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Gespenst Kohlennot

Der Brennstoffmangel im Europa der Nachkriegszeit führte zu unermeßlichen menschlichen Katastrophen und legte große Teile der Industrie lahm.

Nun sind wir in Europa, bis hinein nach Rußland, aber auch in den USA, neuerlich in einer Periode der „Kohlennot". Freilich ist diese Not von anderer Art als die von 1945. Damals war es ein Nachfrageüberhang, jetzt liegt das Anbot erheblich über der Nachfrage.

Die Entwicklung der Weltwirtschaft, ein fast ungebrochener Aufstieg, ist nicht in allen Teilen gleichmäßig. Einerseits besteht ein merkbarer. Mangel an Arbeitskräften und an Rohstoffen, anderseits aber gibt es sich stetig vergrößernde Halden, wie in Teilen der Textilwirtschaft und vor allem bei der Kohle. Die Absatzkrise bei der Kohle dauert nun an die vier Jahre, ist also eine typische Dauer- und gleichzeitig auch Strukturkrise.

In der Bundesrepublik waren Ende Juni d. J. 17 Millionen Tonnen Kohle auf Lager. Auch in Oesterreich liegen bei den Gruben 400.000 Tonnen auf Vorrat. Dabei steigt die Produktivität der Kohlenförderung, während anderseits die Zahl der Beschäftigten verringert wird, so .in der Bundesrepublik von 326.000 zum Jahresende 1958 auf 317.000 im April 1959. Im Bereich der Montanunion ist die Arbeiterzahl im gleichen Zeitraum von 671.000 auf 628.000 abgesunken.

Am ärgsten wirkt sich die Krise in B e 1 g i e n aus, das Ende April 1959 7,5 Millionen Tonnen Kohle auf den Halden hatte und seine Belegschaft in den Kohlenbergwerken von 109.000 im Jahre 1957 auf 96.000 im April dieses Jahres verringern mußte.

In England sollen in den nächsten sechs Jahren 240 Gruben geschlossen werden, 10.000 Bergarbeiter wurden bereits gekündigt. Dabei beträgt das Defizit der englischen Kohlengruben seit der Nationalisierung, insgesamt etwa zwei Milliarden Schilling.

In der Sowjetunion ist die Förderung seit dem Vorjahr um sieben Prozent angestiegen, trotz Absatzmangel. Im Donezbecken allein liegen etwa 18 Millionen Tonnen Kohle auf Lager. Die wöchentliche Arbeitszeit der ‘Arbeiter in den Kohlenbergwerken mußte auf 30 Stunden herabgesetzt werden.

Die internationale Kohlennot wird noch dadurch verschärft, daß China seine Kohlenerzeugung von 131 Millionen im Jahre 1957 auf 270 Millionen Tonnen im Jahre 1958 steigern konnte und eine Jahresgewinnung von 400 Millionen Tonnen erreichen will.

Was sind die Ursachen dieser Entwicklung?

Die Kohle, bisher nach dem Holz der klassische Brennstoff, das Ausgangsmaterial der Dampfgewinnung und damit ein Faktor der ersten industriellen Revolution, wird durch billigere, „gewichtslose“ und minderwertigere Brennstoffe und Energieträger abgelöst: Elektrizität. Heizöl und Erdgas. Der Anteil der Kohle am gesamten Energieverbrauch in den USA beträgt nur noch 23' Prozent.

Im ersten Halbjahr 1959 wurden in Oesterreich 567.000 Tonnen Heizöl verbraucht, gegenüber 491.000 Tonnen im Vergleichszeitraum 195 8. Davon kamen aus dem Ausland 364.000 Tonnen (Vorjahr 157.000). Der Heizölverbrauch in der Bundesrepublik betrug 1958 etwa 7,5 Millionen Tonnen. Für 1959 wird ein Verbrauch von 10 Millionen Tonnen erwartet. Seit 1956 verdrängte das Heizöl ungefähr zwölf Millionen Tonnen Kohle vom deutschen Brennstoffmarkt, das sind ungefähr elf Prozent der deutschen Steinkohlenförderung. Anderseits ist die Bundesrepublik in der Verwendung von Heizöl noch weit hinter anderen Ländern zurück. Frankreich verbraucht je Kopf der Bevölkerung das Doppelte an Heizöl.

