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Der Kampf um die Ressourcen

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Energie - nach wie vor Lebenselixier moderner Wirtschaften, die jedoch in großem Maß von fossilen Brennstoffen abhängig sind. Und das ist in mehrfacher Hinsicht bedrohlich ...

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Energie - nach wie vor Lebenselixier moderner Wirtschaften, die jedoch in großem Maß von fossilen Brennstoffen abhängig sind. Und das ist in mehrfacher Hinsicht bedrohlich ...

In den Jahren nach dem Krieg war ein wachsender Energieverbrauch geradezu ein Maßstab für den Fortschritt, rauchende Schlote Symbole des Fortschritts. Es war die Entdeckung der ökologischen Probleme, die insbesondere von der Verbrennung der fossilen Brennstoffe und von der Atomkraft ausgehen, die eine Neueinschätzung des Energieeinsatzes auslöste. Ab den späten siebziger Jahren verzeichnen wir gezielte Anstrengungen zur effizienteren Nutzung von Energie und zu vermehrtem Einsatz erneuerbarer Energieträger.

Das Spannungsfeld von Energie und Ökologie ist also ins Bewußtsein der Öffentlichkeit getreten. Hans Kronberger, Abgeordneter zum Europa-Parlament und Universitätslektor für Öko-Publizistik in Salzburg, lenkt in seinem neuesten Buch, "Blut für Öl" die Aufmerksamkeit jedoch auf einen nicht minder wichtigen Aspekt der Energieproblematik: Die Auseinandersetzungen um die Nutzung der fossilen Ressourcen der Welt. Es handelt sich hier um ein Geschehen, das im Wust der Alltagsmeldungen leicht aus dem Blick gerät.

Man denke nur an einige der Krisenherde unserer Zeit: An den Konflikt mit dem Irak oder an den Bürgerkrieg in Afghanistan. Dort unterstützen US-Ölkonzerne die fundamentalistischen Taliban-Rebellen, die im Land, die Scharia eingeführt haben. Der Hintergrund: die Zusage der Rebellen, eine Pipeline durch das Land bauen zu lassen und zwar von Turkmenistan, wo die drittgrößten Erdgas- und Erdölreserven der Welt erschlossen werden, bis zum Arabischen Meer.

"Hinterfragt man die täglichen Meldungen über Kriege, Massaker und militärische Aufmärsche auf ihre Energierelevanz, so erkennt man sehr schnell, daß es überall dort turbulent ist, wo es Rohstoffe gibt; und die Auseinandersetzungen werden mit aller Brutalität geführt," so Kronberger. Und: "Allein die Behandlung der Alarmsignale für künftige Auseinandersetzungen um Erdöl und Erdgas in der Kaukasusregion, am Kaspischen Meer und in Transkaukasien mit Kasachstan, Usbekistan und Turkmenien würde ein dickes Buch füllen."

Abhängig vom Erdöl Ein Zeichen für die Brisanz der Lage in diesem Bereich: Im September nahmen erstmals in der Geschichte US-Truppen an einem internationalen Militärmanöver im ehemals russischen "Hinterhof" teil. Schon im August hatten US-Streitkräfte an einem Marine-Manöver im Schwarzen Meer teilgenommen. Soweit ein Schlaglicht auf eine nur allzu gerne verdrängte Problematik: Die enorme Abhängigkeit der Industrieländer von der Versorgung mit Erdöl und Erdgas birgt eine Unzahl von Gefährdungen für die politische Stabilität in sich, vom Bürgerkrieg bis zum internationalen Konflikt.

Die letzten Jahrzehnte bieten genügend Anschauungsmaterial für die Berechtigung dieser Warnung. In "Blut für Öl" läßt Hans Kronberger die Geschichte der Krisen und kriegerischen Ereignisse und ihrer Beziehung zur Energieversorgung Revue passieren.

In beiden Weltkriegen hätte die Erdölversorgung eine beachtliche Rolle gespielt. Im Ersten Weltkrieg sei sie erstmals auch mit kriegsentscheidend gewesen. Der eigentliche Ölboom habe aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt, insbesondere mit dem Siegeszug des Straßenverkehrs.

