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Immer mehr Müll und keine Deponien

1945 1960 1980 2000 2020

Müll: Aus den Augen, aus dem Sinn. So einfach geht das längst nicht mehr. Denn langsam vergiften wir uns mit den Abfallmassen, die immer noch recht sorglos „versorgt“ werden. Dabei gäbe es Alternativen. Ein Dossier von Christof Gas pari.

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Müll: Aus den Augen, aus dem Sinn. So einfach geht das längst nicht mehr. Denn langsam vergiften wir uns mit den Abfallmassen, die immer noch recht sorglos „versorgt“ werden. Dabei gäbe es Alternativen. Ein Dossier von Christof Gas pari.

Noch in den siebziger Jahren war Müll kein Thema, das eine breitere Öffentlichkeit beschäftigte. Sicher, in den großen Städten war es nicht immer einfach, mit den Abfällen zurechtzukommen. Aber in weiten Bereichen des Landes, in den meisten Gemeinden, erfolgte die Müllbeseitigung einfach dadurch, daß man Hohlwege, Lehm- und Schottergruben oder sonstige Geländemulden auffüllte. Kaum jemand machte sich Gedanken über diese Praxis.

Heute hat sich die Situation geändert. Müllprobleme sind zum Wahlkampfthema geworden wie kürzlich in Niederösterreich. Kein Wunder, hat sich doch in den achtziger Jahren herausgestellt, daß die Abfallentsorgung einer der wundesten Punkte unseres Wirtschaftssystems ist (siehe auch S. 15).

Da ist zunächst einmal die riesige Müllmenge: Erhebungen aus dem Jahr 1987 zeigen, daß allein die Haushalte rund zwei Millionen Tonnen an Haus- und Sperrmüll produzieren. Weil mittler-weile nahezu alle Haushalte des Landes an die Müllabfuhr angeschlossen sind, läßt sich diese Menge relativ gut abschätzen.

In den meisten Gemeinden bestehen zusätzlich zur Müllabfuhr Sammlungen von Sperrmüll, dessen Beschaffenheit sich nicht für die regelmäßigen Sammlungen, meist wegen seiner Sperrigkeit (alte Möbel, Geräte, Matratzen usw.), eignet.

Dazu kommen beachtliche Mengen gesondert zur Wiederverwertung gesammelter Stoffe: Papier, Altglas und Alttextilien.

Rechnet man all das pro Kopf der Bevölkerung, so ergibt das rund 290 Kilo im Jahr.

Nicht alles, was in den Haushalten weggeworfen wird, kann ohne weiteres der Abfallbehandlung zugeführt werden. Daher gibt es immer mehr Gemeinden, in denen es gesonderte Sammlungen von Problemstoffen (wie Medikamente, Batterien, Verdünnungsmittel, Lacke usw.) gibt. 1987 wurden bundesweit auf diese Weise 3000 Tonnen gefährliche Abfälle gesammelt. Weitaus mehr von diesen Problemstoffen (geschätzte 7000 bis 10.000 Tonnen) landen jedoch im Hausmüll.

Was geschieht nun mit all diesen Abfällen. Papier, Glas und Textilien werden der Wiederverwertung zugeführt (S. 12). Die gesammelten Problemstoffe werden entweder in den Entsorgungsbetrieben Simmering (EBS) verarbeitet oder zwischengelagert oder aber exportiert. Gerade letzteres ist ausgesprochen unbefriedigend. So erfreulich es •ist, daß man etwa Batterien sammelt, so unverantwortlich ist es, sie dann tonnenweise in den Ostblock auf eine ungesicherte Deponie zu führen, umso mehr, als Batterien wiederverwertet werden könnten.

Der Großteil des Mülls (72 Prozent) wird deponiert und nur sechs Prozent in zwei Müllverbrennungsanlagen (in Wien und in Wels) verbrannt. Der Rest wird in eigenen Rotte- und Kompostie-rungsanlagen behandelt.

Der Hausmüll stellt jedoch nur einen Bruchteil des Abfalls dar. Weitaus größer sind nämlich die Mengen von Sonderabfällen; die überwiegend aus dem Bereich der gewerblichen Produktion stammen. 1983 schätzte das österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (OBIG) diese Abfallmenge auf 15 Millionen Tonnen! ,

Die mengenmäßig größten Komponenten dieser Sonderabfälle stellen Abwässer, Schlämme, Bodenaushub und Bauschutt dar. Vieles davon ist wenig oder nicht gefährlich. Das Sonderabfallgesetz 1983 bezieht sich nämlich auch auf jene „beweglichen Sachen, deren schadlose Beseitigung aus Gründen der großen anfallenden Menge nicht mit dem Hausmüll erfolgen kann“.