Neben Heizöl schiebt sich nun das Erdgas als neuer Brennstoff in den Vordergrund. Frankreich glaubt, mit dem in der Sahara gewonnenen Erdgas die Länder der Europäischen Gemein- . schäft beliefern zu können. Das Interesse Frankreichs an der deutschen Kohle, das unter anderem zur Gründung der Montanunion geführt hatte, ist völlig geschwunden.

Neben dem teilweisen Ersatz der Kohle durch andere Brennstoffe spielt auch noch der relative Förderungsanstieg eine erhebliche Rolle, eine Folge organisatorischer und maschineller Rationalisierungen und einer Schließung der nicht mehr rentablen Gruben. Nach einem Bericht der Hohen Behörde (3. Jahresbericht des Assoziationsrates) war die Förderung im Produktionsgebiet der Hohen Behörde im Jahre 195 8 nur um 1,5 Millionen Tonnen geringer als im Vorjahr, obwohl in der Zwischenzeit 32.000 Bergarbeiter gekündigt worden waren. Stiegen die Schichtleistungen in den Jahren 1952 bis 1957 um 22 Kilogramm je Jahr, so betrug der Förderungsanstieg im Jahre 195 8 nicht weniger als 57 Kilogramm.

Da einzelne Bergwerksgesellschaften auch zugleich im Erdöl engagiert sind, besitzen sie nicht die erforderliche Entscheidungsfreiheit, um den Kohlenabsatz zu fördern. Dazu kommt, etwa für die Bundesrepublik, der ausländische Anbotsdruck. Ehedem waren die Kosten des Kohlentransportes über den Atlantik ein natürlicher Filter, der das Eindringen der Kohle aus den USA erschwerte. Durch die Verbilligung der Transportkosten und die Reduktion der Kosten der Kohlenförderung in den USA ist es der von dort kommenden Kohle relativ leicht gelungen, die deutsche Kohle im eigenen Land zu konkurrenzieren. Dazu kommt jetzt noch die Kohle aus der Sowjetunion, deren Preise oft jenseits der kaufmännischen Kalkulationen erstellt sind und leicht einen Konkurrenten, der die Selbstkostengrenze beachten muß, ausschalten können. Die Eigentümer der deutschen Kohlengruben waren daher gezwungen, bedeutende Mittel aufzubringen, um die deutschen Abnahmeverpflichtungen in Kohle abzulösen. Das heißt: Lieber Pönalien als ruinöser Wettbewerb.

Zu allem kommt noch der relativ warme Winter in den letzten Jahren. Wo im Haushalt noch mit den konventionellen Brennstoffen ge heizt wurde, vermochte es die Hausfrau, das Kohlenbudget erheblich herabzusetzen.

So drohen nun in allen Ländern, in denen die Gewinnung der Kohle eine bedeutende Rolle spielt, Massenarbeitslosigkeit unter den Bergarbeitern, zumindest aber Feierschichten. Die deutschen Bergarbeiter sind marschiert. Nicht, weil der „Osten" es so gewollt.

