Schwarze Löcher in Südafrika

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Südafrika verfügt über große Teile weltweiter Kohlereserven. Doch der Abbau zeitigt schwere gesundheitliche Folgen. Und auch ökonomisch täte Umorientierung not.

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Südafrika verfügt über große Teile weltweiter Kohlereserven. Doch der Abbau zeitigt schwere gesundheitliche Folgen. Und auch ökonomisch täte Umorientierung not.

In Vanderbijlpark, rund 100 Kilometer südlich der südafrikanischen Metropole Johannesburg, steht ein gigantischer Komplex mit rauchenden Schloten, dessen umzäuntes Gelände von bewaffneten Sicherheitsmännern bewacht wird. Vor dem Tor parken Lkws, beladen mit der Kohle, die hier verheizt wird. Gleich dahinter liegen Felder. Samson Mokoena, der Koordinator der Umweltorganisation VEJA, steckt ein etwa vier Meter langes Plastikrohr in die Öffnung eines Brunnens.

VEJA steht für Vaal Environmental Justice Alliance, also Allianz für Umweltgerechtigkeit der Provinz Vaal. Die hat vor drei Jahren in einem bahnbrechenden höchstgerichtlichen Urteil erwirkt, dass der indische Arcelor Stahlkonzern, der dort produziert, das in seinem Auftrag erstellte Umweltverträglichkeitsgutachten offenlegen musste. In der Folge musste der Konzern Bauern entschädigen, deren Brunnen durch die belasteten Abwässer der Fabrik verseucht wurden. Mokoena zieht das Rohr aus dem Brunnen und fördert stinkenden Schlick zutage: "Der Teer aus der Fabrik wurde hier abgeladen. Und die Menschen, die hier lebten und Wasser aus dem Brunnen pumpten, förderten Teer. Viele erkrankten an Krebs."

Rauchende Schlote, tiefe Krater

Samson Mokoena hat einen Ausflug organisiert, den er Toxic Tour nennt, also die Gift-Tour. Denn im Umkreis von wenigen Kilometern befinden sich hier in der Provinz Vaal Dutzende Kohlegruben, Kohlekraftwerke sowie Stahl-und Chemiefabriken. Darunter der Komplex des Unternehmens Sasol, nach dem die daneben liegende Stadt Sasolburg benannt ist. Rauchende Schlote, wie aus der Kinderzeit der Industrialisierung, gehören hier ebenso zum Landschaftsbild wie tiefe Krater aktiver und bereits stillgelegter Bergwerke. Ständig rauschen voll beladene Kohlelaster über die Landstraße. Im Hintergrund kann man immer wieder dicke schwarze Wolken sehen, die aufsteigen, wenn in einer Grube gesprengt wird. Sie lösen sich schnell auf, wenn der Wind die Partikel in der ganzen Gegend und über die Dörfer verteilt.

"Wir sind an die Unternehmen herangetreten, dass sie die Gemeinden durch Staubfilter schützen. Aber es wird nichts getan", sagt Samson Mokoena. Die Regierung hat diese Gegend inzwischen als Gebiet höchster Priorität eingestuft, weil die Luftverschmutzung so stark ist. Außerdem gab sie eine Gesundheitsstudie in Auftrag, bei der vor allem Kinder von fünf bis 16 Jahren untersucht werden. In den Kliniken müssen viele Leute behandelt werden, die an Erkrankungen der Atemwege leiden, vor allem Kinder und alte Leute.

Insgesamt schlummern unter Südafrikas Boden noch geschätzte 30 Milliarden Tonnen Kohle. Das Land verfügt über 3,5 Prozent der weltweiten Kohlereserven. Jährlich werden 3,3 Prozent der Weltproduktion hier gefördert. Südafrika trägt sechs Prozent der Weltkohleexporte bei und liegt an siebter Stelle der kohleexportierenden Länder. Während im Platinabbau derzeit Verluste geschrieben werden, ist Kohle noch rentabel. Nicht zuletzt, weil der staatliche Energieversorger Eskom ein sicherer Abnehmer ist. 90 Prozent der Energie des Landes werden aus Kohlekraftwerken gewonnen.

Mit entsprechenden Folgen für Umwelt und Volksgesundheit. Denn die gesetzlich vorgeschriebene Konsultation mit den betroffenen Gemeinden wird meist nicht eingehalten, wie Sylvia Sebina erzählt: "Bevor das Medupi-Kraftwerk in Betrieb ging, hätte die Gemeinschaft befragt werden müssen. Aber das haben sie unterlassen. Sie haben sogar den Friedhof umgegraben, ohne uns zu fragen. Für uns ist die Kommunikation mit unseren Vorfahren aber von großer Bedeutung." Sylvia Sebina ist 1999 als Studentin in den Bergbauort Lephalale gekommen, um sich als Elektroingenieurin ausbilden zu lassen. Damals dachte sie noch, die Kohleminen würden Fortschritt bringen. Bis eine Tante starb und die heute 34-Jährige in ihrer eigenen Familie erkannte, welche Probleme mit dem Tagebau einhergehen.