Dieses Gesetz sieht besondere Regelungen für gefährlichen, überwachungsbedürftigen Sondermüll vor. Ihre Menge dürfte zwischen 400.000 und 500.000 Tonnen jährlich betragen. Als einzige Einrichtung sind die Entsorgungsbetriebe Simmering in Wien imstande, solche Abfälle zu bearbeiten. Ihre Kapazität beträgt derzeit rund 60.000 Tonnen im Jahr.

Was geschieht aber mit dem Rest dieser gefährlichen Stoffe? Da nur ein kleiner Teil davon exportiert wird, ist damit zu rechnen, daß der Großteil unsachgemäß, häufig extrem umweltbedrohend „versorgt“ wird. Dazu das OBIG in seinem „Umweltrohbericht 1987“: „Ein Großteil des in Osterreich anfallenden Sondermülls wird in dafür unzureichend ausgestatteten oder gar nicht geeigneten Müllbehandlungsanlagen entsorgt.“

Ähnliches stellt auch Monika

Langthaler, Müll-Expertin des Ökologieinstitutes in Wien, fest: „Es gibt in Österreich zwar keine Sondermülldeponie, wohl aber eine große Menge Sonderabfall. Dieser muß wohl oder übel irgendwohin wandern. Meist sind es wenig oder gar nicht geeignete Lehm- oder Schottergruben auf betriebseigenen Grundstücken.“

Industrie und Gewerbe sind nämlich (im Gegensatz zu den privaten Haushalten) nicht verpflichtet, ihre Abfälle der Müllabfuhr bzw. einer entsprechenden Einrichtung zu übergeben. Es besteht kein Anschlußzwang.

So ist es zwar erfreulich, daß Österreich mit dem Sonderabfallgesetz wenigstens über eine Norm verfügt, die klarstellt, welche Produkte einer besonderen Uber-wachung und Entsorgung bedürften, diesen Regelungen müßten aber endlich Taten folgen.

Datenbank für den Müll

Jetzt wurde das Gesetz sogar novelliert und die Vollziehungskompetenzen der Behörden wesentlich erweitert: In Zukunft kommt dem Umweltminister Kontrollbefugnis bei der Ein-, Aus- und Durchfuhr von Sonderabfällen zu.

Ein eigenes System von Begleitscheinen regelt den Transport von Sonderabfällen. Weiters wird das Umweltministerium ermächtigt, nach entsprechenden Untersuchungen geeignete Standorte für Sondermülldeponien auszuweisen. Die Anlage solcher Deponien muß dem jeweils neuesten Stand der Technik entsprechen.

Schließlich ist die Einrichtung eines Datenverbunds vorgesehen, der eine bundesweite Erfassung dieser Abfälle ermöglichen soll, damit in Zukunft der derzeit noch florierende Sondermülltourismus unterbunden werden kann.

Soweit Abfallprobleme die Industrie und das Gewerbe betreffen, ist zu ihrer Regelung der Bund zuständig. In allen übrigen Fragen hingegen ist Landeskompetenz gegeben (im wesentlichen für den Haus- und Sperrmüll). Dieses Kompetenz-Wirrwarr ist problematisch und öffnet Schlupflöcher für solche, die sich in der Materie auskennen.

So können wir also beobachten, daß sich zwar in den achtziger Jahren ein Problembewußtsein in Sachen Müll eingestellt hat, das auch legistische Maßnahmen zur Folge gehabt hat, auch auf Landesebene (das Nö-Abfallwirt-schaftsgesetz zum Beispiel).

Auch die Wissenschaft hat sich in den letzten Jahren vermehrt dieses Themas angenommen. So gibt es heute recht klare Vorstellungen darüber, wie man das Problem der Deponierung technisch lösen könnte, welchen Standards da zu entsprechen wäre (siehe S. 13).

Doch so erfreulich all das ist, so sehr muß man leider doch registrieren, daß zwischen dieser guten Theorie und der gängigen Praxis enorme Lücken klaffen.

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