Das Organ des Industriellenbundes („Die Industrie" vom 28. August) nimmt in einer bemerkenswerten Offenheit und Nüchternheit zu den Vorgängen an der Ruhr Stellung und versagt es sich, die Konflikte als eine Sache kommunistischer Fernlenkung zu bezeichnen. Eher ist, nach Ansicht der „Industrie“, das, was heute an der Ruhr geschieht, Ausdruck einer allgemeinen Sehnsucht nach Sicherheit. Dazu kommt noch die massenpsychologische Situation. Der deutsche Bergarbeiter hat bisher gut verdient. Nicht nur sein Posten, irgendein Posten, ist in Gefahr, sondern ein Einkommen, das in einem anderen Beruf nicht leicht erreicht wird. Die Forderung nach Verstaatlichung ist dagegen ein Politikum. Eine Nationalisierung der deutschen Kohlengruben könnte manche Fehlrationalisierungen und falsche Dispositionen lediglich durch andere Fehlleitungen ablösen. Mehr nicht.

Im Ruhrgebiet wurden 93 Prozent der deutschen Kohle gefördert. Die Landschaft ist weithin zu einer „K o h 1 e n 1 a n d s c h a f t“ geworden. In seinen Menschen, in seiner kulturellen und sozialen Struktur wie in seiner Geschichte ist das Ruhrgebiet durch die Kohlenförderung geformt worden. Der Zusammenbruch der Kohlenwirtschaft könnte daher für das Ruhrgebiet mehr sein als eine ökonomische Sache.

Diesmal ist die-Lage an der Ruhr nicht mit jener von 1931 vergleichbar. Damals war die Krise eine Konjunkturkrise und konnte mit Beendigung der Depression beseitigt werden. Diesmal handelt es sich aber um eine strukturelle Erscheinung, eine, völlige Wandlung ohne Wiederkehr früherer Zustände. Das bedeutet, daß viele der Bergarbeiter, die nun gekündigt werden, nie mehr auf ihren Posten zurückkehren können, es sei denn, man findet für die Kohle völlig andere als die konventionellen Verwendungen. .

Wozu führt nun wahrscheinlich die „Disqualifizierung“ der Kohle als Brennstoff? 1„ Zu einer oben angedeuteten U m s c h i c h t;u ng_ in der betroffenen Arbeitswert. Die Bergarbeiter, durch Eigenheime oft an ihr Revier gebunden, müssen nicht nur den Beruf, sondern auch die Wohnstätte, das vertraute Milieu, wechseln. In den USA war in den letzten Jahren jeder fünfte im Kohlenbergbau beschäftigte Arbeiter gezwungen, sich einen anderen Beruf zu suchen.

2. Entsteht eine „industrielle Reservearmee“ der alten Bergarbeiter, die nicht mehr in ein anderes Arbeitsmilieu hinüberwechseln können. Die Jungen werden, eine Folge der Verknappung des Anbotes an Arbeitskraft, unschwer in anderen, wenn auch nicht gleich gut bezahlten Berufen ein Unterkommen finden. Im Jahre 1958 mußten jedenfalls 19.000 deutsche Bergarbeiter aus ihrem Beruf scheiden: im laufenden Jahr waren es schon bisher 16.500. Kein Wunder, daß sich wenige junge Menschen finden, die gewillt sind, den Beruf eines Bergmannes zu ergreifen. Es sind so wenige, daß die Unternehmer Sorge haben, den trotz Reduktion der Belegschaften erforderlichen Nachwuchs zu gewinnen.

3. Was im Bergbau bleibt, muß im Ueber- gang mit Lohnkürzungen rechnen. In 130 großen Gruben des Rheinlandes gab es 1958 nicht weniger als 971 Feierschichten; im ersten Halbjahr 1959 sogar 932. Seit Beginn der Einführung der Feierschichten im Kohlenbergbau erlitt die Arbeiterschaft Lohnausfälle in der Höhe von ungefähr 700 Millionen Schilling, während anderseits als Folge der Kurzarbeit 3,8 Millionen Tonnen weniger gefördert wurden.

4. Eine Reduktion der Herstellkosten in einem Ausmaß, das die Kohle wirtschaftlich mit den anderen Energieträgern wieder konkurrenzfähig macht, ist schwer möglich. Die Kohle wird in einem arbeitsintensiven Verfahren gewonnen. Die entscheidenden Kosten werden weiterhin die kaum zu kürzenden Löhne sein.

