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Recycling: eine ernüchternde Bilanz

1945 1960 1980 2000 2020

Nachhaltiges Wirtschaften ist ein ökonomisches Konzept, über dessen Notwendigkeit weitgehend Einigkeit besteht. Allerdings ist selbst Österreich, das sich gern als Öko-Musterland versteht, von dessen Verwirklichung weit entfernt.

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Nachhaltiges Wirtschaften ist ein ökonomisches Konzept, über dessen Notwendigkeit weitgehend Einigkeit besteht. Allerdings ist selbst Österreich, das sich gern als Öko-Musterland versteht, von dessen Verwirklichung weit entfernt.

Die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro hat 1992 den Begriff der nachhaltigen Entwicklung auch in der Politik salonfähig gemacht. Seitdem bekennen sich viele Staaten zu diesem Konzept, das ein Wirtschaften einfordert, dessen Auswirkungen nicht zu Lasten der kommenden Generationen gehen. Auf diese Weise werden Umwelterhaltung und Ressourcenschonung - zumindest im Prinzip - zu einer Aufgabe der Staaten.

Auch die Europäische Union hat sich im Vertrag von Amsterdam zur nachhaltigen Entwicklung bekannt. Im 5. Umwelt-Aktionsprogramm sollte der Durchführung und Durchsetzung des Umweltrechts besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Allerdings war man bei der Verwirklichung dieses Anliegens in den letzten Jahren nicht sehr erfolgreich. Dies geht aus einer Mitteilung der EU-Kommission hervor. So wurden allein 1998 rund 600 mutmaßliche Verstöße gegen das Umweltrecht der Gemeinschaft registriert. In einzelnen Ländern herrsche zwar ein erfreulich hohes Umweltbewusstsein, heißt es in dem Bericht, andere begnügten sich aber mit recht niedrigen Standards.

Da Österreich sich gern zu den Vorreitern auf dem Umweltsektor zählt, ist zu fragen, wie es mit den natürlichen Ressourcen umgeht, ist doch ein schonungsvoller Ressourcenverbrauch ein wichtiger Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung. Die jüngste von "Statistik Österreich" veröffentlichte "Materialflussrechnung" * liefert diesbezüglich interessante Information. Das veröffentlichte Zahlenmaterial lässt erkennen, dass wir hierzulande keineswegs sparsam mit Ressourcen umgehen. Österreich setzt nämlich pro Jahr etwa 4.000 Millionen Tonnen Material um. Das sind 1,3 Tonnen pro Kopf und Tag!

24 Tonnen pro Kopf Diese Zahl ist zwar eindrucksvoll, sie überzeichnet aber das Geschehen. Denn der Großteil der wirtschaftlich genutzten Stoffe sind Wasser (80 Prozent) und Luft (15 Prozent). Nur die restlichen fünf Prozent sind jene Stoffe, die im engeren Sinn als wirtschaftlich genutzte Materialien anzusehen sind: land- und forstwirtschaftliche Produkte, fossile Brennstoffe, Mineralien, die zu Produkten verschiedenster Art verarbeitet werden. Pro Kopf der Bevölkerung sind das aber auch noch 24 Tonnen im Jahr. Für unser Wohlbefinden werden also pro Tag 66 Kilo durch die Wirtschaft geschleust - was immerhin in der Größenordnung des Durchschnittsgewichts des Österreichers liegen dürfte. Dies sei ein "im internationalen Vergleich sehr hohes Verbrauchsniveau," hält die Studie fest, und es beweise, "wie sehr Lebensqualität in entwickelten Volkswirtschaften mit hohem materiellem Verbrauch verbunden ist."

Ein Blick auf die Entwicklung der letzten 40 Jahre macht deutlich, dass trotz enormen technischen Fortschritts das Wirtschaftswachstum von großen Zuwächsen beim Materialverbrauch geprägt war. Einer Verdreifachung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steht etwa eine Verdoppelung des Materialeinsatzes gegenüber. Besonders markant war der Zuwachs bei mineralischem Material (mal 2,8), während der Einsatz von biogenen Rohstoffen in den letzten Jahrzehnten stagniert hat. Verrottbares Material, das relativ leicht im Kreislauf zu führen ist, verlor also an Bedeutung.

Und auf dem Energiesektor traten die fossilen Energieträger ihren Siegeszug an. Sie decken heute rund 75 Prozent des Primärenergieverbrauchs ab. Allerdings registriert die Studie eine wirksamere Nutzung dieser Energie: "Fossile Energie wird heute im Vergleich zu 1960 um etwa 60 Prozent mehr konsumiert. Dies ist ein deutlich schwächerer Anstieg, als dem BIP-Wachstum entspricht, und es zeigt sich damit eine erfolgreiche Entkoppelung vom Wirtschaftswachstum."

35 Prozent Emissionen Was geschieht nun aber 191 Millionen Tonnen an Stoffen, die 1997 in unsere Wirtschaft eingebracht wurden? 35 Prozent von ihnen, also beachtliche 68 Millionen Tonnen landen als Emissionen oder in Form von Abfällen in der Natur. 16 Prozent werden als Güter einem gezielten Ge- oder Verbrauch zugeführt und 44 Prozent in Form von Bauten und Anlagen langfristig gebunden.

