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Trotz Talfahrt der Preise: Sparen bleibt in

1945 1960 1980 2000 2020

Nach langer Talfahrt der Erdölpreise stellt sich die Frage: Bleibt Energiesparen sinnvoll? Die Antwort heißt: ja - schon aus Gründen des Umweltschutzes. Über den Stand der Möglichkeiten informiert das folgende Dossier.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach langer Talfahrt der Erdölpreise stellt sich die Frage: Bleibt Energiesparen sinnvoll? Die Antwort heißt: ja - schon aus Gründen des Umweltschutzes. Über den Stand der Möglichkeiten informiert das folgende Dossier.

Betrachtet man den Zeitraum 1976-1986, zeigt sich, daß der Energieverbrauch im Privatkonsum — das ist die Energie, die innerhalb der vier Wände und für private Fahrzeuge verbraucht wird — um nahezu ein Drittel zugenommen hat, nämlich von rund 223 auf 293 Peta-Joule (ein PJ entspricht 278 GWh, 239 Tcal, 34.0001 Steinkohle, 23.0001 öl). Gleichzeitig steigerte sich der Anteil des Privatkonsums am gesamten Endenergieverbrauch von 31 auf über 37 Prozent.

Die Energieverbrauchssteigerung des Privatkonsums verlief jedoch nicht konstant. 1976 war man bereits mitten in der Erholungsphase nach dem ersten Energieschock. Die Energiepreise begannen erst 1979 wieder, diesmal allerdings viel kräftiger, zu steigen. Folglich nahm der Energieverbrauch des Privatkonsums zunächst bis 1980 auf rund 116 Prozent zu und reagierte 1982 mit einem Rückgang auf 106 Prozent des Jahres 1976.

Mit den ab 1982 mehr oder minder konstanten und teilweise hingenommenen Hochpreisen begann auch wieder die Energieverbrauchssteigerung anzulaufen. Beschleunigt durch den erheblichen Energiepreisrückgang 1986 wurde schließlich die bereits erwähnte Zunahme um nahezu 32 Prozent gegenüber 1976 erreicht.

Schlüsselt man den Energieverbrauch des Privatkonsums nach den einzelnen Energieträgern auf, so zeigt sich, daß der Slogan „weg vom öl“ durch den Energiepreisverfall 1986 gestoppt beziehungsweise ins Gegenteil umgekehrt wurde.

Sank der Heizölverbrauch bis 1984 auf 68 Prozent, so stieg er in den beiden Folgejahren wieder auf den Ausgangswert von 100 Prozent. Die größte Zunahme erfuhr erfreulicherweise die Fernwärme mit einer nahezu Vervierfachung, gefolgt von der verstärk ten Verwendung von Holz und brennbaren Abfällen mit nahezu dem Zweieinhalbfachen.

Der Stromverbrauch stieg insgesamt um mehr als 75 Prozent, der Gasverbrauch hingegen nur um 33 Prozent. Der Benzinverbrauch stieg im gleichen Zeitraum um nicht mehr als 20 Prozent und blieb in den letzten Jahren konstant. Die Kohle, inklusive Braunkohle und Koks, die einen Teil des Ölrückganges abdecken konnte, ging als einziger Energieträger auf 96 Prozent zurück.

Die Verwendungszwecke werden üblicherweise in den Komplex Raumheizung—Warmwasserbereitung—Kochen bezie hungsweise Elektrogeräte, Beleuchtung und Fahrzeuge gegliedert. Die jeweiligen Anteile an der Gesamtverwendung stiegen bei Raumwärme von 54 auf 56, bei Elektrogeräten von sieben auf zehn Prozent und sanken bei den privaten Fahrzeugen von 33 auf 29, bei der Beleuchtung von sechs auf fünf Prozent.

Sowohl Raumwärme als auch Fahrzeugbetrieb zeigen eine deut-’ liehe Reaktion auf Energiepreissteigerungen. Während erstere 1981 und 1983 sich wieder dem Ausgangswert näherten, unterschritt der Benzinverbrauch im Jahre 1982 sogar den Verbrauch von 1976. Zuletzt lagen alle Werte aber über denen von 1976.

