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AKW-Urahn U-Boot

Es läßt sich recht eindeutig rekonstruieren, warum in den USA vorwiegend die Konstruktion des Leichtwasserreaktors gewählt wurde, obwohl Schwerwasserreaktoren, gasgekühlte Reaktoren und mögliche andere Bautypen vielleicht besser sind ... Die Gründe für die damalige übergroße Eile der Regierung waren zweifellos nicht der Befürchtung einer drohenden Energieknappheit oder eines Anstiegs der Energiekosten geschuldet. Im Gegenteil, billiges Erdöl und Erdgas verdrängten damals kleinere Wasserkraftwerke im Nordosten und die beliebten Solaranlagen zur Warmwasserbereitung im Süden.

Die Regierung verfügte über die Konstruktionspläne eines Reaktors, der für Unterseeboote gebaut wurde. Diese Reaktoren sind ziemlich kompakt, flexibel in der Leistungsabgabe und können vergleichsweise mühelos einmal im Jahr mit neuem Brennstoff versehen werden, während das U-Boot im Hafen liegt und keinen Strom benötigt. Keine einzige dieser Eigenschaften ist für ein Stromversorgungsunternehmen von Vorteil, ganz im^regenteil.

Ein Stromversorfungsunter-nehmen ist nicht daran interessiert, zum Nachladen des Brennstoffs einmal jährlich die Anlage stillzulegen, weil während dieser Zeit Ersatzstrom gekauft werden muß, der im allgemeinen aus jenen wenig effizienten Anlagen stammt, die Strom nur zur Dek-kung des Spitzenbedarfs erzeugen und deshalb sehr teuer sind. Kompakte Bauweise ist bei einem Kraftwerk nicht erforderlich, ebensowenig eine flexible Leistungsabgabe, da Reaktoranlagen zur Deckung der Grundlast, also des Strombedarfs „rund um die Uhr“, gedacht sind. Trotz dieser Unterschiede übernahmen die künftigen Erbauer von Kernkraftwerken den für Unterseeboote gedachten Konstruktionstyp und mußten ihn nun beträchtlich verändern und erweitern.

Anscheinend rissen sich alle darum, mit ins Geschäft zu kommen. Tatsächlich wurden die ersten „schlüsselfertigen“ Anlagen mit erheblichen Verlusten verkauft, um sich in dieser Branche einen festen Platz zu sichern. Es handelt sich hierbei um ein gutes Beispiel für einen Produktionsdruck, der von der Technik und nicht von der Nachfrage ausgeht. Die Ubereile, mit der damals die Entwicklung von Reaktoranlagen betrieben wurde, bescherte uns eine besonders komplexe und eng gekoppelte Konstruktion, von der überdies angenommen wurde, ihr Maßstab lasse sich ohne ernsthafte Komplikationen beliebig vergrößern.

Selbst wenn es einen technologischen Durchbruch und einen weit sichereren Bautyp gäbe, ist es doch ziemlich unwahrscheinlich, daß er innerhalb der beiden kommenden Jahrzehnte in den USA gebaut werden würde. Wir verfügen gegenwärtig über etwa 70 ans Netz angeschlossene Kernkraftwerke, und in den kommenden Jahren sollen weitere 50 Anlagen den Betrieb aufnehmen — sofern die bisherige Stillegungsquote konstant bleibt. Selbst die optimistischesten Schätzungen gehen davon aus, daß innerhalb der nächsten fünf Jahre höchstens 120 Reaktoranlagen Strom erzeugen werden. Ein neuer Konstruktionstyp würde bei den Geldgebern für derartige Anlagen auf wenig Interesse stoßen; im allgemeinen leiden die Stromversorgungsunternehmen unter Uberkapazitäten, da der jahrzehntelang konstant bei sieben Prozent liegende Anstieg des Strombedarfs seit 1974 ständig zurückgegangen ist (1981 lag er nur noch bei 1,4 Prozent). Darüber hinaus würde es etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen, eine neue Anlage zu entwerfen und zu bauen, selbst wenn sie wesentlich weniger komplex wäre als die, über die wir zur Zeit verfügen.

Es bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als mit den Kernkraftwerken zu leben, die wir haben, mögen sie auch noch so unsicher sein. Wohlgemerkt: Ich behaupte nicht, daß es niemals eine Reaktoranlage geben wird, die nicht für komplexe Interaktionen hoch anfällig und eng gekoppelt wäre (obwohl ich vermute, daß dies aufgrund der Eigenart des hier relevanten Transformationsprozesses unmöglich ist), sondern nur, daß eine solche Anlage, sollte sie möglich sein, in den USA auf absehbare Zeit hinaus nicht gebaut werden wird. Und wenn wir der von der Industrie verkündeten Prognose Glauben schenken dürfen, dann haben die gegenwärtig in Betrieb befindlichen und die demnächst ans Netz gehenden Reaktoranlagen eine Lebensdauer von bis zu 40 Jahren.

Gekürzt aus: „Normale Katastrophen“ von Charles Perrow, Campus Verlag, Frankfurt/ New York 1988.

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