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Ein neuer Blick auf die Welt tut not

Ölpreis, Finanzkrise, teure Nahrungsmittel und Klimawandel werden Wirtschaft und Politik auch 2009 vor große Probleme stellen. Umdenken und Handeln ist das Gebot der Stunde.

Eine Installation ("Jesuitenkosmos" von Ch. Steinbrener und R. Dempf) verhängt derzeit in der Universitätskirche in Wien I den gewohnten Ausblick in die barocke Decke. Ein riesiges NASA-Foto gibt die Perspektive von einer Raumstation auf den blauen Planeten Erde wieder, die Beine eines Astronauten, der mit Reparaturarbeiten im All beschäftigt ist, und das Schwarz des Weltalls. Der himmelwärts suchende Blick der Gotteshausbesucher wird zurück auf das Irdische gerichtet, geschärft und sensibler, würde man hoffen.

Ob die Krise der Weltwirtschaft zu Beginn des neuen Jahres ähnlich verfremdende Wirkung haben könnte? Ob der "alte" Blick, auf immer höhere Profite in immer hybrideren Finanzwelten gerichtet, durch den brutalen Aktien-Kursverfall befreit wird um die Erde mit ihren Nöten und Möglichkeiten neu wahrnehmen zu können?

Bereits im ersten Halbjahr 2008, als die Subprime-Problematik noch nicht in ihrer globalen Dimension erkannt worden war, hatte der überhitzte Anstieg von Lebensmittel- und Erdölpreisen zu Hungerrevolten in mehreren Erdteilen und einem Chor an Warnrufen geführt, die mühsam errungenen Entwicklungsfortschritte würden in kürzester Zeit wieder vernichtet. Die Ölpreise sind zwar mittlerweile massiv eingebrochen (was wiederum Probleme nach sich zieht); die strukturellen Gründe für die Verteuerung vieler Grundlebensmittel - vor allem drastisch gestiegene Nachfrage aus den Schwellenstaaten, die ihren Konsum an jenen der Industriestaaten angleichen; jahrzehntelange Vernachlässigung von Investitionen in den Agrarsektor, insbesondere in Afrika; sowie die internationale Agrarpolitik - sind aber nach wie vor gegeben und werden sich weiter auswirken.

Verteilungsgerechtigkeit weit entfernt

Die Krise der Nahrungsmittelpreise zeigte auf - und zwar schon bevor die Finanzkrise dies auch für die Wohlhabenderen deutlich machte -, dass das internationale System massive Schwächen aufweist und jedenfalls von Verteilungsgerechtigkeit weit entfernt ist. Christopher Flavin, der Chef des Worldwatch Institutes ( www.worldwatch.org), brachte es in einer kurzen Wortmeldung beim Millenniums-Gipfel am 25. September in New York auf den Punkt: Das Weltwirtschaftssystem, das während der letzten fünfzig Jahre bisher nie gekannten Wohlstand für die Menschen in den sogenannten Industriestaaten (also in Europa, Nordamerika, Japan, Australien) gebracht hat, ist offensichtlich nicht in der Lage, diese Wohlstandsvermehrung auch für eine Weltbevölkerung von sechs Milliarden Menschen zu leisten; von dem auch nach konservativsten Prognosen zu erwartenden Anstieg auf neun Milliarden Menschen um das Jahr 2050 gar nicht zu reden.

Die Klimaproblematik verdeutlicht immer breiteren Bevölkerungsschichten, wie sich der Raubbau, den die industrielle Wirtschaftsweise weltweit betrieben hat, auf die Umwelt auswirkt, auf Ökosysteme, die wir zunehmend als Erbringer von lebenserhaltenden Leistungen verstehen. Ökosysteme etwa erhalten regionale Wasserhaushalte; sie bewahren die Artenvielfalt und sichern damit für zukünftige Generationen Optionen für Nahrungs- und Medikamentenproduktion; sie schützen vor Überschwemmung und Vermurung und leisten - durch die Fixierung von CO2 in Böden und Wäldern - einen Beitrag zur Stabilisierung des Weltklimas. Die Beeinträchtigung der Ökosysteme ist am spürbarsten für die Armen in den Entwicklungsländern, die am unmittelbarsten von den lebenserhaltenden Funktionen der Natur abhängig sind.

Die Diskussion bei der Klimakonferenz in Posen Anfang Dezember 2008 war von starker Nord-Süd-Rhetorik geprägt. Die Entwicklungsländer haben Interesse, die Industrieländer zur Abgeltung der bereits eingetretenen Schädigungen, für die sie die historische Hauptverantwortung tragen, zur Kasse zu bitten. Die Industrieländer haben Interesse, dass die Entwicklungsländer ihren Beitrag zur Stabilisierung des Weltklimas leisten. Niemand will Vorleistungen erbringen.