Versucht man die ständig steigende Anzahl der bewohnten

Wohnungen, die zunehmende Größe der Wohnfläche je Wohnung und die jährlich wechselnde Zahl der Heizgradtage - HGT, die Summe der täglichen Temperaturdifferenzen zwischen innen und außen, soferne eine bestimmte äußere Grenztemperatur unterschritten wird — und die Veränderung der Heizsysteme in einem Struktur-Verschiebungs-Index zusammenzufassen, kann man damit einen hypothetischen Energieverbrauch auf der Basis von 1976 errechnen.

Ist dieser jährlich erfaßte tatsächliche Energieverbrauch geringer, so muß dem ein durchschnittlicher Energiesparerfolg zugrunde liegen. Genau dies läßt sich ab dem Jahre 1980 im Ausmaß von rund sieben Prozent nachwei- sen. Wenn ein Teil auch nur eine scheinbare Einsparung darstellt, weil zum Beispiel eine nicht oder selten benutzte Zweitwohnung eben einen geringeren Energieverbrauch aufweist, muß der Mehrverbrauch, der durch die permanente Umrüstung von Einzel- auf Komfortheizungen (Zentral-, Etagenheizungen) entsteht, durch langjährig propagierte Maßnahmen wie:

• erheblich besserer Wärmeschutz von Außenbauteilen,

• effizientere Umsetzung von Primärenergie in Raumwärme,

• vermehrte Fernwärmeanschlüsse,

• sensiblere Regel- und Steuertechnik mehr als kompensiert worden sein.

Dies ist auch aus den Ergebnissen der erweiterten Mikrozensus- und Wohnungserhebung 1983 abzulesen, in der auf die Frage nach energiesparenden Maßnahmen geantwortet wurde, daß zu:

— 32 Prozent besser dämmende Verglasungen,

— 24 Prozent neue Außenfenster und -türen,

— 19 Prozent zum Beispiel Ther mostatregelungen in Heizungsanlagen eingebaut worden waren.

Aus obigen statistischen Darlegungen läßt sich ein Spareffekt bei der Raumheizung nachweisen, der etwa im Ausmaß von einem Grad Temperaturabsenkung liegt. Zweifelsohne könnte, aufgrund des vorhandenen Know- how, ein Vielfaches des bisherigen Erfolges erzielt werden, wenn es bei weitem mehr gäbe an:

• Bereitschaft für häufigere Wartung von Heizungsanlagen,

• Vertrauen in betriebswirtschaftliche Teil- beziehungsweise Totalerneuerung von Heizungsanlagen und Fassaden, insbesondere bei Gebäuden ab den zwanziger Jahren, mit zusätzlichem Wärmeschutz,

• grundsätzlicher Anwendung des Mehrheitsprinzipes in Hausgemeinschaften zur Durchsetzung von Verbesserungsmaßnahmen, da nach wie vor einzelne sich gegen die Durchführung auch gesetzlich empfohlener Maßnahmen, etwa des Wohnhaussanierungsgesetzes, sperren können.

Die derzeitigen Energiepreise, die der Privatkonsum insbesondere für die leitungsgebundenen Energieträger zu zahlen hat, bieten jedenfalls nach wie vor genügend Anlaß, das Energiesparen zu pflegen. Denn die nominellen Energiepreise — das sind jene Preise, die der Konsument zu bezahlen hat - liegen für Holz bei 230 Prozent des Jahres 1976, Koks bei 160 Prozent, elektrischen Strom bei 150, Ofenheizöl (extra- leicht) bei 140, Gas bei 135 und Benzin bei 130 Prozent des Jahres 1976.

Für Gesetzgeber und öffentliche Hand läßt sich ableiten, daß die ausgewogene Vorgangsweise von Zwängen, zum Beispiel erhöhter Wärmeschutz in den Bauordnungen, und Verlockungen, zum Beispiel Förderung nach dem Wohnhaussanierungsgesetz und steuerliche Absetzbarkeit von energiesparenden Maßnahmen, Erfolge zu zeigen beginnen.

Diese Aktionen sind daher unbedingt fortzusetzen, da ansonsten der finanzielle Anreiz des durchschnittlichen privaten Haushaltsbudgets gering ist. Denn der Anteil für Beheizung und Beleuchtung, also in der Statistik die Kosten für den Energieaufwand innerhalb der vier Wände, beträgt nur sieben Prozent des gesamten Jahresbudgets eines Haushalts.

Dipl.-Ing. Wolfgang Riemer ist für Energiefragen im Zusammenhang mit Bauen und Wohnen in der Energieverwertungsagentur in Wien zuständig.

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