5. Da von der Kostenseite keine erheblichen Aenderungen der Rentabilitätslage zu erwarten sind, versucht man es mit einem „Gesundschrumpfen , mit der Stillegung jener Zechen, die nicht mehr gewinnbringend betrieben werden können

6. In der Bundesrepublik hat man sich bemüht, durch einen Zoll auf die Importkohle (20 DM je Tonne) und durch die Errichtung eines K o h 1 e - O e I - K a r t e 11 s mit Festlegung von Mindestpreisen für das Oel und Beschränkung in der Kundenwerbung die Lage des

Kohlenbergbaues für eine kurze Zeit zu erleichtern.

, In Oesterreich spielt die Kohle im Bergbau eine relativ untergeordnete Rolle, was wir 1945 bedauert haben, heute aber begrüßen müssen. Trotzdem haben wir auch Absatzsorgen. Käme es zu einer bundeseinheitlichen Regelung des Brennstoffmarktes, wären freilich manche Folgen der internationalen Absatzkrise bei der Kohle für Oesterreich zu begrenzen. So aber, führt man beispielsweise Erdgas in die Steiermark, während man in der Steiermark wieder bemüht ist, die dort gewonnene Kohle auch in jenen Bereichen zu veräußern, in denen das Erdgas gewonnen wird, statt sie am Ort der Gewinnung in thermische Energie zu verwandeln. Nichts gegen den „etatistischen Wettbewerb“! Im Fall Kohle-Erdgas hat man aber die notwendige Abstimmung der Interessen vermissen müssen.

Nun zeichnen sich auch schon in der internationalen Politik die Folgen der Kohlenkrise ab:

Der seit Beginn der Textilkrise merkbare Abbau des Interesses an der Fortführung der Integrationsmaßnahmen hat infolge des Wachsens der Kohlenhalden zu Spannungen zwischen einem reaktivierten Autarkiestreben und den Gedanken der Handelsfreiheit geführt. Diese ist als praktikable Idee wieder in Frage gestellt. Dabei gehen die Auseinandersetzungen quer durch die Klassenfronten. Die allzu rasche, nach Ter minkalendern der internationalen Bürokratie geführte Integrierung zeigt jetzt offen ihre bisher wegdiskutierten Nachteile. Man kann eben den Faktor „Zeit" nicht völlig vernachlässigen. Die Beschäftigungsprobleme sind jedenfalls nicht in einer „elastischen Art und Weise“ geregelt worden, wie dies die Hohe Behörde empfiehlt (s. Bericht Nr. 2226). Die durch die Umstellung betroffenen Industriezweige haben oft nicht ausreichend Zeit zur Anpassung. Vor der Gültigkeit bürokratischer Terminkalender steht die Gültigkeit ökonomischer Gesetze und stehen elementare soziale Grundsatzforderungen. Schließlich soll auch die Integration dem Menschen und nicht etwa internationalen Managergremien dienen.

Die Situation ist auch deswegen ernst, weil Frankreich seit der Uebernahme der Führung durch den Nur-Politiker de Gaulle weithin unnachgiebig geworden ist. Jedenfalls wird von Frankreich eine Revision des Vertrages über die Montanunion verlangt.

Die Ereignisse um die Kohle zeigen, daß man nicht gleichzeitig liberalisieren und, wenn es dem eigenen Land zu nützen scheint, das protektionistische Konzept hervorholen kann. Marktwirtschaft und Dirigismus sind unvereinbar, es sei denn, man will die Groteske einer „dirigistischen Marktwirtschaft“ in die Welt setzen. Die Kohlenabsatzsorge zeigt jedenfalls eine Krise an, die viel weiter reicht und geeignet ist, verschiedene Träumer endlich zur Besinnung zu bringen.

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