücher. Und diese fällt kritisch aus: Insgesamt wird Erneuerbare Energie stiefmütterlich behandelt. Wenn es um die adäquate Berücksichtigung des Themas geht, schneiden die Physikbücher zwar nicht gut, doch noch relativ am besten, die Geographie und Wirtschaftskundebücher am schlechtesten ab. Die Reihung dreht sich hingegen um, wenn die fachliche Richtigkeit und die Aktualität als Maßstab gewählt wird.

Was sind nun die wichtigsten Kritikpunkte der Studie an den untersuchten Schulbüchern?

n Auch wenn Themen wie Umweltschutz, Klima oder Rohstoffe angeschnitten werden, kommen Fragen der Luftverschmutzung, des Treibhauseffektes, des CO2-Ausstoßes und der Art der Energieerzeugung entweder zu kurz oder sie werden überhaupt nicht angeschnitten.

Veraltetes Wissen * Geht es um Umweltprobleme, werden zwar die "klassischen" Luftschadstoffe erwähnt, als Lösung werden dann aber Filteranlagen oder Katalysatoren angeboten, also die so oft kritisierten "end of pipe"-Ansätze. Damit begünstigen die Schulbücher die Vorstellung, man könne mit technischen Anlagen die negativen Folgen des Einsatzes fossiler Energieträger in den Griff bekommen. Dass solche Einrichtungen keinerlei Einfluss auf den CO2-Ausstoß haben, kommt nicht zur Sprache.

* Soweit Erneuerbare Energien dargestellt werden, geschieht dies auf der Basis eines veralteten Wissensstandes. Anlagen mit geringem Wirkungsgrad und kleiner Leistung erscheinen als energiepolitisch bedeutungslos. Den gleichen Eindruck erwecken Texte und Abbildungen, die zum Ausdruck bringen, dass sich diese Techniken noch im Versuchsstadium befinden.

* Fossile Brennstoffe werden vielfach als die Voraussetzung für den Wohlstand der Industrieländer dargestellt und die Vorteile des Einsatzes von Kohle, Gas und Erdöl hervorgehoben. Nur beiläufig erwähnt werden aber die von ihnen verursachten Umweltprobleme. Dazu die Studie: "In einigen Fällen werden die Öl-/Gasbohrungen und -förderungen in Form von ,modernen Heldengeschichten' beschrieben, in denen ,mutige Männer' unter ,schwierigsten Bedingungen" das ,Schwarze Gold' gewinnen."

* In einigen Büchern, die Erneuerbare Energien abhandeln, werden nur ausländische Beispiele erwähnt. Dazu die Kritik: "Mit der Darstellung eines Windparks in Kalifornien, eines Solarkraftwerkes in Südspanien oder einer Geothermieanlage in Island wird der Eindruck vermittelt, dass die Nutzung der Erneuerbaren Energien nur in ,fernen Ländern' mit anderen Klimaverhältnissen, nicht aber in Österreich möglich wäre."

* Schließlich werden Erneuerbare Energien als unwirtschaftlich und zu teuer beschrieben, jedenfalls viel teurer als fossile Brennstoffe. Dabei wird aber unterschlagen, wie stark diese Energieträger dadurch subventioniert sind, dass sie die von ihnen verursachten externen Kosten nicht zu tragen haben.

Was die Schulbücher zu bieten haben, entspricht somit etwa dem, was man auch dem Normalverbraucher suggeriert: Umweltfreundliche Technologien der Energieversorgung seien zwar interessant, aber etwas exotisch, jedenfalls in absehbarer Zeit keine Alternative zum derzeitigen System. Es wird noch viel Pionier- und Überzeugungsarbeit benötigen, bis sich in Energiefragen eine neue Sichtweise etabliert hat. Die Studie leistet jedenfalls einen wichtigen Beitrag zu diesem notwendigen Wandel.

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