In diese sterilen Stehsätze mischten sich Ansätze eines alternativen Diskurses, der die Krise als Chance zu begreifen versucht. So argumentierte etwa Jeremy Rifkin ( www.foet.org) für die Einleitung der dritten industriellen Revolution: die radikale Umstellung der Energiesysteme auf erneuerbare Energien würde auch die besten Chancen zur Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrisen beinhalten, da sie Arbeitsplätze und Investitionsbedarf schaffe. Die dezentrale Bereitstellung von erneuerbaren Energien würde ähnlich revolutionierende Auswirkungen auf die Struktur und Arbeitsweise der Gesellschaft haben, wie sie das Web hatte, und könnte die Welt nicht nur wohlhabender, sondern - was er als vordringlich ansieht - auch gerechter machen.

Dass es bei der Suche nach einem Post-Kyoto-Klima-Regime auch um die Entwicklung globaler Steuerungsmechanismen gehe, die sich an Grundsätzen der Billigkeit und Ethik orientieren, das Gemeingut über kurzfristige partielle Gewinne stellen und der Fähigkeit der Ökosysteme, sich zu regenerieren, Rechnung tragen müssten, wurde von Think Tanks wie der schwedischen Tällberg Foundation ( www.tallbergfoundation.org) betont.

Mit der Erinnerung an die Grenzen der Tragfähigkeit der Ökosysteme sind wir letztlich dort, wo wir 1992 beim sogenannten UN-Erdgipfel in Rio (1992) schon einmal waren: beim Prinzip der Nachhaltigkeit. Industriestaaten und Entwicklungsländer verpflichteten sich damals dazu, gemeinsam und differenziert, wie es dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprach, eine nachhaltige Entwicklung ihrer Gesellschaften anzustreben und sich dabei - in wohlverstandenem Eigeninteresse - wechselseitig zu unterstützen. Dabei sollte die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit - Wirtschaftswachstum - mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Tragfähigkeit in Einklang gebracht werden. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung wurde nie als obsolet erklärt. Das Ergebnis von Rio wurde nie formell aufgekündigt. Dass es nicht verwirklicht wurde, ist angesichts der Krise, in der sich die Welt zu Beginn des Jahres 2009 befindet, offensichtlich.

Voraussetzungen für erfolgreiche Zukunft

Ein zweiter Anlauf, unter den verschärften Vorzeichen von heute, ist nicht nur keine Schande, sondern ein Gebot der Stunde. Damit wir diesmal erfolgreich sind, müsste

* die Politik das Gesetz des Handelns wieder an sich ziehen und den Märkten jene Rollen zuweisen, die sie erfolgreich und im Dienste des Gemeinwohls tatsächlich spielen können;

* der Komplexität der globalisierten Zusammenhänge, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, Rechnung getragen und der furchtbaren Versuchung der populistischen Simplifizierung in anspruchsvollen Medien und von verantwortungsvoller Politik widerstanden werden, damit mündige, gut informierte Bürgerinnen und Bürger den Nachhaltigkeitskurs einfordern und mittragen können;

* die Energiewende durch den massiven Einsatz von erneuerbaren Energieträgern und die Verwirklichung von Energie-Effizienz-Potenzialen beschleunigt werden;

* der soziale Zusammenhalt (bei uns in den "reichen" wie in den "armen" Ländern) gestärkt werden, weil sonst die soziale Säule der Nachhaltigkeit wegbrechen wird, noch bevor es die ökologische tut;

* internationale Solidaritätsmaßnahmen - wie Entwicklungszusammenarbeit, Katastrophenhilfe, Friedensmissionen - als Gebot der Mitmenschlichkeit und als Investition in die eigene Sicherheit und Lebensqualität verstanden werden.

Die größten Herausforderungen der nächsten Jahre werden Fragen der Ressourcenverteilung sein. Fossile Brennstoffe, Nahrungsmittel und Wasser stehen in engem Zusammenhang. Die Globalisierung hat eine Situation geschaffen, in der die Entwicklungschancen ganzer Länder und die Ernährungssicherheit weiter Bevölkerungsschichten in direkter Korrelation zu den Konsum- und Produktionsweisen der Reichen dieser Welt stehen. Es wird also zunehmend um Abwägungen der Nachfrage nach Energie, Wasser und Nahrung gehen, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Dies erfordert verstärkte Anstrengungen, um internationale Mechanismen des billigen Interessensabgleichs und der gerechten Ressourcenverteilung herauszubilden.

Ob die gegenwärtige Finanzkrise den Anstoß geben kann, an diese Aufgaben heranzugehen mit dem Ziel, nachhaltige Entwicklung für alle und gemeinsam anzustreben?

* Die Autorin leitet die Sektion für Entwicklungszusammenarbeit im österreichischen Außenministerium

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