Der Bergbau gefährde nicht nur die Gesundheit, er spalte auch die Dorfgemeinschaften, sagt Sebina: "Einige im Dorf sind jobhungrig, wenn ich das so ausdrücken darf. Wenn das Unternehmen kommt, verspricht es Arbeit. Aber niemand bekommt die Jobs." Die meisten Posten würden von Chinesen besetzt. "Wenn sich einer aus dem Dorf bewirbt, heißt es, er hat keine Ausbildung. Oder er wird abgewiesen, weil seine Lunge kaputt ist durch die Luftverschmutzung. Wir sind also gespalten, weil einige noch immer hoffen, dass sie Arbeit finden."

Steigende Gewalt-und HIV-Rate

Die Krankheiten, die der Kohlestaub hervorruft, sind also zum Teil die Ursache, dass die Menschen aus dem Dorf in der Mine oder im Kraftwerk keine Arbeit finden. Gleichzeitig kommen Arbeitsuchende aus anderen Regionen oder aus Nachbarländern wie Zimbabwe und Mosambik. Das schüre die Fremdenfeindlichkeit, wie Sylvia Sebina beklagt. Die HIV-Rate gehe in die Höhe und die Gewalt in der Gemeinde nehme zu.

Unabhängige Studien verschiedener Universitäten, auch in den USA, bestätigen, was die Frauen in den Dörfern beobachtet haben: Im Umkreis von Bergwerken steigt die Häufigkeit von Asthma, Silikose und Tuberkulose signifikant an. Dazu kommen Hautausschläge. Die Konzentration von mineralischem Staub in der Atemluft übersteigt die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als akzeptabel angenommenen Werte.

Die Boom-Jahre in Südafrika sind indessen längst vorbei. Auch und vor allem der Bergbau befindet sich in einer Krise. 1980 trug er noch ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Heute sind es gerade noch fünf Prozent. Die meisten Minen sind alt und haben den Höhepunkt ihrer Produktivität längst überschritten. In manchen Stollen übersteigen die Kosten bereits die Einnahmen. In den letzten fünf Jahren sind 70.000 Jobs abgebaut worden. Weitere Entlassungen stehen bevor, was auch der zunehmenden Mechanisierung geschuldet ist.

Auf Klimawandel eingehen

Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen den Kopf zerbrechen, wie man die Abhängigkeit vom Bergbau reduzieren und dem Land gleichzeitig beim Erreichen der Klimaziele helfen kann. Im Jahre 2011 schlossen sich Gewerkschaften, soziale Bewegungen, Volksorganisationen und NGOs zusammen, um die Kampagne "One Million Climate Jobs", also "Eine Million Klimajobs", zu lancieren. "Der Klimawandel", so heißt es im Vorwort der Erklärung, "wird die Ungleichheit und Armut verschärfen, weil er den Zugang zu Nahrung, Wasser, Energie und Wohnraum vermindert. Deswegen ist es von vitaler Bedeutung, dass soziale Kämpfe um diese Rechte auch auf den Klimawandel eingehen."

Diese Kampagne wird in Österreich von der Dreikönigsaktion unterstützt, deren anwaltschaftliche Tätigkeit sich in Südafrika auf die Themen Bergbau und Klima konzentriert. Interviews mit Bergarbeitern zeigen allerdings hohe Skepsis. Die meisten können sich ein Umsatteln auf Jobs in klimagerechten Bereichen nicht vorstellen, weil die Arbeit im Bergwerk einfach besser bezahlt sei.

Ohne zunehmenden Druck der Basis dürfte ein Umdenken kaum zu erreichen sein. Präsident Cyril Ramaphosa sieht sich dem Wirtschaftsprogramm seiner Vorgänger verpflichtet, das auf Wachstum und Entwicklung durch Ressourcenausbeutung setzt. Im jüngsten Energiestrategieplan heißt es, dass 77 Prozent des Energiebedarfs aus Kohle gedeckt werde. Daran würde sich auch in den kommenden zwei Jahrzehnten nichts ändern. Man setzt mehr auf den Ausbau der Atomenergie als auf das reichliche Potenzial von Wind und Sonne. Aber es ist damit zu rechnen, dass angesichts der sozialen und gesundheitlichen Kosten der Kohleverstromung gemeinsam mit den spürbaren Folgen des fortschreitenden Klimawandels und dem natürlichen Niedergang des Bergbaus immer mehr Menschen ihre Stimme erheben.

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