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Es gibt gar keine Energie-Alternativen

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Wir haben gar keine Wahl zwischen alten und neuen, „harten“ und „weichen" Technologien, um den Weltenergiebedarf in den nächsten 50 Jahren zu decken. Das ist das Fazit einer jüngst vom Internationalen Institut für A ngewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg präsentierten Studie.

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Wir haben gar keine Wahl zwischen alten und neuen, „harten“ und „weichen" Technologien, um den Weltenergiebedarf in den nächsten 50 Jahren zu decken. Das ist das Fazit einer jüngst vom Internationalen Institut für A ngewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg präsentierten Studie.

Die Laxenburger Forschungseinrichtung, wegen der dort möglichen Zusammenarbeit von Wissenschaftern aus Ost und West, Nord und Süd, einmalig auf der Welt, wurde im Oktober 1972 gegründet. Am Energieprogramm, dessen Resultate nun in der Studie „Energy in a Finite World“ (Energie in einer endlichen Welt) zusammengefaßt sind, haben mehr als 140 Wissenschafter aus 20 Ländern mitgewirkt. Das Projekt leitete Prof. Wolf Häfele aus der Bundesrepublik Deutschland.

Nach Häfeles Meinung sind die Energieprobleme auf unserem Planeten in den nächsten Jahrzehnten lösbar, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen (von Kriegen und anderen Weltkatastrophen abgesehen):

Es muß weltweit international eng zusammengearbeitet werden, und es 1 2 3 4 5 6 7 8

müssalle verfügbaren Energiequellen genutzt werden. Ein einseitiges Setzen auf bestimmte Energiequellen, sei es Kernspaltung, Sonne, Kohle oder öl, reicht nach Ansicht Häfeles nicht aus. Nur mit allen Energieformen zusammen und vor allem mit vermehrtem Energiesparen wird es möglich sein, einigermaßen über die Runden zu kommen.

Die IIASA-Studie ist bewußt auf insgesamt 50 Jahre in die Zukunft gerichtet und wird von den Verfassern nicht als Vorhersage, sondern als Konzept verstanden. Dieses Konzept hat nun vor allem das Bevölkerungswachstum, das Wirtschaftswachstum, den technologischen Fortschritt und Strukturveränderungen in der Wirtschaft zu berücksichtigen. Da diese Entwicklungen nicht überall gleich verlaufen, wurde für die Studie die Erde in sieben Regionen eingeteilt:

I. Nordamerika (Angloamerika)

II. Sowjetunion und Osteuropa

III. Westeuropa, Japan, Australien, Neuseeland, Südafrika und Israel

IV. Lateinamerika

V. Afrika (ohne Nordafrika und Südafrika) und Süd- bzw. Südostasien.

VI. Der mittlere Osten und Nordafrika (die Ölstaaten)

VII. China und andere asiatische Länder mit zentraler Planwirtschaft

Zum Hauptproblem dürfte dabei das vorhersehbare gewaltige Wachsen der Weltbevölkerung, vor allem in einigen unterentwickelten Regionen, bis zum Jahr 2030 werden. (Tabelle 1)

Parallel dazu dürfte das Wirtschaftswachstum stark zurückgehen. Betrug es bis Mitte der siebziger Jahre weltweit noch fünf Prozent pro Jahr, erwarten die IIASA-Experten bis zum dritten Jahrzehnt des nächsten Jahrtausends nach dem höheren Szenario nur mehr 2,7, nach dem niedrigeren sogar nur mehr 1,7 Prozent Wachstum pro Jahr.

Wobei das Wachstum in den hoch entwickelten Regionen I und III dann nur mehr ein bis zwei Prozent pro Jahr betragen dürfte, in den anderen Regionen rund das Doppelte. Für die nächsten Jahrzehnte ist das stärkste Wachstum in der Ölregion (VI) zu erwarten.

Um diese Wirtschaftswachstumsraten angesichts der Verdoppelung der Weltbevölkerung auf acht Milliarden Menschen erreichen zu können, wird es jedenfalls aller verfügbaren Energiequellen bedürfen. Weder Kosten noch Mühen noch Schmutz(l), wie Prof. Häfele betonte, werden zu scheuen sein. Man wird in entlegenen Polargegenden und Erd- und Meerestiefen ebenso nach Erdöl und Erdgas uchen wie kleinste Gewässer und Wasserkraftgewinnung nützen müssen.

Unter großem Kapital- und Zeitaufwand und mit enger internationaler Kooperation könnte dann. der geschätzte Pro-Kopf-Energieverbrauch des Jahres 2030 gedeckt werden. (Tabelle 2)

Überraschung dabei: Bei Ausnützung aller Möglichkeiten bleiben voraussichtlich nur zwei Regionen übrig, die Energie importieren müssen: die Region III und die ärmste aller Regionen, die Region V. Die USA dagegen (Region I) könnten zum Exporteur von Primärenergieträgern werden.

Wie weit die IIASA-Studie nun in die Praxis umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Politische Einwände, etwa seitens der „Grünen“, liegen auf der Hand, sieht doch die Studie nach wie vor Wachstum und noch dazu den Einsatz der verfemten Atomenergie vor, ohne die Häfele ein Durchkommen für unmöglich hält.

Diese Einwände bekommen dann Gewicht, wenn sich die Voraussetzungen entscheidend ändern: wenn das Bevölkerungswachstum weniger dramatisch verläuft, wenn der Pro-Kopf-Verbrauch nicht im erwarteten Ausmaß zunimmt, wenn über Nacht „sanfte"

Technologien technisch ausreifen und rentabel werden.

Die Zeit von Sonnenenergie und Kernfusion dürfte - so Häfele - erst nach 2030 kommen. Bis dahin aber werden vermutlich Kohle (mit etwa 30 Prozent), öl (rund 20 Prozent), Gas (etwa 16 Prozent) und der Schnelle Brüter (mit rund 14 Prozent) den Hauptanteil am Primärenergieaufkommen haben.

Es liegt auch an unserer Sparsamkeit, daß-die - ohnehin optimistischen - Prognosen über den Energieverbrauch noch übertroffen werden.

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