Plastikflut - Mindestens neun Millionen Tonnen Plastik landen pro Jahr in den Ozeanen (Plastikmüll aus der Unterwasser- Perspektive). - © iStock / Magnus Larsson

Plastik, Plutonium und Ozonloch

1945 1960 1980 2000 2020

Der Schutz der Ozonschicht war erfolgreich, auch die globale Plastikkrise ist leicht lösbar. Ein wirklich drängendes Umweltproblem ist jedoch kaum präsent: die Verseuchung durch Altlasten, die tatsächlich zum Fürchten sind.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Schutz der Ozonschicht war erfolgreich, auch die globale Plastikkrise ist leicht lösbar. Ein wirklich drängendes Umweltproblem ist jedoch kaum präsent: die Verseuchung durch Altlasten, die tatsächlich zum Fürchten sind.

Dreißig Jahre sind vergangen, seit das Montrealer Abkommen über Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen, 1989 in Kraft getreten ist: Zeit, um zu fragen, was wir daraus lernen können. Dieser allgemein als erfolgreich gefeierte internationale Vertrag war der erste, der in seiner Architektur vorsah, neue wissenschaftliche Ergebnisse einzubeziehen. Eine Art selbstlernendes Rahmenwerk sollte entstehen.

Dreißig Jahre sind vergangen, seit das Montrealer Abkommen über Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen, 1989 in Kraft getreten ist: Zeit, um zu fragen, was wir daraus lernen können. Dieser allgemein als erfolgreich gefeierte internationale Vertrag war der erste, der in seiner Architektur vorsah, neue wissenschaftliche Ergebnisse einzubeziehen. Eine Art selbstlernendes Rahmenwerk sollte entstehen.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Sein Erfolg allerdings beruht auch darauf, dass für die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs), die als Kühlmittel, Treibgase für Spraydosen und in vielen anderen technischen Anwendungen verbreitet waren, relativ einfach Ersatzchemikalien und Ersatzprozesse entwickelt werden konnten. Doch es stellte sich heraus, dass eine beliebte Klasse von Ersatzstoffen – nämlich die Fluorkohlenwasserstoffe (HFKW) – zwar die Ozonschicht, die uns vor UV-Licht schützt, nicht angreift, dafür aber als potente Treibhausgase eine unerwünschte Nebenwirkung entfaltet. Somit wurde deutlich, dass auch auf die Nebenwirkungen von Ersatzstoffen geachtet werden muss.

Chemikalien des Anthropozän

Doch das Abkommen ist ja lernfähig: Das Zusatzabkommen von Kigali schuf 2016 den Rahmen; Österreich unterzeichnete letzten September das Protokoll, das mit 69 Signatarstaaten seit Anfang diesen Jahres in Kraft ist und den Ausstieg aus H-FKW regelt. Ein schöner Erfolg – zugleich auch ein Lehrstück dafür, welch hohe Anforderungen an die internationale Verhandlungskultur und an internationales Recht die synthetischen Chemikalien stellen, die das Anthropozän bzw. „Menschenzeitalter“ charakterisieren.

Nun soll es dem Plastik an den Kragen gehen. Mindestens neun Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr in den Ozeanen: ein kleiner Teil der jährlichen Produktion von circa 300 Millionen Tonnen, aber allemal zu viel für die marinen Ökosysteme. 2010 gelangten aus küstennahen Siedlungen zwischen fünf und 13 Millionen Tonnen in die Ozeane. Alle Flüsse zusammen kommen auf zusätzlich etwa 1,2 bis 2,4 Millionen Tonnen Plastik. Nur 20 Flüsse der Welt sind für zwei Drittel der Verschmutzung verantwortlich, darunter große asiatische Flüsse wie der Jangtse, der Ganges und der Mekong. Dazu kommen der Amazonas und die nigerianischen Flüsse Cross, Imo und Kwa Ibo.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt das Plastikproblem lösen kann, ist hoch. Denn es gibt Ersatzprodukte, von Bananenblättern über Papier bis zu mehrfach wiederverwendbaren Gebinden wie dem guten, alten Einkaufskorb. Diese Ersatzprodukte können aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt werden und damit die Bio-Ökonomie mit einem weiteren profitablen Betätigungsfeld stärken. Die Verschmutzer sind die endverbrauchenden Konsumenten, nicht die Industrie. Da lohnen sich ImageKampagnen: Grünes Kleingeld ist abzuholen; das lassen sich Unternehmen nicht entgehen, gerade wenn damit auch noch Geld gespart werden kann.

Ersatzprodukte zum Plastik können aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt werden und damit die Bio-Ökonomie mit einem weiteren profitablen Betätigungsfeld stärken.

Das Plastikproblem verursacht Kosten, etwa in der internationalen Fischerei-Industrie – deren verlorene Netze allerdings ein Teil des Problems sind. Es braucht kaum neue Technologie, um die Plastikverschmutzung zu verringern: Müllverbrennung und geordnete Deponien sind lange bekannt. Es ist kein Zufall, dass unter den schmutzigen Flüssen kein einziger aus dem globalen Norden zu finden ist. Das Problem ist leicht lösbar und vielerorts schon gelöst. Alle werden sich freuen, der Effekt auf Meereslebewesen wird groß sein. Doch Plastik ist nicht das drängendste Umweltproblem.

Umgang mit „Ewigkeitslasten“

Im Vergleich zum Montrealer Protokoll sind die internationalen Verträge zur Eindämmung der Treibhausgase zahnlos und unwirksam. Hier geht es nämlich nicht um einen relativ einfachen Ersatz, sondern um die Grundlage der heutigen Welt. Fossile Energie ist der Treibstoff nicht nur für Fahrzeuge, sondern die Basis der modernen Welt. Ebenso wenig gelöst ist das Problem der gefährlichen Altlasten. Wohl sind einzelne, wie der ehemalige Uranbergbau in Thüringen und Sachsen, saniert.

Doch Tausende und Abertausende radioaktive Abraumhalden, Teiche voller hochgiftiger Schlämme, plutoniumverseuchte Testgelände, Bergwerksschächte voller Schwermetalle warten noch darauf, saniert zu werden. Es geht nicht nur um die fehlenden „Endlager“, es geht um den gesellschaftlichen Umgang mit „Ewigkeitslasten“. Dieses Problem ist in der Öffentlichkeit kaum präsent. Dabei wissen wir nicht einmal, wie wir Zeichen herstellen könnten, die 50.000 Jahre und länger zuverlässig vor den Gefahren warnen. Kurz gesagt: Die Altlasten sind zum Fürchten. Vielleicht wollen wir deshalb lieber das „Sackerl- problem“ angehen?

Die Autorin ist Umwelthistorikerin und Professorin am Institut für Soziale Ökologie der Univ. für Bodenkultur Wien

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

FURCHE-Navigator Vorschau