Bleibt nicht viel für die Wiederverwertung, wie die Studie feststellt: "Obwohl Recyling stark thematisiert und gefördert wird, zeigt sich, dass derzeit nur ein geringer Anteil von fünf Prozent des Materialdurchsatzes wiederverwertet wird. (...) Lediglich in der Landwirtschaft werden größere Mengen, nämlich circa zwölf Prozent des Gesamtdurchsatzes (Wirtschaftsdünger und Ernterückstände) wiedereingesetzt."

Eines belegen damit die österreichischen Daten eindeutig: Recycling spielt eine untergeordnete Rolle. Die fünf Prozent wiederverwerteten Materials können auch nicht im entferntesten als Ansatz zu einer Kreislaufwirtschaft angesehen werden. Von Nachhaltigkeit also keine Spur.

Ohne eine massive Verringerung des Materialeinsatzes bleibt das Konzept Kreislaufwirtschaft somit vollkommen illusorisch. Daher werden ja schon seit längerem drastische Schritte zur Verringerung des Stoffverbrauchs gefordert. Ernst Ulrich von Weizsäcker. Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, spricht im gleichnamigen Buch vom "Faktor 4", also einer Verringerung des Materialeinsatzes auf ein Viertel (siehe furche 8/1996). Andere fordern eine Reduktion auf ein Zehntel.

Aber selbst wenn es gelingen sollte, den Stoff-Fluss auf so drastische Weise einzudämmen - für entsprechende Maßnahmen gibt es derzeit allerdings keinerlei politischen Willen - wird Recycling kein allgemeines Erfolgsrezept sein. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass sich eine Reihe von Produkten gar nicht zur Wiederverwertung eignen. Zu ihnen gehören vor allem jene, die breit gestreut Verwendung finden und die in Verbindung mit anderen Stoffen zum Einsatz kommen.

Darüberhinaus zeigen sich auch grundsätzliche Probleme, die im Überschwang erster Erfolge mit der Wiederverwertung übersehen wurden. Da ist etwa die Tatsache, dass bei der Kreislaufführung von Materialien auch Schadstoffe breit gestreut verteilt werden können. Das kann zum Beispiel durch Arzneimittel in der Gülle geschehen oder durch weibliche Hormone (künstliche Hormone der empfängnisverhütenden Präparate, die mit dem Harn ausgeschieden werden) im Wasser und im Klärschlamm von großstädtischen Kläranlagen.

Ein weiteres Phänomen, das die Wiederverwertung zahlreicher Stoffe kennzeichnet, ist deren Qualitätsverlust: Werner Schenkel vom Umweltbundesamt in Berlin illustriert das Geschehen: "Fasern werden kürzer, Metalle werden zu Legierungen, chemische Verbindung werden brüchig, kürzen die Lebensdauer von Stoffen. Kurzum, Recycling erzwingt eine Nutzungskaskade mit abnehmender Qualität der Sekundärprodukte und abnehmender Sicherheit." ** Ein "down-cycling" In diesem Fall spricht man also besser von einem "down-cycling" und nicht von einem "re-cycling". Damit lassen sich die Stoffe aber nicht beliebig lang im Kreis führen.

Schließlich ist in diesem Zusammenhang noch folgende Entwicklung zu erwähnen: Viele Produkte werden im Vergleich zu ihrem Materialeinsatz sehr technologie-intensiv. Auch das erschwert ihre Wiederverwertbarkeit. Lohnt es sich beispielsweise, das Material einer goldenen "Omega"-Uhr wiederzuverwerten, so ist dies bei einer heutigen "Swatch" nicht der Fall. Dazu Schenkel: "Miniaturisierung, Nanotechnik, Verbundmaterialien und Verbundkonstruktionen ergeben eben Produkte, deren stoffliche Verwertung immer uninteressanter wird." Und die volkswirtschaftlichen Spielregeln tragen auch kaum etwas dazu bei, dass sich an dieser Entwicklung etwas ändert.

Wiederverwertung erweist sich also als ein Konzept, dem nur beschränkte Bedeutung zukommt, solange sich nichts Grundsätzliches an den Technologien ändert.

Beim derzeitigen Stand der Dinge könne man jedenfalls eines festhalten, meint Schenkel: "Die Hoffnungen, die an das Verwerten von Abfällen gebunden sind, werden sich nicht erfüllen. Weder die Rohstoffersparnis, noch die Minderung des Energiebedarfs, noch die Vermeidung der Diffusion der Stoffe in die Umwelt, noch die Informationszerstörung haben sich bisher durchschlagend verbessert."

Die Daten über die Materialflüsse durch Österreichs Wirtschaft bestätigen jedenfalls diese eher ernüchternde Feststellung.

* "Materialflussrechnung: Bilanzen 1997 und abgeleitete Indikatoren 1960-1997", "Statistische Nachrichten 4/2000 ** "Von der Magie der Stoffkreisläufe", VÖEB-Magazin, Mai 2000

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