Die Frage nach ausreichender Versorgung mit Erdöl sei zu einer der zentralen Wirtschaftsfragen in der westlichen Welt geworden. Der Vordere Orient mit seinen riesigen Lagern wurde zu einer Schlüssel- und damit auch zu einer permanenten Krisenregion, nicht zuletzt im Ost-West-Spannungsfeld: die Krise um die Persischen Ölfelder, die Verstaatlichung des Suez-Kanals 1956 (durch den ein Großteil der Tankerflotte nach Europa gelangte), der Sechs-Tage-Krieg 1967 und sechs Monate Ölknappheit, der Oktoberkrieg und die Ölkrise 1973, der Aufstieg der Mullahs und die Abdankung von Schah Reza Pahlewi 1979 und die neuerliche Erdölkrise (sie trieb den Ölpreis vorübergehend von 13 auf 34 Dollar pro Barrel in die Höhe), der Krieg zwischen Irak und Iran (er endet 1988 nach acht Jahren mit einer Patt-Stellung), der Golfkrieg 1991 ...

Daß diese Krisenanfälligkeit nicht ein regionales Spezifikum war und ist, illustriert Kronberger an den Problemen, die mit der Erdölförderung in anderen Regionen der Welt einhergehen, etwa in Afrika: in Libyen, Zaire, Angola, Nigerien und natürlich in Algerien. Überall spielten die internationalen Erdölkonzerne und die Geheimdienste der großen westlichen Länder eine höchst zweifelhafte Rolle, wenn es um die Sicherung von geschäftlichen Interessen. Kronberger faßt zusammen: "Es spricht unendlich viel für die Theorie: Der Kampf - wenn nicht gar Krieg - um Afrika befindet sich erst in seinem Anfangsstadium. Die sozialen Probleme gleichen einer hochexplosiven Bombe. Darauf deuten nicht nur die Kämpfe um die Erdölgebiete südlich der Sahara, die Bürgerkriege in den zentralafrikanischen Staaten um die großen Seen, die Bürgerkrieg in Sudan, Liberia, Burundi, Ruanda, Guinea, Sierra Leone, sondern im besonderen Maß die in den Europa relativ nahe gelegenen Staaten Ägypten und Algerien hin." (S. 108) Friede durch Sonne Die Darstellung dieser unzähligen Krisen nimmt einen Großteil des Buches ein, das sich jedoch nicht darauf beschränkt, auf diese weiterhin bestehenden Gefahren hinzuweisen. Vielmehr schließt die Untersuchung mit einem Ausblick auf eine Alternative: "Friede durch Sonne", eine Energieversorgung für das 21. Jahrhundert, die auf erneuerbare Energieträger abstellt. Zweifellos kein leichtes Unterfangen, aber ein möglicher Weg, zu dem erste Schritte gesetzt werden können, ja sogar gesetzt werden: "Die Tatsache, daß die EU im Jahre 1997 eine Verdoppelung der Erneuerbaren Energieträger von derzeit durchschnittlich sechs Prozent auf zwölf Prozent im Jahre 2010 anstrebt, kann für den Fall der Verwirklichung dieses Planes durchaus als Weichenstellung gesehen werden," hält Kronberger fest. (S. 165) Ein Umstieg sei möglich. Bewußt angestrebt, ließe er sich Schritt für Schritt genauso realisieren, wie der Einstieg in die Nutzung fossiler Energien seit Beginn der Industrialisierung.

Leicht lesbar geschrieben ist "Blut für Öl" allerdings keine systematische Analyse der Energieproblematik. Vielmehr wirft es einige Schlaglichter auf ein zentrales Problem modernen Wirtschaftens und bietet einen Ausweg an, den viele andere Arbeiten schon vorher gewiesen haben: Mehr Sicherheit durch ein alternatives Energiesystem ist zweifellos eine wichtige Forderung. Aber wird sie sich unter den gegebenen Machtverhältnissen verwirklichen lassen?

Blut für Öl "Der Kampf um die Ressourcen" Von Hans Kronberger, Uranus Verlag, (ISBN 3-901626-08-5) 190 Seiten, mehrere Graphiken und Bilder, öS 198.

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